Fjodor Michailowitsch Dostojewskijs »Schuld und Sühne« (in einer neueren Übersetzung auch »Verbrechen und Strafe«) ist der erste der großen Romane des russischen Schriftstellers. Die zentrale Handlung besteht in einem Mord und dessen Aufdeckung. Gleichwohl ist »Schuld und Sühne« höchstens zum Teil ein Kriminalroman. Der Anspruch des Romans liegt viel eher darin, ein Sittengemälde der russischen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts darzustellen. Dementsprechend vielfältig sind die Themen, die in unterschiedlichster Figurenkonstellation besprochen werden.
Dostojewskij gilt als einer der ersten modernen Romanautoren. Gemäß dem russischen Literaturtheoretiker Michail Bachtin zeichnen sich Dostojewskijs Romane durch ihre Polyphonie aus. Sie folgen einer sogenannten karnevalesken Struktur, die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Falschheit erodiert (Kristeva 1972, S. 351–352). Die Polyphonie des Romans ergibt sich dabei nicht unbedingt dadurch, dass möglichst viele Figuren sprechen, als vielmehr dadurch, dass es kaum eine übergeordnete Instanz gibt, die die Wortbeiträge einordnen würde. Was an dem erzählten Geschehen als real zu gelten hat und was lediglich Lüge ist, lässt sich nicht immer entscheiden. Dadurch gewinnt der Roman an Rätselhaftigkeit.
»Schuld und Sühne« ist der erste der vier großen Romane Dostojewskijs. In ihnen bemüht sich der Autor darum, ein umfassendes Bild der in Russland kursierenden Ideologien und Weltanschauungen zu zeichnen. Der Protagonist von »Schuld und Sühne«, Rodion Raskolnikow, ist ein junger Mann und hängt einer idiosynkratischen Weltanschauung an, die ihn von den meisten anderen Menschen isoliert.
Raskolnikows Ideologie beruht darauf, Menschen in zwei Kategorien einzuteilen. Demnach gibt es auf der einen Seite die große Mehrzahl, die normalen Menschen. Auf der anderen Seite gibt es die einmaligen Menschen, Genies, zu denen Raskolnikow einflussreiche Wissenschaftler, Künstler, vor allem aber Staatsmänner zählt. Insbesondere Napoleon ist ihm eine Art Vorbild. Die Genies sind nach Ansicht Raskolnikows nicht an geltendes Recht gebunden, ja sie müssen es sogar überschreiten, um damit den Fortschritt der menschlichen Gesellschaft sicherzustellen.
Lange Zeit glaubt Raskolnikow, auch er sei ein besonderer Mensch. Doch ihn beschleichen Zweifel. Um herauszufinden, ob auch er zu den besonderen Menschen zählt, beschließt er, einen Mord zu begehen. Sein auserkorenes Opfer ist eine selbstsüchtige Pfandleiherin, die auch im allgemeinen Urteil als gefährlicher und egoistischer Mensch gilt. Raskolnikow begeht diesen Mord, allerdings ist auch die Schwester der Pfandleiherin in der Wohnung. Um sein Verbrechen zu verschleiern, tötet Raskolnikow auch sie.
Der Mord findet relativ früh im Verlauf der Handlung statt. Der Roman wartet mit einer ganzen Anzahl an Nebenhandlungen auf, von denen allerdings viele auf die Haupthandlung bezogen sind. So zeichnet der Roman ein eindrückliches Bild der russischen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. »Schuld und Sühne« ist ein realistischer Roman, in ihm werden gleich mehrere Milieus geschildert. Die Komposition wird auch dadurch geprägt, dass der Roman ursprünglich als Folgeroman in einer Zeitung erschien.
Tatsächlich war »Schuld und Sühne« auch ein populärer Roman, was sich nicht zuletzt den kurzen Spannungsbögen in den einzelnen Kapiteln verdankt. Als Folgeroman konzipiert, weisen beinahe alle Kapitel am Ende Cliffhanger auf, wie sie aus Serien bekannt sind. Wegen dieser Konzeption und der klaren Sprache ist »Schuld und Sühne« auch für heutige Leser*innen unbedingt empfehlenswert.