Inhaltsangabe

»Der kaukasische Kreidekreis« ist ein Drama von Bertolt Brecht, das er 1944 im amerikanischen Exil verfasste. Die Uraufführung fand 1948 in Minnesota statt, die deutsche Erstaufführung 1954 in Ostberlin. In dem Stück geht es um den Streit des Küchenmädchens Grusche und der Gouverneurswitwe Natella Abaschwili um den zweijährigen Michel. Der Richter Azdak wendet die Kreidekreisprobe an und entscheidet schließlich für die soziale und gegen die leibliche Mutterschaft. Ort der Haupthandlung ist Georgien zur Zeit des Persischen Krieges.

Vorspiel

Vertreter zweier kaukasischer Kolchosen treffen sich nach der Vertreibung der deutschen Wehrmacht und diskutieren das Nutzungsrecht an einem Tal. Der Ziegenzuchtkolchos hat ältere Rechte an dem Land. Er erkennt jedoch den Plänen des Obstbaukolchos größeren gesellschaftlichen Nutzen zu und verzichtet auf das Tal. Nach der Einigung sollen die Beteiligten mit einem Theaterstück unterhalten werden. Der Sänger Arkadi Tscheidse kündigt das Spiel vom Kreidekreis an: nach einer Sage aus dem Chinesischen, aber in geänderter Form.

1 Das Hohe Kind

Der reiche Gouverneur Georgi Abaschwili besucht am Ostersonntagmorgen mit seiner Frau Natella und dem Kind Michel die Messe. Selbstzufrieden nimmt der Gouverneur dabei auch die Ehrerbietung des Fürsten Kazbeki entgegen, der die Gefahr einer drohenden Niederlage im Persischen Krieg herunterspielt. Ein Bote versucht, Nachrichten vom Kriegsschauplatz zu überbringen, wird aber vom Gouverneur nicht angehört.

Die beunruhigenden Gerüchte über eine schlechte Wende des Krieges in Persien führen zu einem Aufstand der Fürsten gegen den Großfürsten und seine Gouverneure. Der Überfall auf den Gouverneur Abaschwili wird von seiner Palastwache nicht verhindert. Während im Ort und im Palast Brände gelegt werden und alle Menschen panisch ihre Flucht vorbereiten, sucht der Soldat Simon Chachawa nach dem Küchenmädchen Grusche. Die beiden verloben sich und Grusche verspricht, auf Simon zu warten, bis der Krieg zu Ende ist.

Im Angesicht der tödlichen Gefahr hat die Gouverneursfrau nur die Rettung ihrer Kleider und Ausstattung im Sinn. Sie schikaniert die Dienstboten, bis sie vom Adjutanten auf sein Pferd gezerrt und in Sicherheit gebracht wird. Ihr Kind lässt sie zurück. Grusche nimmt sich des kleinen Michel an und begibt sich damit wissentlich in Gefahr: Nach der Enthauptung des Gouverneurs lässt Fürst Kazbeki nach dem Kind und Erben suchen.

2 Die Flucht in die nördlichen Gebirge

Grusche versucht mit dem Kind ihren Verfolgern zu entkommen. Der Krieg im Land macht es schwer, Nahrung oder einen Schlafplatz zur Nacht zu finden. Die Suchtrupps des Fürsten dicht hinter sich wissend fühlt sich Grusche hilflos und überfordert von der Verantwortung für das Kind. Ihr Plan, das Kind einer Bäuerin anzuvertrauen, scheitert. Um sich und das Kind zu retten, schlägt Grusche einen der ihr nachjagenden Panzerreiter mit einem Holzscheit nieder. Erneut auf der Flucht, zieht sie Michel unterwegs die verräterischen teuren Kleider aus und hüllt es in Lumpen. Sie nimmt ihn als ihr Kind an. Indem sie unter Lebensgefahr eine morsche Brücke über einem Abgrund überquert, kann sie die Panzerreiter endgültig abschütteln.

3 In den nördlichen Gebirgen

Grusche erreicht mit dem Kind das Haus ihres Bruders Lavrenti, in dem dessen scheinheilige Ehefrau bestimmt. Grusche findet nicht die erhoffte Unterstützung und muss mit ihrem vermeintlich nichtehelichen Kind weiterziehen. Lavrenti wird sich mit einer Bäuerin im Nachbartal einig. Gegen Zahlung einer hohen Summe stimmt diese einer Heirat ihres todkranken Sohnes Jussup mit Grusche zu.

Gleich nach der Hochzeit verbreitet sich die Nachricht, dass der Krieg aus sei und die Soldaten zurückkehren. Sogleich erhebt sich Jussup von seinem vermeintlichen Totenlager und fordert von Grusche seine ehelichen Rechte ein. Simon Chachawa taucht auf und zieht seine Schlüsse aus der Situation. Er wendet sich von Grusche ab, ohne ihren Erklärungen zuzuhören. Panzerreiter erscheinen und bringen Michel in ihre Gewalt, von dem sie annehmen, dass er der Sohn von Natella Abaschwili ist. Diese verlangt ihr Kind zurück.

4 Die Geschichte des Richters

In den Wirren nach dem Aufstand des Ostersonntags versteckt der Dorfschreiber Azdak einen als Bettler verkleideten Mann. Als Azdak erfährt, dass es der Großfürst ist, dem er geholfen hat, klagt er sich in der Hauptstadt selber an. In Ermangelung eines Richters lassen die Soldaten Azdak laufen.

Der Fürst Kazbeki will die vakante Richterstelle mit seinem Neffen Bizergan besetzen. Um dessen Eignung für das Richteramt zu prüfen, regt Azdak an, eine Probeverhandlung anzuberaumen. Azdak spielt dabei die Rolle des angeklagten Großfürsten, der sich verteidigt, indem er den Fürsten die Schuld am Ausgang des Krieges gibt. Daraufhin rufen die Soldaten Azdak gegen den Willen des Fürsten als neuen Richter aus.

Azdak ist bestechlich, seine Rechtsprechung ist willkürlich und genügt in keiner Weise dem Gesetz. Als der Großfürst, unterstützt vom persischen Schah, wieder an die Macht kommt, fürchtet Azdak, wegen Amtsmissbrauchs bestraft zu werden.

5 Der Kreidekreis

Panzerreiter fangen den aus Angst entflohenen Azdak ein und wollen ihn hängen. Überraschend wird er jedoch vom Großfürsten als Dank für die einstige Rettung zum Richter bestellt und somit in seinem Amt bestätigt. Unterdessen sind Grusche und die Gouverneurswitwe erschienen, die beide Anspruch auf Michel erheben.

Grusche wird von der Köchin und Simon, der sich als Kindsvater ausgeben will, unterstützt; Natella Abaschwili kommt mit zwei Anwälten, die Azdak Bestechungsgeld zahlen. Natella beruft sich auf die biologische Mutterschaft, doch es wird deutlich, dass sie das Kind braucht, um Zugang zum Erbe ihres Mannes zu erhalten. Grusche bestreitet gegenüber Azdak dessen Befähigung zum Richteramt. Sie wiederholt mehrfach, dass sie das Kind unter Opfern gerettet und aufgezogen habe.

Azdak lässt einen Kreis aus Kreide um Michel zeichnen: Die richtige Mutter werde das Kind aus dem Kreis ziehen. Natella Abaschwili zieht an Michel und Grusche lässt dessen Hand sofort los. Der Versuch wird wiederholt und erneut lässt Grusche das Kind los. Sie begründet ihr Handeln damit, dass sie nicht zerreißen könne, was sie großgezogen habe. Azdak erkennt in ihr die wahre Mutter und spricht ihr das Kind zu. Im Anschluss an die Verhandlung folgt er nicht dem Scheidungsantrag eines alten Ehepaares, sondern scheidet Grusche von Jussup. Auf seinen Fehler aufmerksam gemacht, hält Azdak an seinem Urteil fest. Am selben Abend legt er sein Richteramt nieder.

In seinem Text »Der kaukasische Kreidekreis« stützte Brecht sich auf unterschiedliche Quellen. Dazu gehörte das chinesische Kreidekreis-Drama aus dem 13. Jahrhundert ebenso wie Klabunds (eigentlich: Alfred Henschke) Fassung des Stoffs aus dem Jahre 1925 und das biblische Urteil des Salomo. Zentrales Mittel in Brechts epischem Theater ist der Verfremdungseffekt. Hier sind es unter anderem die Auftritte des Sängers, die das »Spiel im Spiel« verdeutlichen und Abstand zwischen dem Bühnengeschehen und dem Zuschauer schaffen. Dieser erhält die Möglichkeit, Menschen und Verhältnisse nicht als unveränderlich anzusehen, sondern politische und gesellschaftliche Handlungsspielräume zu erkennen.


Zusammenfassung von Mia Sabinger /  Inhaltsangabe.de.
Veröffentlicht am 22. August 2014, zuletzt aktualsiert am 26. März 2017.

Rezeptionsgeschichte

Bis zu Brechts Abreise aus den Vereinigten Staaten 1947 kam es dort nicht zu einer Aufführung des Dramas. Die amerikanische Uraufführung fand 1948 in englischer Sprache im Carleton College in Northfield, Minnesota, statt. Die Übersetzung des Textes war jedoch von Brecht nicht autorisiert worden. In der Folgezeit gab es weitere Aufführungen in den USA, in England, Schweden und Finnland. Als eigentliche Uraufführung galt für Brecht die Inszenierung 1951 am Stadttheater in Göteborg.

Im Jahre 1953 begannen die Proben für die deutsche Erstaufführung mit dem Berliner Ensemble. Paul Dessau komponierte die Musik zu dem Stück, in dem Brecht die Regie führte. Die Aufführungen im Sommer 1954 führten zu ablehnender Kritik. Dabei ging es nicht nur um Inhalte, sondern das epische Theater als solches. Erst der überwältigende Erfolg eines Gastspiels in Paris 1955 führte zur Durchsetzung von Brechts Theater in der Weltliteratur.

Da die westdeutsche Kritik sich vor allem gegen ideologische Inhalte richtete, wurde bei der Erstaufführung in Frankfurt am Main 1955 mit Brechts Einverständnis auf das Vorspiel verzichtet. Ungeachtet negativer Kritik der Kulturszene stieß die Inszenierung auf breite Resonanz in der Presse. Inzwischen gehört  »Der kaukasische Kreidekreis« in Deutschland und anderswo zu den am häufigsten gespielten Stücken Brechts.

Neben der Bühnenrezeption liegen Hörspielfassungen des Stücks sowie Verfilmungen und sogar Bearbeitungen als Puppenspiel vor.

Aufbau des Dramas

In der ursprünglichen Fassung bestand das Stück »Der kaukasische Kreidekreis« aus einem Vorspiel und fünf Akten. Später hat Bertolt Brecht die Zählung verändert. Das Vorspiel wurde zum ersten von sechs Akten erklärt. Dies kann als Antwort auf die westdeutsche sowie andere Inszenierungen verstanden werden, die das Vorspiel einfach wegließen. Die Beziehung des Vorspiels zum Stück wurde von Kritikern und in der Literaturwissenschaft eingehend diskutiert.