Stefan Zweig (1881 – 1942) ist neben Thomas Mann und Hermann Hesse der weltweit bekannteste und meistgelesene deutschsprachige Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Durch Übersetzungen und Übertragungen bedeutender Dichter wie Romain Rolland oder Emile Verhaeren machte Zweig sich ebenso einen Namen wie durch seine eigenen Werke.

Lebenslauf

1881 Am 28. November 1881 wurde Stefan Zweig als zweiter Sohn des jüdischen Textilfabrikanten Moritz Zweig und dessen Frau Ida, geb. Brettauer, in Wien geboren.
1887 – 1900 Besuch der Volksschule in der Werdertorgasse und des Maximiliangymnasiums; Matura.
1900 – 1904 Studium der Philosophie, Germanistik und Romanistik in Wien und Berlin; 1904 Promotion zum Dr. phil.
1901 Erste Buchveröffentlichung: »Silberne Saiten«, Gedichte.
1902 Beginn der langjährigen Mitarbeit bei der in Wien erschienenen Tageszeitung »Neue Freie Presse« (1864–1939). Begegnung mit Theodor Herzl. Reise nach Belgien und Bekanntschaft mit dem belgischen Dichter Emile Verhaeren.
ab 1902 Übertragung und Herausgabe verschiedener Bücher und Einzelwerke aus dem Englischen und Französischen (Verlaine, Baudelaire, Verhaeren, Archibald B. G. Russell, Rimbaud).
1904 Veröffentlichung der ersten Novellensammlung: »Die Liebe der Erika Ewald«.
1904 – 1914 Reisen innerhalb Europas, in das Osmanische Reich (heute: Türkei), nach Nordafrika, Indien und Amerika.
1910 Beginn des Briefwechsels und der Freundschaft mit dem fünfzehn Jahre älteren Romain Rolland (Nobelpreis für Literatur 1915).
1912 Erste Begegnung mit Friderike Maria von Winternitz (1882–1971), geb. Burger, seiner späteren Ehefrau.
1914 Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs Rückkehr nach Wien; Einberufung in das Kriegsarchiv des Kriegsministeriums. Im Laufe des Kriegs wurde Stefan Zweig zu einem engagierten Vertreter des Pazifismus.
1915 Beginn der Arbeit an dem Antikriegsdrama »Jeremias« (Uraufführung 1918 in Zürich).
1917 Ausreise in die Schweiz und längerer Aufenthalt in Zürich. Treffen mit Rolland. Neue Freundschaften mit J. P. Jouve, René Arcos und Frans Masereel. Begegnungen mit Hermann Hesse, Fritz von Unruh, James Joyce, Franz Werfel.
1919 Rückkehr nach Österreich und Übersiedlung in das Haus am Kapuzinerberg in Salzburg.
1920 Eheschließung mit Friderike Maria von Winternitz. Zahlreiche Veröffentlichungen, darunter »Drei Meister (Balzac, Dickens, Dostojewski) als erster Band der Reihe »Baumeister der Welt«. Der zweite Band »Der Kampf mit dem Dämon (Hölderlin, Kleist, Nietzsche)« erschien 1925, der dritte 1928: »Drei Dichter ihres Lebens (Casanova, Stendhal, Tolstoi)«.
1928 Russlandreise anlässlich des 100. Geburtstags von Leo Tolstoi.
1930 Besuch bei Maxim Gorki in Capo di Sorrento.
1931 Reise nach Frankreich; Begegnung mit Joseph Roth.
1933 Am 10. Mai Verbrennung der Bücher Stefan Zweigs durch die Nationalsozialisten. Ab 20. Oktober längerer Aufenthalt in London.
1934 Wohnsitznahme in London; Beginn der Beziehung zu Lotte Altmann, seiner Sekretärin und späteren zweiten Ehefrau.
1936 Erste Reise nach Brasilien und zum PEN-Kongress in Buenos Aires.
1937 Emigration nach England und Trennung von Friderike Zweig (Scheidung im Dezember 1938).
1939 Eheschließung mit Lotte Altmann. Erhalt der beantragten englischen Staatsbürgerschaft.
1940 Reise nach New York und Südamerika.
1941 Emigration nach Brasilien; Bezug eines Hauses in Petrópolis bei Rio de Janeiro, heute die »Casa Stefan Zweig«.
1942 Freitod am 23. Februar 1942 gemeinsam mit Lotte Zweig; Staatsbegräbnis in Petrópolis, Brasilien.

Biografie

Stefan Zweig (1881 – 1942) ist neben Thomas Mann und Hermann Hesse der weltweit bekannteste und meistgelesene deutschsprachige Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Durch Übersetzungen und Übertragungen bedeutender Dichter wie Romain Rolland oder Emile Verhaeren machte Zweig sich ebenso einen Namen wie durch seine eigenen Werke.

Zweig verfasste vor allem Erzählungen und Novellen sowie zahlreiche Essays und Monografien, einige Dramen und ein Opernlibretto. Zu seinen bekanntesten Werken zählen die »Schachnovelle« (1941) sowie die autobiografischen Schilderungen »Die Welt von gestern« (1942). Der Sohn aus großbürgerlichem Hause war ein umtriebiger Geist, als Autor äußerst produktiv und im ständigen Austausch mit Schriftstellern, Intellektuellen und Musikgrößen seiner Zeit.

Zeit seines Lebens war Stefan Zweig ein Reisender. Immer wieder gab er seiner »Wanderlust« nach, wechselte zwischen literarischen Gattungen ebenso wie zwischen Orten: Ausgedehnte Reisen führten ihn quer durch Europa, nach Hinterindien und in die Neue Welt. Mit dem Ausspruch »Meine Koffer gähnen mich leer an: ich muß ihnen jetzt das Maul stopfen« bereitete er im Februar 1911 seine erste Reise nach Amerika vor.

In seinem letzten Lebensjahrzehnt wurde aus Zweigs Leidenschaft, zu reisen und Neues zu entdecken, bittere Notwendigkeit: Vor dem um sich greifenden Nationalsozialismus emigrierte der Jude Zweig zunächst nach England und dann über New York nach Südamerika. Im brasilianischen Petropolis fand er eine neue Bleibe.

Jedoch reichte nach Jahren des Exils seine Kraft nicht mehr für einen Neuanfang in der Fremde, wie er in seinem Abschiedsbrief »Declaracão« schrieb. Zusammen mit seiner zweiten Frau Lotte nahm er sich am 23. Februar 1942 das Leben. Seinen Freunden in Europa sandte der überzeugte Pazifist vor seinem Tod einen Gruß: Er wünschte ihnen, nach der »langen Nacht« des Nationalsozialismus noch die »Morgenröte« zu sehen.

»Vor der Morgenröte« (2016)

Der deutsche Film »Vor der Morgenröte« kam im Sommer 2016 in die Kinos. In sechs Episoden erzählt die Regisseurin Maria Schrader von den letzten Lebensjahren des Schriftstellers Stefan Zweig. Im brasilianischen Exil persönlich zwar in Sicherheit, stürzt ihn die Situation in seiner Heimat in eine tiefe Verzweiflung. Hilflos muss der überzeugte Pazifist mit ansehen, wie Europa auf den Abgrund zusteuert. Er leidet an Schuldgefühlen gegenüber den zurückgelassenen Freunden. Das Werk ist eine einfühlsame psychologische Studie über einen großen Künstler und zugleich eine geschichtliche Rückschau mit Auswirkungen in die Gegenwart.

Werke von Stefan Zweig (Auswahl)

1901
»Silberne Saiten«
Gedichte
1904
»Die Liebe der Erika Ewald«
Novellen
1907
»Tersites. Ein Trauerspiel in drei Aufzügen«
Drama
1911
»Erstes Erlebnis – Vier Geschichten aus Kinderland«
Novellen
1918
»Jeremias. Eine dramatische Dichtung in neun Bildern«
Drama
1919
»Drei Meister: Balzac. Dickens. Dostojewski«
Essays
1925
»Angst«
Novelle
1925
»Der Kampf mit dem Dämon: Hölderlin. Kleist. Nietzsche«
Essays
1926
»Volpone«
Drama
1926
»Verwirrung der Gefühle«
Novellen
1927
»Sternstunden der Menschheit«
Erzählungen
1929
»Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen«
Biografie
1932
»Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters«
Biografie
1935
»Maria Stuart«
Romanbiografie
1935
»Die schweigsame Frau«
Opernlibretto
1938
»Magellan. Der Mann und seine Tat«
Biografie
1939
»Ungeduld des Herzens«
Roman
1941
»Die Schachnovelle«
Novelle
1942
»Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers«
Autobiografie

Zitate von Stefan Zweig

»Niemand ist fort, den man liebt; Liebe ist ewige Gegenwart.«
Stefan Zweig, Legende eines Lebens, 1919
»Immer sind Millionen Menschen innerhalb eines Volkes nötig, damit ein Genius entsteht, immer müssen Millionen müßige Weltstunden verrinnen, ehe eine wahrhaft historische, eine Sternstunde der Menschheit in Erscheinung tritt.«
Stefan Zweig, Sternstunden der Menschheit, 1927
»Welches Urteil wäre schwerer umzustoßen als ein Vorurteil?«
Stefan Zweig, Die Heilung durch den Geist (Mesmer, Mary Baker-Eddy, Freud), 1931
»Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mit-leiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele. Und das andere, das einzig zählt – das unsentimentale, aber schöpferische Mitleid, das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend alles durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus.«
Stefan Zweig, Ungeduld des Herzens, 1939
»Es lohnt sich schon, etwas Schweres auf sich zu nehmen, wenn man es einem anderen Menschen damit leichter macht.«
Stefan Zweig, Ungeduld des Herzens, 1939
»Das Attraktive des Schachs beruht doch im Grunde einzig darin, dass sich seine Strategie in zwei verschiedenen Gehirnen verschieden entwickelt, dass in diesem geistigen Krieg Schwarz die jeweiligen Manöver von Weiß nicht kennt und ständig zu erraten und zu durchkreuzen sucht, während seinerseits wiederum Weiß die geheimen Absichten von Schwarz zu überholen und parieren strebt.«
Stefan Zweig, Die Schachnovelle, 1941
»Am Tage, da ich meinen Paß verlor, entdeckte ich mit achtundfünfzig Jahren, daß man mit seiner Heimat mehr verliert als einen Fleck umgrenzter Erde.«
Stefan Zweig, Die Welt von Gestern, 1942

Inhaltsangaben

Weiterführende Literatur

Oliver Matuschek: Stefan Zweig, 2006 bei S. Fischer, Frankfurt am Main
Unter dem Subtitel »Drei Leben – Eine Biographie« erzählt Oliver Matuschek die aufregende Lebensgeschichte von Stefan Zweig. In seinem 2006 veröffentlichten Buch stützt sich der Autor auf neue, zuvor nicht zugängliche Quellen. Matuschek hat sorgfältig recherchiert und den Stoff zu einer spannenden Lektüre verarbeitet.
Ulrich Weinzierl: Stefan Zweigs brennendes Geheimnis, 2015 bei Paul Zsolnay
Die Recherche Ulrich Weinzierls und seine Interpretation vermeintlich verborgener Seiten Zweigs ist nicht unumstritten. Weinzierl erzählt von sexuellen Vorlieben Zweigs, die in seiner Epoche wohl nicht unüblich waren. Auch von Friderike Zweig und ihrer Rolle im Leben des Schriftstellers wird ein eher negatives Bild gezeichnet.