»Die heilige Johanna der Schlachthöfe« ist ein episches Theaterstück von Bertolt Brecht. Fertiggestellt wurde das Werk 1930, zur Uraufführung kam es 1959.

Die heilige Johanna der Schlachthöfe

Inhaltsangabe

Bertolt Brecht schrieb 1929/30 in Berlin das epische Theaterstück »Die heilige Johanna der Schlachthöfe«. Schauplatz der Handlung sind die Union Stock Yards, die Schlachthöfe Chicagos, während der Weltwirtschaftskrise von 1929. Im Mittelpunkt steht die Heilsarmistin Johanna Dark. Angesichts des Arbeiterelends wird sie zur Klassenkämpferin. Sie scheitert jedoch in ihrem Bemühen, die sozialen Missstände zu verändern.

Eine gekürzte Fassung des Stücks erschien 1932 als Hörspiel im Berliner Rundfunk. Zur Uraufführung gelangte die Heilige Johanna erst 1959 in Hamburg. Das Stück besteht aus zwölf Bildern. Einige davon sind in weitere Einzelbilder untergliedert.


Auf Anraten seiner Informanten an der New Yorker Wall Street will Chicagos führender Fleischfabrikant Pierpont Mauler seine Firmenanteile verkaufen. Sein Partner Cridle soll seine Anteile übernehmen. Dafür muss Mauler zuvor den gefährlichen Konkurrenten Lennox zu Fall bringen.

Lennox’ Ruin treibt seine Arbeiter ins Elend. Angeführt von Johanna Dark verteilen Mitglieder der Heilsarmee (Schwarze Hüte) Essen an die Hungernden. Sie singen und predigen von der Liebe Gottes. Als bekannt wird, dass auch Mauler und Cridle ihre Fabriken schließen, bricht Verzweiflung aus. Johanna bittet Mauler um Hilfe für die Armen.

Jeanne d‘Arc

Jeanne d’Arc (ca. 1412–1431) ist eine französische Nationalheldin. Während des Hundertjährigen Krieges verhalf die Bauerntochter den Franzosen zum Sieg über die Engländer. Aufgrund von Verrat wurde sie später hingerichtet. Ihr Schicksal ist Stoff zahlreicher literarischer Werke, darunter Schillers berühmter Tragödie »Die Jungfrau von Orleans« (1801).

Brecht nimmt mit dem Namen seiner Hauptfigur, Johanna Dark, Bezug auf diesen Stoff. Obwohl sein Drama oft als Parodie auf Schillers Tragödie betrachtet wird, ist auch seine Johanna eine glühende Idealistin. Erst am Schluss des Stückes akzeptiert sie Gewalt als Mittel zur Durchsetzung revolutionärer Ziele. Zu diesem Zeitpunkt wird sie jedoch von den Kapitalisten bereits zur christlichen Märtyrerin stilisiert.

Mauler seinerseits will Johanna zeigen, dass die Charakterlosigkeit der Armen Schuld an ihrem Unglück sei. Doch Johanna begreift schnell, dass die Armen nur aus Hunger und Verzweiflung unmoralisch handeln. Zusammen mit den Schwarzen Hüten zieht sie zur Viehbörse und prangert die Gewissenlosigkeit der Börsianer an.

Beeindruckt von Johannas furchtlosem Auftreten, will Mauler den Markt retten. Ohnehin veranlasst ihn ein zweiter Brief von der Wall Street zur Änderung seiner Taktik. Johanna betrachtet Mauler als Wohltäter. Sie selbst wird als Vermittlerin gefeiert. Später begreift sie, dass Maulers Handeln nur ihm persönlich, nicht aber den Arbeitern nützt.

Maulers Ansicht nach gehören Kapitalismus und Religion zusammen. Er verlangt von Johanna, seine manipulativen Eingriffe in den Markt als notwendig anzuerkennen. Im Gegenzug will er die Schwarzen Hüte unterstützen. Doch Johanna lehnt ab. Vielmehr macht sie die Sache der Arbeiter zu ihrer eigenen. Dabei hängt sie weiterhin dem Ideal der Gewaltlosigkeit an.

Inzwischen kontrolliert Mauler die gesamte Fleischindustrie. Die Arbeiter planen einen Generalstreik. Johanna soll einen Brief mit dem Aufruf dazu überbringen. Aus Angst vor einem Aufstand ändert Mauler erneut seine Taktik. Die Arbeiter erklären sich Maulers Wandel mit Johannas Einfluss auf ihn. Sie wird als Wohltäterin gefeiert. Daraufhin hält Johanna den Streik und die dazugehörige Gewalt für überflüssig. Sie leitet den Brief nicht weiter und der Generalstreik platzt.

Doch der Fleischmarkt ist längst ruiniert; alle Fabriken bleiben geschlossen. Die hungernden Massen klagen Johanna an. Verzweifelt erkennt sie ihren Fehler, den Generalstreik vereitelt zu haben. Als der Aufstand niedergeschlagen ist, kommt es zu weiteren Entlassungen und Lohnsenkungen. Johanna erkennt, dass all ihr Tun vergeblich war. Das Elend der Arbeiter ist noch größer geworden.

Ohnmächtig bricht Johanna zusammen. Die Sterbende erkennt, dass die Not der Arbeiterklasse den Kapitalismus am Leben hält. Jetzt akzeptiert sie sogar Gewalt als Mittel zum Umsturz dieses Systems. Doch niemand hört sie noch. Die Unterdrücker ehren die Tote als Märtyrerin und beginnen mit ihrer Kanonisierung.


Das Stück schildert den Klassenkampf vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise. Diese hatte massive Auswirkungen auf alle. Nach Brecht machen die Manipulationen an der Börse jedoch die Reichen noch reicher, während die Besitzlosen den Preis dafür zahlen. Daraus leitet der Autor die Notwendigkeit von Aufstand und gegebenenfalls auch Gewalt ab. Brecht will den einzelnen Zuschauer zu einer kritischen Sicht auf die gesellschaftlichen Verhältnisse erziehen. Diese Intention stand im krassen Gegensatz zum seinerzeit erstarkenden Nationalsozialismus. Zur Uraufführung gelangte das Stück deshalb erst 1959, knapp dreißig Jahre nach seiner Entstehung.
Zusammenfassung von Inhaltsangabe.de.

Szenenübersicht

Die heilige Johanna der Schlachthöfe – 1. Bild

Der Fleischkönig Pierpont Mauler bekommt einen Brief von seinen Freunden in New York

Der Chicagoer Fleischfabrikant Pierpont Mauler erfährt von seinen Informanten an der New Yorker Wall Street, dass die Fleischpreise verfallen. Er will sich daraufhin aus dem Fleischhandel zurückziehen. Um seinem Partner Cridle seine Anteile zu verkaufen, gibt er vor, das Töten von Tieren nicht mehr zu ertragen. Cridle will jedoch nur kaufen, wenn Mauler zuvor den Konkurrenten Lennox zu Fall bringt.

Die heilige Johanna der Schlachthöfe – 2. Bild

aDer Zusammenbruch der großen Fleischfabriken

Vor Lennox’ Fleischfabrik protestieren Arbeiter gegen Lohnsenkungen und katastrophale Arbeitsbedingungen. Lennox muss seinen Betrieb schließen; er kann Maulers Konkurrenz nicht mehr standhalten.
bP. Mauler

Geschützt von Detektiven, begibt sich Mauer zu den Krankenhäusern, die er gestiftet hat. Sie sind die besten und teuersten Kliniken der Welt.
cUm dem Jammer der Schlachthöfe Trost zu spenden, verlassen die Schwarzen Strohhüte ihr Missionshaus / Johannas erster Gang in die Tiefe

Mitglieder der Schwarzen Strohhüte, einer christlichen Hilfsorganisation, machen sich auf den Weg zu den Arbeitern. Sie werden von Johanna Dark angeführt; Johannas hält ihre erste Rede.
dVon Morgens bis Abends arbeiteten die Schwarzen Strohhüte auf den Schlachthöfen, aber als es Abend wurde, hatten sie so gut wie nichts erreicht

Vor der geschlossenen Fleischfabrik verteilen die Schwarzen Strohhüte Essen. Johanna ruft die Arbeiter dazu auf, Gott zu folgen und materielle Wünsche aufzugeben. Sie will herausfinden, woher Elend und Verzweiflung kommen.

Die heilige Johanna der Schlachthöfe – 3. Bild

Pierpont Mauler verspürt den Hauch einer anderen Welt

Lennox ist ruiniert. Cridle hat Mauler inzwischen durchschaut und lehnt den Ankauf seiner Anteile ab. Johanna trifft Mauler und fragt nach den Gründen für die Schließung der Schlachthöfe. Mauler heuchelt Mitleid mit den Tieren.

Die heilige Johanna der Schlachthöfe – 4. Bild

Der Makler Sullivan Slift zeigt Johanna Dark die Schlechtigkeit der Armen: Johannas zweiter Gang in die Tiefe

Malers Makler Slift soll Johanna die Charakterlosigkeit der Armen vor Augen führen. So zeigt er ihr einen Arbeiter, der sich die Kleider eines tödlich verunglückten Kollegen anzieht. Auch die Frau des Verunglückten erscheint gewissenlos: Sie ahnt, dass ihr Mann nicht mehr lebt. Doch um weiterhin in der Werkskantine essen zu können, geht sie ihrem Verdacht nicht nach. Johanna erkennt jedoch, dass die Armen nur aus Hunger und Verzweiflung unmoralisch handeln.

Die heilige Johanna der Schlachthöfe – 5. Bild

Johanna stellt der Viehbörse die Armen vor

Johanna sucht Mauer an der Viehbörse auf und zeigt ihm die Armen. In einer Rede geißelt sie die Unmoral der Börsianer. Der Anblick der Armen veranlasst Mauler, große Fleischkäufe zu tätigen. Johanna glaubt an eine Wende.

Die heilige Johanna der Schlachthöfe – 6. Bild

Der Grillenfang

Erst jetzt liest Mauler einen zweiten Brief aus New York, in dem ihm zum Fleischankauf geraten wird. So erweist sich sein Handeln nachträglich als lukratives Geschäft. Aufgrund der erhaltenen Insiderinformation nimmt Mauler auch den Viehzüchtern ihre Ware ab. Johanna betrachtet Mauler als Wohltäter und glaubt an die Schaffung von Arbeitsplätzen.

Die heilige Johanna der Schlachthöfe – 7. Bild

Austreibung der Händler aus dem Tempel

Die Schwarzen Strohhüte leiden an Geldmangel. Major Paulus Snyder wird von den Fleischmogulen unterstützt. Dafür besänftigt er die Arbeiter. Unterdessen hat Johanna die Nutzlosigkeit von Maulers Handeln durchschaut. Zornig treibt sie die Fleischfabrikanten aus dem Missionshaus.

Die heilige Johanna der Schlachthöfe – 8. Bild

Pierpont Maulers Rede über die Unentbehrlichkeit des Kapitalismus und der Religion

Johanna macht nicht mehr bei den Schwarzen Strohhüten mit. Dennoch bittet sie Mauler um Hilfe für sie. Mauler will nur helfen, wenn Johanna seine marktmanipulierenden Schachzüge als notwendig anerkennt. Johanna lehnt das ab.

Die heilige Johanna der Schlachthöfe – 9. Bild

Johannas dritter Gang in die Tiefe. Der Schneefall
aEin Schneesturm ist ausgebrochen. Johanna träumt, sie habe eine große Menge in einem Protestmarsch angeführt. Während ihr der Traum prophetisch erscheint, sind die Arbeiter skeptisch.
bDas Zollgesetz im Süden des Landes ist gefallen. Nun erweist es sich für die Produzenten als Katastrophe, dass Mauler das gesamte Vieh gekauft hat.
cIn einem Lokal reden Arbeiter über ihre Situation. Johannas frühere Mitstreiterin Martha verbreitet derweil fröhlich das Wort Gottes. Johanna findet das unpassend. Sie verweist auf die Kommunisten, die etwas verändern wollen.
dMauler kontrolliert den gesamten Fleischmarkt: Die Viehzüchter können kein Vieh mehr anbieten. Die Packherren müssen das überteuerte Vieh von Mauler kaufen, um ihm die vertraglich zugesicherten Fleischkonserven liefern zu können.
eArbeiter versammeln sich vor den Schlachthöfen zum Aufstand. Johanna erhält den Auftrag, einen Brief zu überbringen, in dem zum Generalstreik aufgerufen wird.
fAn der Börse werden die Viehpreise immer weiter nach oben getrieben. Mauler erfährt durch seine Detektive von den Arbeiterunruhen. Aus Angst vor einem Aufstand beendet er die Preistreiberei und liefert Vieh an die Schlachthäuser.
gJohanna hört von Journalisten, dass Mauler den Schlachthäusern Vieh geliefert habe. Man hofft, dass die Arbeit in Kürze wieder aufgenommen werde. Johanna wird als Wohltäterin gefeiert, weil sie Einfluss auf Mauler genommen hat. Sie erkennt, dass sie nicht zu den Arbeitern gehören will, da sie ihren gewohnten Lebensstandard schätzt. Johanna erwartet die baldige Öffnung der Fabriken. Sie sieht keinen Grund mehr, den Streikaufruf weiterzuleiten, und ist erleichtert, da sie Gewalt ablehnt. Die wäre mit dem Generalstreik zwangsläufig einhergegangen.
hPierpont Mauler überschreitet die Grenze der Armut

Zusammenbruch der Börse. Mauler sucht in der Nähe der Schlachthöfe nach Johanna. Er ist am Ende. Der Generalstreik ist geplatzt, weil Johanna den Brief nicht übergeben hat. Sie macht sich Vorwürfe.
kJohanna erkennt, dass Maulers Transaktionen den Arbeitern nicht geholfen, sondern geschadet haben: Der Fleischmarkt wurde ruiniert; die Fabriken bleiben geschlossen. Verzweifelt irrt Johanna durch die Stadt. Die Armen klagen sie an.

Die heilige Johanna der Schlachthöfe – 10. Bild

Pierpont Mauler erniedrigt sich und wird erhöht

Mauler bereut sein Handeln und will bei den Schwarzen Strohhüten Buße tun. Ein neuer Brief von der Wall Street rät ihm unterdessen, die Packhöfe zusammenzuschließen. Um die Preise zu stabilisieren, solle er die Viehzahl verringern, weitere Arbeiter entlassen und die Löhne der übrigen senken. Er kehrt zum alten Geschäftsgebaren zurück, gibt sich aber geläutert. Die Schwarzen Strohhüte will er unterstützen, wenn sie ihn dafür öffentlich als Wohltäter preisen.

Die heilige Johanna der Schlachthöfe – 11. Bild

aSoldaten verhaften Arbeiter; Todesurteile werden verhangen. Der Aufstand ist niedergeschlagen. Johanna erkennt, dass alles, was sie in guter Absicht getan hat, falsch war. Das Elend der Arbeiter ist noch größer geworden. Ohnmächtig bricht sie zusammen.
bEin Arbeitertrupp sucht nach Johanna.

Die heilige Johanna der Schlachthöfe – 12. Bild

Tod und Kanonisierung der heiligen Johanna der Schlachthöfe

Von zwei Polizisten gestützt, wird Johanna in das neu bezogene Haus der Schwarzen Strohhüte geführt. Sie trägt wieder die Uniform der Heilsarmee. Mit letzter Kraft will sie ihre Erkenntnis teilen, dass die Not der Arbeiterklasse das kapitalistische System am Leben erhalte. Jetzt akzeptiert sie auch Gewalt als Mittel zum Umsturz. Niemand hört die Sterbende. Die Tote wird wie eine Heilige verehrt. Die Kanonisierung ihres Lebens und Wirkens beginnt.

Inhalt nach Bildern

1

Der Chicagoer Fleischfabrikant Pierpont Mauler erfährt von Informanten an der New Yorker Wall Street, dass die Fleischpreise verfallen. Er will sich daraufhin aus dem Fleischhandel zurückziehen. Um seinem Partner Cridle seine Anteile zu verkaufen, gibt er vor, das Töten von Tieren nicht mehr zu ertragen. Cridle will jedoch nur kaufen, wenn Mauler zuvor den Konkurrenten Lennox zu Fall bringt.

2

Die großen Fleischfabriken stehen vor dem Zusammenbruch. Vor Lennox’ Fleischfabrik protestieren Arbeiter gegen schlechten Lohn und katastrophale Arbeitsbedingungen. Ein Zeitungsjunge gibt bekannt, dass Lennox schließen müsse. Er könne Maulers Konkurrenz nicht mehr standhalten. Der Zeitungsjunge verkündet zudem, Mauler habe die besten und teuersten Krankenhäuser der Welt gestiftet.

Mitglieder der Schwarzen Strohhüte, einer christlichen Hilfsorganisation, verlassen ihr Missionshaus. Sie machen sich auf den Weg zu den Arbeitern. Angeführt werden sie von Johanna Dark. Vor der geschlossenen Fleischfabrik verteilen die Schwarzen Strohhüte Essen. Johanna ruft die Arbeiter dazu auf, Gott zu folgen und materielle Wünsche aufzugeben. Als bekannt wird, dass auch Mauler und Cridle ihre Fabriken schließen, bricht Verzweiflung aus. Johanna geht zu Mauler.

Heilsarmee

Die Darstellung der Schwarzen Strohhüte orientiert sich an der christlichen Heilsarmee. Die Heilsarmee ist eine evangelikale Freikirche mit stark ausgeprägtem sozialen Engagement. Sie wurde im 19. Jahrhundert vom Londoner Pfarrer William Booth gegründet. Booth war erschüttert über das Elend der Industriearbeiter. Unter dem Motto »Soup, Soap, Salvation« wollte er ihre Lebensbedingungen verbessern. Heute ist die Heilsarmee weltweit in 127 Ländern vertreten und hat rund 1,7 Millionen Mitglieder.

3

An der Viehbörse wird bekannt, dass Lennox ruiniert ist. Mauler verlangt nun von Cridle den vereinbarten Ankauf seiner Anteile. Cridle hat seinen Partner inzwischen durchschaut und lehnt ab. Johanna sucht Mauler auf und fragt ihn, warum er seine Arbeiter entlasse. Mauler heuchelt Mitleid mit den Tieren. Johannas Furchtlosigkeit imponiert ihm. Er gibt seinem Makler Sullivan Slift den Auftrag, sie auszuspionieren.

4

Slift soll Johanna die Charakterlosigkeit der Armen vor Augen führen. So zeigt er ihr einen Arbeiter, der sich die Kleider des tödlich verunglückten Kollegen Luckerniddle anzieht. Aus existenzieller Not verheimlicht die Frau von Luckerniddle den Tod ihres Mannes. Johanna begreift, dass die Armen nur aus Hunger und Verzweiflung unmoralisch handeln.

5

Johanna bringt die Armen zur Viehbörse. Mauler hat heimlich große Verkäufe getätigt und riesige Fleischmengen an den Markt gebracht. Dies führt zu massiven Preisabstürzen. Produzenten (Packherren) und Händler sind ruiniert und müssen ihre Arbeiter entlassen. Johanna geißelt in einer Rede die Unmoral der Börsianer. Der erschreckende Anblick der Armen veranlasst Mauler, das Fleisch wieder zurückzukaufen.

6

Mauler ist beeindruckt von Johanna; er will den Markt gesunden lassen. Erst jetzt liest er einen zweiten Brief aus New York, in dem man ihm zum Ankauf von Fleisch rät. So erweist sich sein Handeln nachträglich als lukratives Geschäft. Johanna tritt unterdessen für die Viehzüchter ein, die ebenfalls um ihren Absatz fürchten. Aufgrund der erhaltenen Insiderinformationen kauft Mauler nun auch von ihnen. Der Viehhandel scheint gerettet. Johanna betrachtet Mauler als Wohltäter.

Brechts Episches Theater

Das epische Theater ist eine Form des Dramas, die von Bertolt Brecht und dem Regisseur Erwin Piscator entwickelt wurde. Bei dieser Theaterform soll der Zuschauer sich eine eigene Meinung zum Bühnengeschehen bilden. Dazu braucht er Distanz, die durch Verfremdungseffekte, auch V-Effekte genannt, erzeugt wird. V-Effekte irritieren den Zuschauer und durchbrechen seine Sehgewohnheiten. Sie verhindern so, dass er in das Dargestellte eintaucht.

7

Die Schwarzen Strohhüte können die Miete für ihr Missionshaus nicht mehr aufbringen. Major Paulus Snyder hat einige Fleischfabrikanten eingeladen, um sie um Spenden zu bitten. Im Gegenzug will er die Armen beruhigen. Unterdessen erfährt Johanna, dass Maulers Käufe nichts bewirkt haben. Die Fabriken sind noch immer geschlossen und die Menschen ohne Arbeit. Zornig treibt sie die Fleischfabrikanten aus dem Haus. Daraufhin wird sie von den Schwarzen Strohhüten entlassen.

8

Trotz ihrer Entlassung bittet Johanna Mauler um Hilfe für die Schwarzen Strohhüte. Sie haben inzwischen ihr Haus räumen müssen. Mauler hält den Kapitalismus und die Religion für unentbehrlich. Er ist bereit, die Miete für das Missionshaus zu zahlen. Im Gegenzug soll Johanna seine marktmanipulierenden Schachzüge als notwendig anerkennen. Johanna weigert sich. Sie beschließt, gemeinsam mit den Armen vor den Toren der Schlachthöfe auf Arbeit zu warten.

9

Ein Schneesturm ist ausgebrochen. Johanna träumt, dass sie einen großen Protestmarsch anführt. Während ihre frühere Mitstreiterin Martha weiter das Wort Gottes verbreitet, traut Johanna einzig den Kommunisten soziale Veränderungen zu.

Ein geändertes Zollgesetz ist in Kraft getreten: Maulers zuvor getätigten Viehankäufe bringen ihn in eine marktbeherrschende Position. Er kontrolliert die gesamte Fleischindustrie. Unterdessen versammeln sich Arbeiter vor den Schlachthöfen, um einen Generalstreik zu organisieren. Johanna begegnen sie inzwischen mit Skepsis. Dennoch erhält sie den Auftrag, einen Brief zu überbringen, in dem zum allgemeinen Streik aufgerufen wird.

Kleinaktionäre, Händler und Produzenten stehen vor dem Ruin. Aufgestachelt von Slift, treibt Mauler die Viehpreise immer weiter nach oben. Erst als er von den Arbeiterunruhen hört, bekommt er Angst vor einem Aufstand. Er beendet die Preistreiberei und überlässt den Schlachthäusern das Vieh zu niedrigen Preisen. Die Arbeiter erklären sich Maulers Wandel mit Johannas Einfluss auf ihn. Sie wird als Heldin gefeiert. Erleichtert schlussfolgert sie, dass der Streik und die damit einhergehende Gewalt überflüssig seien. Sie leitet den Aufruf nicht weiter und der geplante Generalstreik platzt.

Ein Teil der Arbeiter glaubt daran, dass die Fabriken ihre Tore wieder öffnen. Die wenigen Aufständischen werden vom Militär zurückgeschlagen. Zwischenzeitlich hat Mauler sein Vieh sogar verschenkt. Doch der Fleischmarkt ist längst ruiniert; die Fabriken bleiben geschlossen. Die Armen klagen Johanna an. Verzweifelt erkennt sie ihren Fehler, den Generalstreik vereitelt zu haben. Sie irrt durch die Stadt.

Typische Verfremdungseffekte im epischen Theater
  • unpassend wirkende Gesangs- oder Tanzeinlagen
  • direkte Ansprache des Publikums durch die Schauspieler
  • gehobene Sprache (z. B. Sprechen in biblischem Ton oder in Versform) im Kontrast zur Banalität des Dargestellten
  • schlichte Ausstattung, Verzicht auf dekorative Elemente
  • offener Vorhang bei Szenenwechsel und Bühnenumbau
  • extrem helle Beleuchtung und sichtbare Scheinwerfer

10

Mauler bereut sein Handeln und will bei den Schwarzen Strohhüten Buße tun. Ohne Geld ist er hier jedoch unerwünscht. Gleichzeitig wird er von Viehzüchtern und Packherren beschimpft. Ein weiterer Brief von der Wall Street wendet das Blatt für ihn: Man empfiehlt ihm die Zusammenlegung von Betrieben, rät zu Entlassungen und Lohnkürzungen. Seite an Seite mit den Packherren kehrt Mauler zu alten Geschäftsgebaren zurück. Er gibt sich aber geläutert: Die Schwarzen Strohhüte will er unterstützen, sofern sie ihn dafür öffentlich als Wohltäter preisen.

11

Soldaten führen verhaftete Arbeiter ab. Johanna erfährt durch die Presse von der Niederschlagung des Aufstandes, den Entlassungen und Lohnsenkungen. Sie erkennt, dass alles, was sie in guter Absicht getan hat, falsch war. Das Elend der Arbeiter ist noch größer geworden. Ohnmächtig bricht sie zusammen. – Ein Arbeitertrupp sucht nach einer Aufständischen, die von Soldaten erschlagen wurde. Die Arbeiter glauben, es sei Johanna. Sie finden nur die Leiche einer alten Frau, die nicht zu ihnen gehört hat. Sie lassen sie im Schnee liegen.

12

Von zwei Polizisten gestützt, wird Johanna in das neu bezogene Missionshaus geführt. Mit letzter Kraft will sie mitteilen, was sie erkannt hat: Die Not der Arbeiterklasse halte das kapitalistische System am Leben. Jetzt akzeptiert sie auch Gewalt als Mittel zum Umsturz dieses Systems. Niemand hört auf die Sterbende. Im Hintergrund werden neue Schreckensnachrichten von der Börse ausgerufen. Die Fleischkönige ehren die Tote wie eine Heilige. Die Kanonisierung ihres Lebens und Wirkens hat begonnen.

Hauptpersonen

Johanna Dark

  • Leutnant der Heilsarmee (Schwarze Hüte); will die ausgebeuteten Arbeiter trösten, indem sie ihnen die Liebe Gottes nahebringt
  • erkennt, dass das Elend der Arbeiter nicht mit Singen und heißer Suppe zu lindern ist
  • wirbt bei Mauler um Verständnis für die Situation der Arbeiter und Hilfe
  • wird irrtümlich als Heldin gefeiert, denn Mauler hat nicht auf ihre Bitten, sondern auf veränderte Marktbedingungen reagiert
  • wendet sich von den Denkstrukturen der Heilsarmee ab, beginnt politisch zu handeln, bleibt Anhängerin von Gewaltlosigkeit
  • unterstützt den Generalstreik, verrät ihre Verbündeten jedoch unabsichtlich
  • bricht unter der Last ihrer Schuld zusammen, als Mauler obsiegt
  • wird im Sterben von den Unterdrückern als Märtyrerin gefeiert und kanonisiert

Pierpont Mauler

  • Fleischfabrikant; eiskalt kalkulierender Geschäftsmann
  • agiert und manipuliert skrupellos, behandelt Arbeiter und Konkurrenten in menschenverachtender Weise
  • treibt die Arbeiter gnadenlos in Elend und Verzweiflung
  • zwiespältiger Charakter: tritt andererseits als Menschenfreund und Wohltäter auf, stiftet Krankenhäuser und unterstützt die Heilsarmee
  • sieht in Religion und moralisch-ethischen Werten Stützen des Kapitalismus
  • hat Angst, durchschaut zu werden, fürchtet den Aufstand der Entrechteten
Veröffentlicht am 28. Juni 2018, zuletzt aktualisiert am 14. Juli 2018.