Hans und Heinz Kirch

»Hans und Heinz Kirch« ist eine Novelle des norddeutschen Autors Theodor Storm (1817–1888). Sie erschien erstmals im Jahr 1882 in »Westermann’s Illustrirten Monatsheften«. Geschildert wird ein schwerer Vater-Sohn-Konflikt, ein charakteristisches Thema in der Erzählliteratur des bürgerlichen Realismus. Das Geschehen ist im Ostseeort Heiligenhafen im 19. Jahrhundert angesiedelt.

Werkdaten

Titel
Hans und Heinz Kirch
Gattung/Textsorte
Erscheinungsjahr
1882
Originalsprache
Deutsch

Autor des Werkes

Theodor Storm
Deutscher Schriftsteller
Hans Theodor Woldsen Storm (1817–1888) war ein deutscher Schriftsteller und Dichter. Er gilt als eine der wichtigsten Figuren des deutschen Realismus.

Inhaltsangabe

Die 1882 erschienene Novelle »Hans und Heinz Kirch« von Theodor Storm handelt von einem schwerwiegenden Vater-Sohn-Konflikt. Der Schiffseigentümer Hans Kirch hat ehrgeizige Pläne für seinen Sohn Heinz. Als Heinz ihn enttäuscht und das Leben eines einfachen Matrosen wählt, wendet er sich von ihm ab.


Der Schiffer Hans Adam Kirch arbeitet sich mit enormem Fleiß aus einfachen Verhältnissen zum Schiffseigentümer empor. Er ermöglicht seinem Sohn Heinz eine gute Schulbildung, um ihn eines Tages unter den örtlichen Honoratioren zu sehen. Doch die Verbissenheit des Vaters treibt Heinz aus der Heimat fort. Er lässt seine Jugendliebe Wieb zurück, heuert auf fremden Schiffen an und lernt als Matrose die Welt kennen. Es kommt zum Bruch zwischen Vater und Sohn.

Als Heinz nach 17 Jahren zurückkehrt, hat er sich völlig von seiner Familie entfremdet. Seine Schwester Lina will zwischen ihm und dem Vater vermitteln. Doch dieser erkennt den Sohn kaum noch wieder. Aufgrund von Gerüchten hält er ihn schließlich für einen Betrüger, der sich das Erbe seines Sohnes erschleichen will. Um den vermeintlich Fremden loszuwerden, überschreibt er ihm Geld. Heinz reagiert tief verbittert, zumal er die inzwischen verheiratete Wieb nicht zurückgewinnen kann. Er verlässt sein Elternhaus endgültig.

Wenige Tage später hat Hans einen Albtraum, in dem sein Sohn stirbt. Nun erkennt er, dass er Heinz schweres Unrecht zugefügt hat. Er erleidet einen Schlaganfall. Nach seiner Genesung beginnt er, sich regelmäßig mit Wieb zu treffen und mit ihr über Heinz zu sprechen.


In seiner Altersnovelle griff Theodor Storm ein Vater-Sohn-Zerwürfnis auf, das er aus persönlichen Berichten kannte. Sein Schwiegersohn, der Pastor Gustav Haase, hatte ihm die Geschichte der Familie Brandt erzählt. Diese authentische Geschichte übernahm Storm in seiner Novelle in ihren wesentlichen Zügen.

Ausführliche Zusammenfassung

Hans Adam Kirch wächst in Heiligenhafen an der Ostsee auf. Die abgelegene Kleinstadt gedeiht aufgrund des Bürgerstolzes und Fleißes ihrer Bewohner. Auch Hans hat einen starken Aufstiegswillen und arbeitet sich vom Schiffsjungen zum Kapitän und Eigentümer eines bescheidenen Schiffes empor. Mit einer Ladeninhaberin, die etwas Besitz mit in die Ehe bringt, gründet er eine Familie. Seine verbissene Sparsamkeit mehrt ihren Wohlstand. Sein Sohn Heinz soll es nach seinem Willen noch weiter bringen als er und eines Tages im Magistrat sitzen.

Heinz leidet unter der Härte und Strenge seines Vaters. Einmal bringt er sich an Bord des väterlichen Schiffes in eine lebensgefährliche Situation, die gerade noch abgewendet werden kann. Anschließend lässt Hans seinen Zorn brutal am Schiffsjungen Jürgen aus, der für das Geschehen keinerlei Verantwortung trägt. Diese Ungerechtigkeit erschüttert Heinz. Er wird sie nie vergessen.

Als Heinz zwölf Jahre alt ist, kommt seine Schwester Lina zur Welt. Der Vater interessiert sich kaum für sie. Weiterhin richtet er alle Energie auf die Erziehung seines Sohnes. Er lässt ihm vom Pastor Privatunterricht geben. Heinz ist ein guter Schüler, wird aber zunehmend rebellisch. Er verliebt sich in die Nachbarstochter Wiebe (»Wieb«), ein stilles Mädchen, das von seiner Mutter gemocht wird. Wieb ist die Tochter einer leichtlebigen Wäscherin und gilt als schlechter Umgang. Heinz ist das gleichgültig. Er schenkt ihr bei einem Jahrmarktsbesuch einen Ring.

Zunehmend führt Hans seinen Sohn in seine Geschäfte ein. Mit 17 Jahren heuert Heinz auf dem Hamburger Schiff »Hammonia« an, um in chinesische Gewässer zu fahren. Insgeheim hofft Hans, dass Heinz als gemachter Mann zurückkehrt. Am Vorabend seiner Abreise nimmt Heinz bei einer nächtlichen Bootsfahrt Abschied von Wieb. Zum ersten Mal gestehen sie sich offen ihre Gefühle und kommen sich auch körperlich näher. Wieb gibt Heinz zur Erinnerung den Ring mit, den sie von ihm bekommen hat. Als Heinz erst nach Mitternacht heimkommt, empfängt ihn der Vater mit einem Ausbruch von Jähzorn. Am anderen Morgen verschwindet Heinz, ohne sich mit ihm versöhnt zu haben.

Sechs Wochen später trifft ein Brief von Heinz bei den Eltern ein. Er berichtet, dass seine Heuer erhöht wurde. Hans ist beflügelt: Nun will auch er noch weiter aufsteigen, um den Boden für die triumphale Rückkehr des Sohnes zu bereiten. Doch der Ratsherrenstuhl, auf den er aus ist, wird mit einem Bäckermeister besetzt. Hans‘ Schwester Jule kommentiert dies schadenfroh. Dabei lässt sie auch eine Bemerkung über die nächtliche Bootsfahrt von Heinz und Wieb fallen. Angeblich wisse die ganze Stadt davon. Hans ist außer sich und schreibt einen erbitterten Brief an Heinz. Seiner Frau sagt er davon nichts.

Monatelang hören die Eltern nichts von ihrem Sohn. Als die »Hammonia« in Hamburg einläuft, erfahren sie, dass er bereits wieder auf einem anderen Schiff angeheuert hat. Seine Mutter wartet voller Schmerz auf ein Lebenszeichen. Mit ihrem Mann tauscht sie sich nicht darüber aus. Zwei Jahre später bringt der Postbote endlich einen Brief von Heinz. Dass dieser unfrankiert ist, ist für Hans ein Hinweis auf das finanzielle Scheitern seines Sohnes. Er weigert sich, das Porto nachzuzahlen und den Brief anzunehmen.

Fünfzehn Jahre vergehen ohne jede weitere Nachricht von Heinz. Seine Mutter stirbt, ohne ihn noch einmal gesehen zu haben. Lina heiratet den Bürgersohn Christian Martens, der ins Geschäft von Hans einsteigt. Beide wohnen nun mit Hans unter einem Dach. Eines Tages erfahren sie unerwartet, dass Heinz in Hamburg eingetroffen sei. Hans holt ihn ins elterliche Haus zurück. Lina empfängt ihren Bruder voller Wärme und Herzlichkeit, Hans ist reserviert. Die nächsten Wochen zeigen das Ausmaß der gegenseitigen Entfremdung. Trotz der Vermittlungsversuche von Lina wechseln Vater und Sohn kaum ein Wort.

Es taucht das Gerücht auf, der Heimgekehrte sei nicht Heinz, sondern der Hasselfritz, ein Junge aus dem Armenhaus, der Heinz ähnlich sah. Die missgünstige Jule treibt das Gerede voran. Lina ist verunsichert und hält ihren Bruder nun auf Abstand. Auch Hans glaubt den Gerüchten. Eine Tätowierung, die Heinz als Junge hatte, ist nicht mehr zu sehen. Das scheint der Beweis dafür zu sein, dass die Familie einen fremden Erbschleicher beherbergt.

Wieb ist inzwischen verheiratet und betreibt mit ihrem Mann eine dubiose Hafenkneipe. Eines Abends sucht Hans sie dort auf. Er sieht, wie sie in dem trostlosen Umfeld von männlichen Gästen bedrängt wird. Mit dem Jüngsten von ihnen hat sie offenbar die letzte Nacht verbracht, worüber Witze gerissen werden. Hans folgt Wieb in die Küche. Beide sind erschüttert über das Wiedersehen. Heinz sieht klar, wie sehr sie sich verändert haben und dass die Vergangenheit unwiederbringlich ist. Dennoch bittet er Wieb um einen Neuanfang. Er will mit ihr fortgehen. Da taucht ein betrunkener Mann auf und verlangt wütend Getränkenachschub. Als Heinz begreift, dass der rohe Kerl Wiebs Ehemann ist, wirft er ihr ihren Ring vor die Füße, den er immer bei sich getragen hatte.

Am anderen Vormittag überschreibt Hans Kirch seinem Sohn das ihm zustehende Erbteil. Er legt eine Summe Bargeld auf den Tisch. So hofft er, Heinz, den er für einen Fremden hält, loszuwerden. Tief gekränkt und getroffen, verlässt Heinz das Elternhaus. Vom bereitgelegten Geld nimmt er nur einen winzigen Teil. Auf das Kuvert schreibt er einen endgültigen Abschiedsgruß.

Als Lina dem Vater das Kuvert zeigt, begreifen beide, wie schwer sie Heinz Unrecht getan haben. Wieb kommt ins Haus und erzählt ihnen von dem Ring; ein eindeutiger Beweis, dass der Heimkehrer Heinz gewesen sein muss. Die Frauen bitten Hans, ihm nach Hamburg nachzureisen und ihn zurückzuholen. Doch der Vater bleibt hart. Für ihn ist der Rückkehrer so oder so nicht der Sohn gewesen, den er gekannt hatte.

Eines Nachts träumt Hans, dass Heinz in Seenot stirbt. Er sieht den Ertrunkenen in einer Ecke des Zimmers und schreit. Den zu Hilfe eilenden Christian schickt er fort. Am anderen Morgen findet Lina ihn zusammengebrochen. Er hat einen Schlaganfall erlitten. Nach seiner Genesung kann Hans nur noch an Krücken gehen. Sein alter Jähzorn ist verschwunden. Oft geht er zum Strand und starrt auf See hinaus. Am Ufer trifft er sich nun regelmäßig mit Wieb. Sie wird seine enge Vertraute. Ihr Mann hat sich mittlerweile zu Tode getrunken. Hans sichert ihr zu, für sie zu sorgen und sie in seinem Testament zu bedenken.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann / Inhaltsangabe.de.

Hauptpersonen

Hans Adam Kirch

  • Schiffer aus bescheidenen Verhältnissen
  • Fleißig, ehrgeizig, sparsam bis zum Geiz
  • Besessen von sozialem Aufstieg
  • Überschreitet dabei nie die Grenzen des Legalen, »ehrbarer Kaufmann«
  • Wirkt immer gehetzt und in Eile
  • Ernst, engstirnig und jedem Vergnügen abgeneigt
  • Legt großen Wert auf seinen Ruf und sein Ansehen in Heiligenhafen
  • Hart und streng zu seinem Sohn Heinz
  • Gleichgültig gegenüber seiner Tochter Lina
  • Kalt und lieblos gegenüber seiner Frau, die er vor allem aus praktischen Überlegungen heraus geheiratet hat

Heinz Kirch

  • Intelligenter Schüler
  • Wach und sensibel
  • Lacht gern und treibt Scherze mit seiner Schwester
  • Leidet unter der Härte seines Vaters
  • Wird als Teenager rebellisch
  • Verliebt sich in die Nachbarstochter Wieb
  • Verändert sich während seiner Jahre auf See
  • Kehrt als rauer und wortkarger Mann zurück

Wieb

  • Nachbarskind, Tochter einer Wäscherin und eines Matrosen
  • Hat ein besonders hübsches »Madonnengesicht«
  • Still und schüchtern
  • Gilt wegen ihrer leichtlebigen Mutter als schlechter Umgang und wird gemieden
  • Nur Heinz interessiert sich für sie und ist in sie verliebt, was von ihr erwidert wird
  • Wird zum Opfer ihrer sozialen Situation
  • Heiratet einen Kneipenbesitzer und Trinker
  • Verwahrlost mit zunehmenden Jahren und wird ihrer Mutter ähnlich

Mutter / Frau Kirch

  • Fleißig, still und zurückhaltend
  • Wird von ihrem Mann bevormundet und unterdrückt
  • Wagt nicht einmal aufzubegehren, als er ihr Kind verstößt
  • Erträgt stumm die Sehnsucht nach ihrem Sohn
  • Stirbt, ohne ihn noch einmal wiedergesehen zu haben

Lina Kirch

  • Tochter von Hans und Schwester von Heinz Kirch
  • Verheiratet mit Christian Martens
  • Herzlich und warmherzig
  • Folgt den kleinbürgerlichen Wertvorstellungen ihres Vaters
  • Ist dabei weniger materialistisch und aufstiegsorientiert als er
  • Will zwischen Vater und Bruder vermitteln
  • Bezweifelt aufgrund von Gerüchten, dass der Heimgekehrte ihr Bruder ist

Christian Martens

  • Ehemann von Lina
  • Bürgersohn aus guter Familie
  • Solide und korrekt
  • Wie Hans an Geld und sozialem Aufstieg orientiert
  • Erlebt mit Lina den gesellschaftlichen Aufstieg, den Hans sich für Heinz erträumt hatte