Inhaltsangabe

Die Tragikomödie »Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung« von Jakob Michael Reinhold Lenz wurde am 22. April 1778 in Hamburg uraufgeführt. Protagonist ist der Pastorensohn Hermann Läuffer, der als Privatlehrer (Hofmeister) der Willkür seiner adeligen Arbeitgeber ausgeliefert ist. Die Liebesbeziehung zu seiner Schülerin scheint auf eine Katastrophe hinauszulaufen. Groteske Verwicklungen und glückliche Wendungen verhindern dies. Das Stück spielt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im ostpreußischen Insterburg, in Leipzig, Halle, Königsberg und an weiteren Schauplätzen.

Erster Akt

Erste Szene

Der Pastorensohn Läuffer überdenkt seine Situation: Pfarrer wie sein Vater kann er nicht werden, da er dafür zu jung und weltläufig ist. Eine Anstellung als Lehrer an der Stadtschule wurde ihm vom Geheimen Rat von Berg verwehrt.

Zweite Szene

Der Major von Berg und sein Bruder, der Geheime Rat, diskutieren über den Sinn privater Erziehung. Während der Major darüber nachdenkt, Läuffer als Hofmeister für seinen Sohn Leopold in Dienst zu nehmen, äußert der Geheime Rat Zweifel.

Dritte Szene

Die Majorin von Berg stellt Läuffer als Hauslehrer ein. Sie behandelt ihn herablassend und macht deutlich, dass sie weniger Wert auf sein Wissen als auf seine gesellschaftlichen Fähigkeiten lege. Sie erwartet, dass er ihrem Sohn vor allem höfisches Benehmen beibringt. Als Graf Wermuth die Szene betritt, wird Läuffer weggeschickt.

Vierte Szene

Der Major stört Läuffers Unterricht und jagt seinen Sohn Leopold aus dem Zimmer. Er verkündet dem Hofmeister, dass seine Entlohnung geringer sein werde als mit der Majorin vereinbart. Zudem solle Läuffer auch Leopolds Schwester Gustchen unterrichten.

Fünfte Szene

Gustchen und ihr Vetter Fritz von Berg sind ein Liebespaar, das sich mit Romeo und Julia vergleicht. Fritz muss für drei Jahre zum Studium fortgehen und befürchtet, die Majorin werde Gustchen in seiner Abwesenheit mit Graf Wermuth verheiraten. Sie schwören sich Treue und Fritz verspricht, nach seiner Rückkehr beim Major um Gustchens Hand anzuhalten.

Sechste Szene

Der Geheime Rat hat seinen Sohn Fritz und seine Nichte Gustchen belauscht und überrascht sie bei ihrem Rendezvous. Er hat Verständnis für die Verliebten, dennoch verbietet er ihnen weitere geheime Treffen.

Zweiter Akt

Erste Szene

Der Geheime Rat macht Pastor Läuffer Vorwürfe, dass dieser seinen Sohn Leopold als Hofmeister in den Dienst des Majors habe treten lassen. Er betrachtet das als Verschwendung von Fähigkeiten. Der Stadtprediger sieht zwar kaum andere Möglichkeiten für seinen Sohn, bestätigt aber, dass Leopold als Hauslehrer schlecht behandelt wird.

Zweite Szene

Gustchen und ihr Lehrer Läuffer unterhalten sich, wobei deutlich wird, dass Läuffer in Gustchen verliebt ist. Sie hingegen scheint nur Mitleid für ihn zu empfinden.

Dritte Szene

Fritz besucht seinen mittellosen Freund Pätus in Halle, wo dieser zur Untermiete bei Frau Blitzer wohnt. Pätus’ einziges gutes Kleidungsstück ist ein Wolfspelz für den Winter. Er will am Abend in die Komödie gehen: Gegeben wird Lessings »Minna von Barnhelm«. Da ihm niemand einen Rock leihen kann, zieht Pätus trotz der sommerlichen Wärme den Pelz an.

Vierte Szene

Frau Hamster, Jungfer Hamster und Jungfer Knicks amüsieren sich darüber, dass Pätus bei sommerlicher Hitze in einem Wolfspelz durch die Straße gelaufen ist.

Fünfte Szene

Läuffer und Gustchen sind sich inzwischen nähergekommen und treffen sich in Gustchens Zimmer. Wie noch vor Kurzem Fritz, bezeichnet Gustchen nun Läuffer als ihren »Romeo«.

Sechste Szene

Die Majorin und Graf Wermuth sitzen beisammen und sprechen über Gustchen, als der Major eintritt. Er beklagt, dass es seiner Tochter schlecht gehe und sie krank aussehe. Dafür macht er die strenge Majorin verantwortlich.

Siebente Szene

Fritz von Berg sitzt wegen einer Bürgschaft für seinen Freund Pätus im Gefängnis. Er erhält Besuch von seinen Kommilitonen Bollwerk und Herrn von Seiffenblase sowie dessen Hofmeister. Alle reden schlecht von Pätus; Fritz verteidigt ihn. Pätus erscheint und bittet den Freund um Vergebung. Er kann das Geld nicht auftreiben, um Fritz auszulösen und will sterben. Er bittet um einen Degen und Seiffenblase gibt ihm seine Waffe. Diese Kaltherzigkeit veranlasst Bollwerk, Seiffenblase zum Duell zu fordern.


Dritter Akt

Erste Szene

Der Major ist in Sorge um Gustchen, die zusehends verfällt und unglücklich wirkt. Er vertraut sich seinem Bruder an. Der Geheime Rat will ihn beruhigen, als die Majorin hereinstürzt und aufgelöst von der Verbindung Gustchens mit Läuffer berichtet. Der Major ist außer sich und will Läuffer töten.

Zweite Szene

Läuffer sucht in der Schule Schutz vor dem Major, der mit einem Gewehr hinter ihm her ist. Schulmeister Wenzeslaus bietet ihm Unterschlupf und versteckt ihn, als Graf Wermuth eintritt und nach ihm fragt. Der Graf wird von Wenzeslaus wieder hinausgeführt und bemerkt Läuffers Anwesenheit nicht.

Dritte Szene

Seiffenblase und dessen Hofmeister erscheinen beim Geheimen Rat in Heidelbrunn und berichten, dass Fritz in Halle für Pätus im Gefängnis war. Der Geheime Rat beklagt das Unglück seiner Familie und erzählt, dass überdies seine Nichte Gustchen spurlos verschwunden ist.

Vierte Szene

Wenzeslaus und Läuffer essen in der Schule gemeinsam zu Abend und unterhalten sich über das Für und Wider der Schulmeister-Existenz und des Lebens als Hofmeister. Wenzeslaus hält Läuffer Vorträge und will ihn in seinem Sinne erziehen.


Vierter Akt

Erste Szene

Aus Verzeiflung über Gustchens Verschwinden will der Major als Freiwilliger in den russisch-türkischen Krieg ziehen. Er klagt seinem Bruder sein Leid, der seinerseits von eigenen familiären Problemen berichtet: Fritz konnte das Geld nicht aufbringen und ist aus dem Arrest geflohen. Um den Major zu beruhigen, erzählt ihm der Geheime Rat von seinem Verdacht, dass Wenzeslaus Läuffer versteckt halte. Er meint, wo Läuffer sich aufhalte, könne auch Gustchen nicht weit sein.

Zweite Szene

Seit einem Jahr lebt Gustchen bei der alten Bettlerin Marthe im Wald. Sie hat inzwischen ein Kind zur Welt gebracht, das sie der blinden Marthe anvertraut. Sie selbst will ins Dorf wandern, um dort eine Nachricht für ihren Vater zu hinterlassen. Vergeblich versucht Marthe sie zurückzuhalten.

Dritte Szene

Wenzeslaus und Läuffer sitzen im Schulhaus am Tisch, als der Major und der Geheime Rat hereinstürmen. Der Major schießt und trifft Läuffer in den Arm. Läuffer beteuert, nicht zu wissen, wo sich Gustchen aufhält. Er hat sie seit seiner Flucht nicht mehr gesehen. Der Major bereut seine Tat und Barbier Schöpsen wird geholt, um Läuffers Wunde zu versorgen.

Vierte Szene

Der Major ist Gustchen im Traum erschienen. Aus Verzweiflung über den vermeintlichen Tod ihres Vaters stürzt sie sich in einen Teich im Wald. Der Major, der Geheime Rat und Graf Wermuth beobachten sie von weitem.

Fünfte Szene

Der Major rettet Gustchen aus dem Wasser. Sie bittet ihren Vater um Verzeihung und die beiden versöhnen sich.

Sechste Szene

Der entflohene Fritz spricht seinem Freund Pätus ins Gewissen, weil er ein junges Mädchen aus einfachen Verhältnissen verführen wollte. Musiklehrer Rehaar betritt den Raum, um Fritz im Lautespiel zu unterrichten. Rehaar ist der Vater des Mädchens. Er wettert gegen Pätus, der in der Nacht versucht hat, in das Zimmer seiner Tochter einzusteigen. Pätus beginnt eine Schlägerei und demütigt Rehaar, der daraufhin die Wohnung verlässt. Fritz erhebt nun noch schwerere Vorwürfe gegen seinen Freund und verlangt von ihm, sich öffentlich bei Rehaar zu entschuldigen. Anderenfalls werde er sich mit ihm duellieren.


Fünfter Akt

Erste Szene

Die alte Marthe hält Gustchen für tot. Sie hat mit dem Kind den Wald verlassen, um Hilfe für sie beide zu finden. In der Schule begegnet sie Läuffer und erzählt ihm von der Mutter des Kindes. Läuffer begreift, dass es sich um Gustchens und sein Kind handelt. Er nimmt den Säugling in den Arm, meint seine Züge in dessen Gesicht zu erkennen und fällt in Ohnmacht.

Zweite Szene

Fritz will sich in einem Wald vor Leipzig in Rehaars Namen mit Pätus duellieren, doch dieser weigert sich. Auch Rehaar ist anwesend und zieht nun selbst den Degen. Es kommt aber lediglich zum Ansatz eines Duells. Schließlich versöhnen sich die Männer und Rehaar verspricht Pätus die Hand seiner Tochter.

Dritte Szene

Läuffer hat sich selbst kastriert. Er bereut seine Tat und vertraut sich Wenzeslaus an. Der vergleicht ihn jubelnd mit Origines. Da Läuffer um sein Leben fürchtet, holt Wenzeslaus erneut Barbier Schöpsen zu Hilfe.

Vierte Szene

Fritz begegnet Rehaar, der ihm einen Brief von Seiffenblase übergibt.

Fünfte Szene

Der Geheime Rat, Gustchen und der Major beobachten in Königsberg, wie Seiffenblase niedergeschlagen ein Haus verlässt. In dem Haus wohnt eine Frau, deren Nichte er zu seiner Mätresse machen wollte.

Sechste Szene

In Leipzig bittet Fritz seinen Freund Pätus, ihm den Brief von Seiffenblase vorzulesen. Darin enthüllt Seiffenblase Fritz die Liaison Gustchens mit Läuffer und behauptet, Gustchen habe sich im Teich ertränkt. Fritz gibt sich die Schuld am Geschehenen. Die Freunde beschließen, gemeinsam nach Hause zu reisen, haben jedoch kein Geld für die Reise.

Siebente Szene

Der Geheime Rat macht seine Nichte Gustchen mit Jungfer Rehaar bekannt. Der Major und der Geheime Rat haben Jungfer Rehaar in ihre Obhut genommen, um sie vor Seiffenblases Nachstellungen zu schützen.

Achte Szene

Pätus hat überraschend das Geld für die Reise zusammenbekommen und macht sich gemeinsam mit Fritz auf den Weg nach Insterburg.

Neunte Szene

Läuffer ist noch immer bei Wenzeslaus in der Schule und unterhält sich mit ihm über die Predigt, die der Schulmeister im Gottesdienst gehalten hat. Wenzeslaus ist nicht entgangen, dass Läuffer in der Kirche ein junges Mädchen beobachtet hat.

Zehnte Szene

Lise, das Mädchen aus der Kirche, taucht bei Wenzeslaus auf. Sie und Läuffer gestehen sich ihre Liebe. Läuffer sagt ihr, dass er keine Kinder zeugen kann, was Lise nicht stört. Sie wünscht sich weder Beischlaf noch Kinder. Es genügt ihr, mit Läuffer den Tag zu verbringen und Zärtlichkeiten auszutauschen. Die Hochzeit wird beschlossen und Läuffer ist glücklich.

Elfte Szene

Fritz und Pätus kommen nach Insterburg. Das Geld für die Reise hatte Pätus in der Lotterie gewonnen; auch seine Schulden konnte er von dem Gewinn bezahlen. Pätus und Jungfer Rehaar begegnen sich und Seiffenblases Machenschaften werden aufgedeckt. Fritz ist überwältigt, als er erfährt, dass Gustchen lebt. Gerührt beobachtet der Geheime Rat die wiedervereinigten Paare.

Letzte Szene

Es stellt sich heraus, dass die blinde Marthe die Mutter des alten Pätus ist, vor Jahren von diesem aus dem Haus getrieben. Dieser bereut sein Verhalten nun zutiefst; ebenso bedauert er die Härten gegenüber seinem Sohn und stimmt der Verbindung von Pätus und Jungfer Rehaar zu. Der Major ist glücklich über sein Enkelkind. Fritz verkündet, dass er das Kind wie sein eigenes großziehen wolle. Er schließt mit dem Satz, dass er es nie durch Hofmeister erziehen lassen werde.


Das Drama, das 1771/72 in Straßburg entstand und 1774 veröffentlicht wurde, gehört zu den wichtigsten der Epoche des Sturm und Drang. Jakob Michael Reinhold Lenz selbst nannte sein Stück zunächst eine Komödie. Den Stoff fand er in der Liebesgeschichte von Abaelard und Heloise. Ein Hinweis darauf findet sich im 2. Aufzug, 5. Szene. Am Beispiel von Läuffer veranschaulicht Lenz die Ohnmacht eines Privatlehrers in einem adeligen Haushalt, die er aus eigener Erfahrung kannte.


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Charakteristik der Hauptpersonen

Läuffer

  • gebildeter Pastorensohn, hat etwas von der Welt gesehen
  • träumt von einer guten Stellung
  • verhält sich gegenüber den adeligen Brotgebern devot und unterwürfig, macht z. B. ständig einen »Kratzfuß«
  • fühlt sich schuldig, als Gustchen ein Kind von ihm bekommt und kastriert sich in seiner Verzweiflung selbst
  • findet am Schluss sein Glück mit einer anspruchslosen Frau von niedrigem Stand

Der Geheime Rat von Berg

  • aufgeklärter Adeliger, der nichts von Privaterziehung hält
  • Vater von Fritz und Bruder des Majors
  • hat Verständnis für das Verhalten der Jugend
  • äußert in Diskussionen mit dem Major und mit Läuffers Vater, dem Stadtprediger, moderne Ansichten

Der Major

  • Bruder des Geheimen Rates und Vater von Leopold und Gustchen
  • hält an alten Adelstraditionen fest und verschließt sich dem Fortschritt
  • tritt gelegentlich autoritär auf, wandelt sich aber im Laufe des Geschehens
  • liebt seine Tochter Gustchen abgöttisch

Die Majorin

  • Frau des Majors und Mutter von Gustchen und Leopold
  • eitel und klatschsüchtig
  • voller Standesdünkel und Hochmut
  • will ihre Tochter mit Graf Wermuth verheiraten

Gustchen

  • Tochter des Majors und der Majorin
  • Vielleserin und Schwärmerin mit oberflächlichen Gefühlen
  • lässt sich trotz ihres Romeo-und-Julia-Ideals von ihrem Hauslehrer Läuffer verführen, als ihr Geliebter Fritz in eine andere Stadt zieht

Fritz von Berg

  • Sohn des Geheimen Rates
  • liebt Gustchen und verzeiht ihr den Fehltritt mit Läuffer
  • nimmt Läuffers Kind als sein eigenes an
  • ist ein treuer und aufrichtiger Freund, der für Pätus im Gefängnis einsitzt
  • hat hohe Ideale

Wenzeslaus

  • Schulmeister, bei dem sich Läuffer zeitweilig versteckt
  • selbstzufriedener Staatsdiener
  • stellt seine Bildung zur Schau und hat immer ein passendes Zitat parat
  • hält Läuffer gern Vorträge

Interpretationsansätze

Kritik an Adel und Bürgertum

J. M. R. Lenz rechnet im »Hofmeister« mit Verhältnissen ab, die er selbst kennengelernt hatte, denn als freier Schriftsteller war er sein Leben lang auf adelige Gönner angewiesen und arbeitete zeitweilig auch als Hauslehrer. Nicht nur der Dünkel und Hochmut des Adels werden dabei im »Hofmeister« kritisiert. Vielmehr stellt Lenz auch die freiwillig gewählte Abhängigkeit des Bürgertums und dessen fehlenden Kampfgeist in Frage. Schulmeister Wenzeslaus ist die Karikatur eines Lehrers, der das frustrierende Dasein als Hofmeister einer adeligen Familie gegen die bornierte Selbstzufriedenheit eines Staatsdieners an einer öffentlichen Schule eingetauscht hat.

Komik und Sarakasmus als Instrumente der Kritik

Ursprünglich hatte Lenz seinem Stück nicht die Bezeichnung »Komödie« gegeben, unter der es 1774 in Leipzig veröffentlicht wurde, sondern nannte es im Manuskript »Lust- und Trauerspiel«. Tatsächlich fällt es mit dieser Genrebezeichnung wesentlich leichter, die geradezu aberwitzig erscheinenden, grotesken Verwicklungen und ihre allzu harmonische Auflösung zu verstehen und einzuordnen. Komik wird hier zu einem Instrument der Kritik in einem eigentlich sehr bitteren Geschehen.

Das Schicksal des gesellschaftlich abhängigen und den Verhältnissen wirtschaftlich ausgelieferten Hofmeisters Läuffer ist alles andere als glücklich. Dass Läuffer am Schluss des Stückes ein Happy End mit der naiven Lise erlebt, die seine Selbstentmannung nicht weiter stört, kann nur als finsterster Sarkasmus gedeutet werden. Auch die Tatsache, dass Fritz Gustchen trotz ihres »Fehltritts« heiratet und Läuffers Kind unter freudiger Zustimmung der Großväter als sein eigenes annimmt, ist ein Ende, das mit den realen gesellschaftlichen Verhältnissen Ende des 18. Jahrhunderts rein gar nichts zu tun gehabt haben dürfte.

Bruch mit klassischen Dramentraditionen

Lenz kann all diese Auflösungen gewissermaßen aus dem Hut zaubern, denn als typisches Drama des Sturm und Drang hält sich »Der Hofmeister« nicht an die aristotelische Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Stattdessen lässt das Stück rasant wechselnde Schauplätze und zeitliche Inkongruenzen zu, etwa, wenn auf einmal Gustchen bei der alten Marthe im Wald auftritt und man erfährt, dass sie hier mit ihrem Kind bereits seit etwa einem Jahr lebt.

Die auftretenden Personen kommen nicht nur aus allen Kreisen der Gesellschaft, sondern sind über Standesgrenzen hinweg miteinander befreundet und in Beziehung, worin sich ein weiterer Bruch mit klassischen Dramentraditionen zeigt. Nicht von ungefähr wird an einer Stelle Lessings »Minna von Barnhelm« zitiert, denn Lessing war der erste deutsche Dramatiker, der sich nicht an die sogenannte »Ständeklausel« hielt und auch bürgerliche Personen zu Handlungsträgern machte.