Impressionismus in der Literatur

In der Literatur steht der Begriff Impressionismus für eine Stilrichtung, die subjektive, flüchtige Eindrücke und sinnliche Empfindungen eines Dichters oder seiner Figuren in den Vordergrund stellt. Im Impressionismus bestimmt die momentane, von vergänglichen Bedingungen beeinflusste Wahrnehmung des Dargestellten die Art und Weise der Darstellung. Damit richtet sich der Impressionismus gegen die Programmatik des vorangegangenen Naturalismus, dem es vor allem um eine möglichst objektive, realitätsnahe Darstellung existierender sozialer und gesellschaftlicher Verhältnisse geht.

Auch den Impressionisten geht es um Realitätsnähe – sie definieren jedoch »Realität« völlig anders als die Naturalisten. Für sie wird die Wirklichkeit nicht durch politische und soziale Bedingungen, sondern durch die subjektiven Gefühle des Künstlers bestimmt. Wirklichkeit ist also nicht die äußere Welt an und für sich, sondern die äußere Welt, wie sie vom jeweiligen Betrachter durch den Filter seines inneren Erlebens wahrgenommen wird.


Ursprung in der Malerei

Impressionismus wurde als Bezeichnung einer Epoche zuerst in der bildenden Kunst geprägt. Der Begriff stand für eine neue Art zu malen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich entwickelt wurde. Erst später wurde dieser Begriff auch auf andere Kunstgattungen wie Musik und Literatur übertragen.

Das französische Wort »Impression« heißt übersetzt so viel wie »Eindruck« oder »Anschein«, kann aber in bestimmten Zusammenhängen auch »Gefühl« bedeuten. All diese Übersetzungen veranschaulichen, worum es Malern des Impressionismus wie Manet, Monet, Renoir und Degas ging: Sie wollten eine Landschaft, ein Stilleben oder eine Person so auf die Leinwand bringen, wie es der Stimmung eines Augenblicks entsprach.

Eine solche Stimmung konnte von Wetterphänomenen und Licht ebenso beeinflusst werden wie von den Gefühlen und persönlichen Eindrücken des Künstlers. Nicht die möglichst objektive, naturgetreue Abbildung eines Motivs, sondern der Anschein, den ein Motiv im gegenwärtigen Augenblick darbot, war für die Maler des Impressionismus ausschlaggebend.


Übernahme impressionistischer Prinzipien in der Literatur

»Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, dass man neue Landschaften sucht, sondern dass man mit neuen Augen sieht.«
Marcel Proust

Mit der zunehmenden öffentlichen Beachtung impressionistischer Malerei gegen Ende des 19. Jahrhunderts wuchs ihr Einfluss auf andere Kunstgattungen. So entstand zwischen 1890 und 1920 auch in der Literatur eine Strömung, die sich rückblickend als »Impressionismus« klassifizieren lässt. Die Dichter, die man den Impressionisten zurechnet, haben sich allerdings selbst nie mit diesem Wort bezeichnet. Auch hierin anders als die Naturalisten, gegen die sie sich wendeten, entwickelten sie keine eigene Programmatik und organisierten sich nicht in literarischen Gruppen. Sie pflegten nur teilweise Kontakt untereinander und verfolgten keine explizit formulierten gemeinsamen literarischen Ziele.


Kein herkömmlicher Epochenbegriff

Anders als in der Malerei, hat der Begriff »Impressionismus« darum auch als Bezeichnung einer literarischen Stilrichtung keine epochemachende Bedeutung wie z. B. »Romantik« oder »Bürgerlicher Realismus«. Zu unterschiedlich sind die unter diesem Begriff zusammengefassten Autoren und Werke, zu fließend die Übergänge zu anderen literarischen Strömungen derselben Zeit, z. B. Symbolismus, Dekadenz oder Neuromantik. Dennoch lassen sich einige gemeinsame Merkmale bestimmen.

Wichtige Autoren des Impressionismus

Merkmale impressionistischer Literatur

Themen des Impressionismus

Der Anspruch impressionistischer Dichtung, den Naturalismus zu überwinden, führte zu einer Abwendung von politischen Inhalten. Stattdessen stellte man Themen in den Mittelpunkt, bei denen es auf das innere Erleben eines Individuums ankam: Naturempfindung, Liebe, Sehnsucht, Sinnsuche, emotionaler Schmerz und die Auseinandersetzung mit dem Tod.

Genau wie die Maler des Impressionismus wollten auch die impressionistischen Dichter und Schriftsteller das von ihnen Dargestellte so wiedergeben, wie es einem momentanen Eindruck entsprach.

Lyrik des Impressionismus

Es liegt nahe, dass damit die Lyrik eine ihrer bevorzugten Gattungen war. Das Skizzenhafte und Subjektive eines Eindrucks im Hier und Jetzt konnte in ihr besonders gut ausgedrückt werden. Die deutsche Lyrik des Impressionismus wurde von französischen Vorläufern wie Paul Verlaine, Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire beeinflusst. Impressionistische Lyriker setzten Lautmalerei, Bilder, Metaphern und neue Wortschöpfungen und -zusammensetzungen ein, um inneres Erleben und Gefühle zu veranschaulichen. Zu den bedeutendsten Lyrikern des Impressionismus gehören Rainer Maria Rilke und Hugo von Hofmannsthal.

Das Drama des Impressionismus

Vor allem die Kurzform des Einakters kam den impressionistischen Darstellungszielen entgegen. Um 1900 wurde die Bezeichnung Dramolett für das Kurzdrama geprägt. Darüber hinaus experimentierten impressionistische Dramatiker mit Mischformen wie dem lyrischen Drama oder der Tragikomödie.

Berühmte Dramolette des Impressionismus sind Hugo von Hofmannsthals »Tod des Tizian« und »Der Tor und der Tod«, außerdem der »Anatol«-Zyklus von Arthur Schnitzler.

Prosatexte des Impressionismus

In der Prosa des Impressionismus wurden Kurzformen wie die Novelle oder die Skizze bevorzugt. In ihnen ließ sich die deckungsgleiche Abbildung von Eindrücken leichter von Anfang bis Ende durchhalten als in großen Prosaformen wie dem Roman. Die innovativen Stilmittel und Erzählhaltungen, die hier zum Einsatz kamen, bereiteten zum Teil schon die literarische Moderne vor.

Ein Beispiel dafür ist der innere Monolog. Arthur Schnitzler war einer der ersten Autoren, die ihn in einem Werk konsequent durchhielten. Seine Erzählung »Fräulein Else« zeigt das Geschehen, wie es von seiner Hauptfigur erlebt wird und gibt es in einer Art Selbstgespräch wieder. Hierbei werden auch Ausrufe, unvollständige Sätze und Satzfetzen sowie lautmalerische Wörter verwendet.

Eng mit dem inneren Monolog verwandt ist die erlebte Rede. In ihr spricht nicht die Figur selbst, sondern ein Erzähler, der in der dritten Person Singular (»er« oder »sie«) aber wiederum das innere Erleben einer Person schildert.

Erst in der literarischen Moderne ging man so weit, auch umfangreiche Romane komplett auf inneren Monologen oder erlebter Rede aufzubauen (James Joye, Ulysses; Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften).