Die Epoche des Realismus

Die Literaturepoche des Realismus wird in der deutschen Literatur zwischen 1848 und 1890 angesiedelt. Der Begriff Realismus geht auf das lateinische Wort »res« für Sache, Ding, Wirklichkeit zurück. Die Kunst dieser Epoche beschäftigt sich also mit der Wirklichkeit und versucht, diese möglichst objektiv abzubilden. Dabei wird nichts bewusst beschönigt oder idealisiert, wie es in früheren Epochen, etwa der Romantik, üblich war. In den Texten des Realismus soll das Typische, Wesentliche im Mittelpunkt stehen. Dabei wird Wert auf eine einwandfreie, klare und schlichte Sprache gelegt.

Wichtige Autoren des Realismus

Historische Hintergründe des Realismus

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ändert sich das Leben der Menschen in Europa deutlich. Dabei spielt die Industrialisierung eine wichtige Rolle. Durch die Fortschritte in Wissenschaft und Technik werden viele einfache Arbeiten, die zuvor von Menschen verrichtet wurden, von Maschinen übernommen. Die arbeitslose Landbevölkerung strömt in die Städte, wo es jedoch ebenfalls nicht genug Arbeit gibt. Es kommt zu Spannungen zwischen den Gesellschaftsschichten, besonders zwischen wohlhabenden Bürgern und armen Arbeitern. Durch neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse werden zudem das christliche Weltbild und damit auch die traditionellen Werte infrage gestellt.

Merkmale literarischer Texte des Realismus

Die Literaturepoche Realismus setzt sich bewusst nicht mit den politischen und gesellschaftlichen Hintergründen auseinander, sondern stellt einzelne Menschen in überschaubaren Zusammenhängen in den Mittelpunkt. Häufig sind die Hauptpersonen Kaufleute, Handwerker oder Bauern, und die Handlung spielt bevorzugt in kleinen, überschaubaren Dörfern oder Städten. Die Auswirkungen der gesellschaftlichen Gegebenheiten auf den Einzelnen werden kommentarlos dargestellt, es bleibt dem Leser überlassen, vom Einzelfall auf die allgemeine Situation zu schließen.

Wenn zum Beispiel Theodor Fontane in seinem Roman »Effi Briest« von den tragischen Auswirkungen einer arrangierten Ehe auf eine junge Frau erzählt, kritisiert er nur indirekt die gesellschaftlichen Gepflogenheiten der damaligen Zeit.

Da der Realismus eine enge Verbindung zwischen Kunst und Leben anstrebt, lautet die wichtigste Frage, an der sich literarische Texte in dieser Epoche messen lassen müssen: Hätte die Geschichte in der Wirklichkeit so geschehen können?

Epische Texte des Realismus, teilweise aber auch Balladen oder Dramen, sind oft gekennzeichnet durch eine Rahmenhandlung. In dieser wird ein Erzähler eingeführt, der dann möglichst objektiv die eigentliche Geschichte erzählt. Dies soll die Wirklichkeitsnähe des Textes betonen.

Im Vergleich zum französischen oder russischen Realismus herrscht in der deutschen Literatur das Bemühen vor, die Wirklichkeit nicht nur widerzuspiegeln, sondern sie künstlerisch zu gestalten, was im Grunde einen Widerspruch zu den erklärten Absichten des Realismus darstellte. Deshalb spricht man besonders in Deutschland vom poetischen Realismus.

Beispiele für die dichterische Gestaltung realistischer Texte sind Beschreibungen von Landschaften, Gegenständen oder Wetterlagen, die auf das Innenleben eines Charakters hindeuten. Außerdem finden sich häufig Anklänge von Humor und Ironie, die eine Distanz zu den Schilderungen der harten Wirklichkeit aufbauen. Diese und ähnliche Kunstgriffe werden in der darauffolgenden literarischen Epoche, dem viel radikaleren Naturalismus, nicht mehr eingesetzt.

Romane, Novellen und Geschichten im Realismus

Epische Texte sind im Realismus die bedeutendste Literaturgattung. Zahllose Romane und Novellen aus dieser Zeit sind heute noch bekannt.

Die wichtigsten Genres, in die die Romane dieser Epoche unterteilt werden können, sind:

  • Entwicklungsromane (z.B. »Soll und Haben« von Gustav Freytag)
  • Gesellschaftsromane (z.B. »Effi Briest« von Theodor Fontane)
  • Historische Romane (z.B. »Vor dem Sturm« von Theodor Fontane)

Eine Gruppe für sich bildet die Reiseliteratur, in der möglichst objektiv Orte und Begebenheiten geschildert werden. Auch hier ist Theodor Fontane mit seinen »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« einer der bekanntesten Vertreter.

Der Realismus brachte einige bis heute bekannte Novellendichter hervor. Zu ihnen zählen Keller (»Kleider machen Leute«), Storm (»Der Schimmelreiter«), Stifter (»Bergkristall«) und andere.

Lyrik im Realismus

In den Kunstepochen vor dem Realismus, vor allem in der Romantik und dem Biedermeier, hatte sich die Sprache der Lyrik immer weiter von der Alltagssprache entfernt. Dieser Tendenz versuchen die Dichter im Realismus entgegenzuwirken. Die Gedichte werden nicht mehr mit Metaphern überladen, bedienen sich einer schlichten Sprache und bemühen sich um eine genaue und dennoch künstlerische Darstellung. Allerdings unternehmen die Lyriker nicht den Versuch, die Wirklichkeit im Gedicht realistisch darzustellen, sondern wollen eine poetische Welt als Spiegel der Realität erschaffen.

Typisch für die Lyrik des Realismus sind die sogenannten Dinggedichte, in denen ein Gegenstand genau beschrieben und alles Unwichtige, Nebensächliche weggelassen wird. Solche Gedichte finden sich unter anderem im Werk von Rilke und Mörike. »Der römische Brunnen« von C. F. Meyer gilt als klassisches Dinggedicht.

Auch Balladen gehören zu den im Realismus verbreiteten Gedichtformen. Ähnlich wie in den Romanen dieser Epoche steht auch hier in der Regel ein einzelner Held im Mittelpunkt. Ein bekanntes Beispiel ist Fontanes Ballade »John Maynard«.

Das Drama im Realismus

Dramen spielen im Realismus eine wesentlich kleinere Rolle als epische Texte und Gedichte. Nur wenige Dramatiker gelten heute als Vertreter dieser Epoche. Zu ihnen gehören Hebbel und Grillparzer. Allerdings stellen auch diese weniger das Individuum in den Mittelpunkt als vielmehr die Beziehung einzelner Menschen zur Gesellschaft, was eigentlich nicht den Regeln des Realismus entspricht. Dennoch wird beispielsweise das noch heute häufig gespielte Stück »Agnes Bernauer« von Hebbel als realistisches Drama betrachtet.