Erich Kästner (1899–1974) war ein deutscher Schriftsteller, Journalist und Drehbuchautor. Berühmt wurde er vor allem für seine humorvollen und scharfsichtigen Kinderbücher, die für die damalige Zeit revolutionär waren. Sie liegen in zahlreichen Übersetzungen vor; allein der Roman »Emil und die Detektive« (1929) wurde in 40 Sprachen übersetzt. Bei der Bücherverbrennung der Nazis wurden auch Kästners Bücher dem Feuer übergeben.

Tabellarischer Lebenslauf

1899Geburt am 23. Februar 1899 in Dresden
1919Abitur am Dresdner König-Georg-Gymnasium; Aufnahme des Studiums in Leipzig in den Fächern Germanistik, Geschichte, Philosophie und Theatergeschichte
1919Begegnung mit Ilse Julius; die Romanze zwischen ihr und Kästner dauert bis 1926
1923Beginn der Freundschaft mit Erich Ohser (als Zeichner und Karikaturist bekannt unter dem Pseudonym e.o.plauen)
1925Promotion
1927Umzug nach Berlin
1929Bekanntschaft mit dem berühmten Illustrator Walter Trier (1890–1951); er zeichnete die bis heute bekannten Titelbilder für Kästners Kinderbücher
1935Beginn der Freundschaft mit Luiselotte Enderle, seiner späteren Lebensgefährtin
1945Umzug nach München
1949Erste Begegnung mit der Schauspielerin Friedel (eigentlich: Friedhilde) Siebert, mit der Kästner eine langjährige Liebesbeziehung unterhält;
1951Die Verfilmung des Romans »Das doppelte Lottchen« gewinnt den Deutschen Filmpreis
1951Präsidentschaft des PEN-Zentrums der Bundesrepublik, die er bis 1962 innehatte
1957Geburt von Sohn Thomas; die Mutter ist Friedel Siebert
1967Kästner veröffentlicht sein letztes Werk »Der kleine Mann und die kleine Miss«
1969Rückzug aus dem Literaturbetrieb; Trennung von Friedel Siebert
1974Tod am 29. Juli 1974 in München

Biografie

Dresden und Leipzig (1899–1927)

Erich Kästner wurde am 23. Februar 1899 in Dresden geboren. Er sagte von sich selbst, dass er »aus ganz kleinen Verhältnissen« stammte. Seine Eltern, Ida Kästner (1871–1951) und ihr Mann Emil (1867–1957) kamen aus dem Raum Döbeln in Sachsen. Nachdem sie dort mit dem eigenen Sattlergeschäft gescheitert waren, waren sie 1895 nach Dresden gezogen.

Fortan verdiente Emil Kästner den Lebensunterhalt für die Familie als Fabrikarbeiter. Der Verlust seines Unternehmens hatte ihn resignieren lassen. Seine Frau Ida war enttäuscht von ihm. Nach der Geburt des Sohnes Erich übertrug sie all ihren Ehrgeiz, ihre Wünsche und Hoffnungen auf das einzige Kind. Der Vater spielte weder in Erichs Kindheit noch später eine wesentliche Rolle. Zu seiner Mutter Ida dagegen, dem »Muttchen«, hatte Erich Kästner auch als Erwachsener noch ein auffallend enges Verhältnis.

Seiner Herkunft zum Trotz machte Erich Kästner 1919 sein Abitur und schrieb sich mit einem Stipendium der Stadt Dresden an der Universität Leipzig ein, unter anderem für Germanistik und Geschichte. Schon während des Studiums publizierte er Gedichte in Zeitungen und Zeitschriften. Ab 1924 arbeitete er als Redakteur für das Feuilleton der »Neuen Leipziger Zeitung«. 1925 beendete er sein Studium mit einer Promotion.

Berlin (1927–1945)

1927 ging Erich Kästner nach Berlin. Dort schrieb er für verschiedene renommierte Zeitungen, darunter die »Vossische Zeitung« und die »Weltbühne«. 1929 erschien »Emil und die Detektive«. Es war das erste von Kästners unkonventionellen Kinderbüchern, die ihn weltberühmt machten. Auch die Verfilmung wurde zwei Jahre später ein großer Erfolg. Nur Kästner war unzufrieden mit dem Drehbuch von Gerhard Lamprecht und Billy Wilder. Fortan arbeitete er selbst als Drehbuchautor für die Babelsberger Filmstudios. Zu seinen Klassikern für Kinder zählt auch das 1933 veröffentlichte Werk »Das fliegende Klassenzimmer«.

1931 veröffentliche Erich Kästner seinen Roman »Fabian – Geschichte eines Moralisten«, eine Warnung vor den damaligen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Nach der Machtübernahme durch die Nazis wurde Kästner zu einem der verbotenen Autoren. Wie viele seiner Kollegen passte auch er nicht zum nationalsozialistischen Verständnis von Kunst und Kultur. Bei der öffentlichen Bücherverbrennung auf dem Berliner Bebelplatz im Mai 1933 war Erich Kästner als einziger der betroffenen Schriftsteller unter den Zuschauern. Auch seine eigenen Bücher wurden dort verbrannt. In den folgenden Jahren wurde Kästner mehrmals verhaftet.

Trotz Veröffentlichungs- und Schreibverboten weigerte sich Erich Kästner, das nationalsozialistische Deutschland zu verlassen. Da sein Berliner Verleger, der Jude Kurt Leo Maschler, ihn nicht überreden konnte zu emigrieren, emigrierte er kurzerhand Kästners Bücher. Maschler ging in die Schweiz und gründete 1935 in Basel den Atrium Verlag (»Erich-Kästner-Verlag«). Dessen Sitz wurde später nach Zürich verlegt. Bis heute liegen die Weltrechte an sämtlichen Werken Kästners beim Atrium Verlag.

Auch der Unterhaltungsroman »Drei Männer im Schnee« wurde 1934 zuerst in der Schweiz veröffentlicht, ebenso wie 1936 die Gedichtsammlung »Doktor Erich Kästners lyrische Hausapotheke«: liebevoll ironische oder zeitkritische Gedichte. Diese ab den 1920er Jahren entstandene sogenannte Gebrauchslyrik machte ihn zu einer wichtigen Stimme der »Neuen Sachlichkeit«. Überraschenderweise gelang es Kästner, sich im faschistischen Deutschland zu arrangieren. Er verstand es, sich geschickt in unterschiedlichen Gattungen zu bewegen und mit Pseudonymen zu jonglieren. Später warf man Kästner vor, keine klare Position zum Nationalsozialismus bezogen zu haben.

München (1945–1974)

Nach dem Zweiten Weltkrieg übersiedelte Kästner nach München, wo er seine journalistische und schriftstellerische Arbeit fortsetzte. Bei den Nürnberger Prozessen gegen Kriegsverbrecher 1945/46 war er Prozessbeobachter. Von 1946 bis 1949 war er Herausgeber der Kinder- und Jugendzeitschrift »Pinguin«. Daneben schrieb er Texte und Chansons für das Kabarett. Er versorgte die Münchner »Schaubude«, die erste Kabarettbühne nach dem Krieg, und später »Die kleine Freiheit« mit Inhalten, die seinen früheren an Schärfe und Biss nicht nachstanden.

Darüber hinaus spielte er in der Literatur im Nachkriegsdeutschland keine wesentliche Rolle mehr. Einmal noch gelang ihm 1949 allerdings der Anschluss an die ganz großen Erfolge mit der Veröffentlichung von »Das doppelte Lottchen«. Nachdem 1967 »Der kleine Mann und die kleine Miss« erschienen waren, zog Kästner sich 1969 aus dem Literaturbetrieb zurück.

Erich Kästner starb am 29. Juli 1974 in München.

Kästners Biografen

Sven Hanuschek hat 1999 unter dem Titel »Keiner blickt dir hinter das Gesicht« eine Biografie des beliebten Schriftstellers veröffentlicht. Darin versucht er unter anderem, Kästners widersprüchliche Charakterzüge auszuloten: Die fehlende Eindeutigkeit seines politisches Handeln findet sich auch in seinen Liebesbeziehungen zu Frauen wieder. Die erste ernstzunehmende Biografie hatte bereits 1998 der Herausgeber der Kästner-Werkausgabe Josef Görtz zusammen mit Hans Sarkowicz publiziert. Görtz war der erste, der Einsicht in Kästners Nachlass hatte.

Werke von Erich Kästner (Auswahl)

1929
»Emil und die Detektive«
Kinderbuch
1929
»Lärm im Spiegel«
1929
»Leben in dieser Zeit«
Hörspiel
1931
»Pünktchen und Anton«
Kinderbuch
1931
»Fabian – Geschichte eines Moralisten«
Roman
1931
»Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee«
Kinderbuch
1933
»Das fliegende Klassenzimmer«
Kinderbuch
1934
»Drei Männer im Schnee«
Roman
1935
»Emil und die drei Zwillinge«
Kinderbuch
1936
»Doktor Erich Kästners lyrische Hausapotheke«
1948
»Kurz und bündig«
1949
»Das doppelte Lottchen«
Kinderbuch
1957
»Als ich ein kleiner Junge war«
Kinderbuch

Auszeichnungen und Preise (Auswahl)

1956Literaturpreis der Stadt München
1957Georg-Büchner-Preis
1959Großes Bundesverdienstkreuz
1960Hans Christian Andersen Preis
1970Kultureller Ehrenpreis der Landeshauptstadt München
1974Goldene Ehrenmünze der Landeshauptstadt München
2008Internationaler Preis der jungen Leser, Auswahlliste (Stiftung Lesen)

Zitate von Erich Kästner

»Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.«
Erich Kästner: Lärm im Spiegel, 1929
»Der Moralist pflegt seiner Epoche keinen Spiegel,
sondern einen Zerrspiegel vorzuhalten.
Die Karikatur, ein legitimes Kunstmittel,
ist das Äußerste, was er vermag.
Wenn auch das nichts hilft,
dann hilft überhaupt nichts mehr.«
Erich Kästner: Fabian, 1931
»An allem Unfug, der passiert,
sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun,
sondern auch die, die ihn nicht verhindern.«
Erich Kästner: Das fliegende Klassenzimmer, 1933
»Es gibt nichts Gutes
außer: Man tut es.«
Erich Kästner: Doktor Erich Kästners lyrische Hausapotheke, 1936
»Man kann sich auch
an offenen Türen den Kopf einrennen.«
Erich Kästner: Kurz und bündig, 1948

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