Sturm und Drang (1770–1790)

Der Sturm und Drang ist eine Strömung in der Literaturepoche der Aufklärung. Er umfasst die Jahre von etwa 1767 bis 1785. Die Jugendbewegung war geprägt vom Protest gegen die reine Vernunft der Aufklärung und vom Geniedenken. Bekannte Vertreter waren Herder, Goethe und Schiller.

Die Epoche des Sturm und Drang

Das 18. Jahrhundert war eine Zeit des gesellschaftlichen und kulturellen Umbruchs. Infolge der bürgerlichen Revolution entstand auch ein neues Bild des Dichters. Eine wesentliche Errungenschaft der Aufklärung war formale Freiheit. Es entwickelte sich der Typus des »freien Schriftstellers«, der nur sich selbst verpflichtet ist.

Besonders in Deutschland setzten sich junge Dichter mit dem Weltbild ihrer Väter auseinander und suchten nach eigenen Standpunkten. Sie forderten zum einen politische Veränderungen, zum anderen die künstlerische Freiheit des schöpferischen, empfindsamen Dichter-Genies. Dies brachte der Epoche auch den Namen Geniezeit ein. Ihre Vertreter rebellierten gegen die Werte der Aufklärung. Diese wurden oft als zu vernunftbetont und nützlichkeitsorientiert empfunden.

Geniezeit

Die Epoche des Sturm und Drang ist auch als Geniezeit oder Genieepoche bekannt. Das »Originalgenie« galt als Urbild des schöpferischen Menschen. Es folgt seinem Herzen und seinem Gefühl mit dem Ziel der freien Selbstentfaltung. Seine Kunst drückt seine Erlebnisse und Empfindungen unmittelbar aus. Ein Genie unterwirft sich weder Autoritäten noch bestehenden Regeln. William Shakespeare war das verehrte Vorbild jener Epoche. Die Helden seiner großen Tragödien wurden von den Stürmern und Drängern bewundert.

Der Sturm und Drang war eine der ersten Jugendprotestbewegungen in Europa. Er wird häufig als Gegenbewegung zur Aufklärung verstanden. Dabei hat letztere erst die Voraussetzungen für den Sturm und Drang geschaffen. Die Ablehnung des Feudalismus indes ist sogar eine Gemeinsamkeit der beiden Epochen. Tatsächlich gingen die jugendlichen Stürmer und Dränger über die Ziele der Aufklärung hinaus. Forderte die Aufklärung den Einsatz der menschlichen Vernunft, so verlangte der Sturm und Drang den Einsatz des ganzen Menschen mit all seinen Gefühlen, Leidenschaften und Trieben.

Der Philosoph Johann Gottfried Herder (1717–1772) gilt als Wegbereiter des Sturm und Drang: Er übte Kritik an der Arroganz der bürgerlichen Aufklärung und ihrer mangelnden Nähe zum »einfachen Volk«. Seine »Fragmente über die neuere deutsche Literatur« von 1767 werden als Initialzündung des Sturm und Drang angesehen.

Ihren Namen verdankt die Literaturepoche des Sturm und Drang einem Schauspiel des deutschen Dichters Friedrich Maximilian Klinger (1752–1831) aus dem Jahr 1776. Allerdings wurde sie erst ab den 1820er Jahren so genannt. Die zeitgenössische Bezeichnung war Genieperiode.

Merkmale des Sturm und Drang

Die Stürmer und Dränger wandten sich gegen überkommene Werte ebenso wie gegen Grundsätze der Aufklärung. Zu letzteren zählten insbesondere Vernunft und Maßhalten in allen Dingen. Darauf sollte sich das gesellschaftliche Handeln ebenso gründen wie philosophisches und literarisches Denken. Dies lehnen die jungen Literaten entschieden ab. Der Mensch habe vielmehr das Recht und die Pflicht, auch seine Gefühle und Leidenschaften sowie seine natürliche Nähe zu Natur und Schöpfung auszuleben.

Wichtige Merkmale des Sturm und Drang
  • Jugendbewegung: Die Autoren sind junge und freie Dichter. Ihre Mehrheit war zwischen 20 und 30 Jahren alt. Sie protestierten gegen Autorität und Tradition im politischen und gesellschaftlichen Leben sowie in der geistigen und dichterischen Welt.
  • Betonung des Gefühls und der schöpferischen Kraft des Individuums: Zentrale Motive jedes geistigen und literarischen Schaffens im Sturm und Drang sind Gefühl (Emotio) und Empfindung. Eine besondere Rolle spielt das unmittelbare Erleben der Natur. Die vernunftbetonte Epoche der Aufklärung dagegen war vom Verstand (Ratio) beherrscht.
  • Leidenschaft als Wert an sich: Nach Auffassung der Stürmer und Dränger kann der Einzelne Regeln und Normen außer Acht lassen, um Bedeutsames zu leisten. Die Leidenschaft de Stürmer und Dränger stellt das Charakteristische und Ursprüngliche, das Originalgenie, über das Schöne und in der Form Gebändigte.
  • Gefühlsüberschwang in der Sprache: Die Sprache des Sturm und Drang ist jugendlich überschwänglich und verständlich. Man ließ sich nicht länger in das Regelwerk des Barock oder der Aufklärung zwingen. Die jungen Autoren setzten den alten Zwängen eine ausdrucksstarke Wiedergabe eigener Erfahrungen und Empfindungen entgegen. Dies führte zum häufigen Gebrauch von Halbsätzen, Kraftausdrücken oder volkstümlichen Wendungen. Die Protagonisten ihrer Werke zeigen übersteigerte Gefühlsausbrüche oder führen revolutionäre Reden.
  • Kritik am Feudalismus: Erklärtes Ziel der Stürmer und Dränger ist die Überwindung des feudalen Systems. Ebenso wie zuvor die Aufklärer lehnen sie den Absolutismus und die Adelsherrschaft ab. Ihre Kritik richtet sich aber auch gegen Klerus und Bürgertum.
  • Das Drama als Hauptform der Dichtung: Von allen literarischen Gattungen eignet sich das Drama am besten für die gefühls- und ausdrucksstarke Sprache des Sturm und Drang. Die Rebellion gegen die bestehende Weltordnung konnte im Schauspiel durch Ausrufe, halbe Sätze und derbe Wendungen wirkungsvoll in Szene gesetzt werden.

Autoren des Sturm und Drang

Kennzeichnend für den Sturm und Drang ist, dass er von Dichtern im Alter zwischen 20 und 30 Jahren getragen wurde. Seither verwendet man für diese Lebensphase umgangssprachlich die Bezeichnung »Sturm- und Drang-Periode«. Deshalb verwundert es nicht, dass Themen wie Freundschaft, Mut und Verwegenheit, leidenschaftliche Liebe, emphatische Gefühle sowie Auflehnung und Rebellion gegen starre Autoritäten im Mittelpunkt der Werke stehen.

Der Sturm und Drang wird auch »Geniezeit« genannt. In dieser Epoche wurde der Begriff des »Genies« geprägt. Theoretisch erörtert wird er bei Herder (»Shakespeare«, 1773), Goethe (»Zum Shakespeare Tag«, 1771) und Jakob Michael Reinhold Lenz (»Anmerkungen übers Theater«, 1774). Das »Genie« bezeichnet einen Künstler, der nur seinem Gewissen und seinen eigenen ästhetischen Ansprüchen verpflichtet ist. Kein Regelwerk kann sein schöpferisches Tun begrenzen, er findet alles in seiner eigenen Seele und seinen eigenen Empfindungen. Dabei ist er vital und kraftvoll – das Ideal ist keineswegs der sensible Einzelgänger, sondern der »ganze Kerl«, der mutig gegen die Obrigkeit rebelliert und mit Gleichgesinnten kämpft. Das Inbild eines solchen Dichters sah man in den großen Vorbildern Homer und Shakespeare.

Wichtige Autoren des Sturm und Drang

Das Drama im Sturm und Drang

Das Drama ist die wichtigste literarische Gattung in der Epoche des Sturm und Drang. Formal brechen die Dramatiker des Sturm und Drang mit der traditionellen Einheit von Ort, Zeit und Handlung, ein Bruch, den der von ihnen verehrte Shakespeare schon 150 Jahre früher vollzogen hatte. Auch das klassische Versmaß wird aufgegeben; stattdessen werden die Dialoge in Prosaform verfasst. Umgangssprache, Dialekt, Ausrufe und unvollständige Sätze finden Eingang in das Schauspiel des Sturm und Drang.

In keiner anderen literarischen Form lässt sich der Konflikt zwischen dem aufbegehrenden Individuum und den gesellschaftlichen Konventionen so gut darstellen wie im Schauspiel. So werden Johann Wolfgang von Goethes »Götz von Berlichingen« (1773) und Friedrich Schillers »Die Räuber« (1781) zu wegweisenden Dramen der Epoche. Mit »Kabale und Liebe« schuf Friedrich Schiller ein weiteres Hauptwerk des Sturm und Drang.

Die Gestaltung der Hauptfiguren orientiert sich am Ideal des genialen Kraftmenschen, der letzten Endes an sozialen Zwängen scheitert. Jakob Michael Reinhold Lenz (1751–1792), mit Werken wie »Der Hofmeister« (1774) und »Die Soldaten« (1776) selbst ein Dramatiker des Sturm und Drang, gilt als dessen tragische Figur und hat dieses Scheitern am eigenen Schicksal erlebt. Sein Leben ist exemplarisch für die Situation vieler Dichter der Zeit, die sich als Hauslehrer im Dienst adeliger Familien mehr schlecht als recht ihr Brot verdienten und deren Talente zu Lebzeiten verkannt wurden.

Wichtige Dramen des Sturm und Drang

Prosatexte des Sturm und Drang

In seinem Briefroman »Die Leiden des jungen Werther« (1774) schildert Goethe das Schicksal eines schwärmerischen jungen Mannes: Werther verzweifelt an den starren Konventionen seiner Zeit und an der Aussichtslosigkeit seiner Liebe zu der verheirateten Lotte. Er begeht schließlich Selbstmord. Werther ist die wohl berühmteste literarische Figur des Sturm und Drang, und Goethes Werk wurde kurz nach seinem Erscheinen in ganz Europa ein großer Erfolg.

Neben anderen Romanen, die ebenfalls ein geniales Individuum in den Mittelpunkt stellen (z. B. Wilhelm Heinse, »Ardinghello«, 1787), sind die bedeutendsten Prosatexte des Sturm und Drang vor allem theoretische Schriften wie Herders »Von deutscher Art und Kunst« (1773). Sie erläutern die Programmatik dieser literarischen Bewegung. Ohne sie ist ein tieferes Verständnis des Sturm und Drang kaum möglich.

Lyrik des Sturm und Drang

Neben dem Drama ist die Ballade die wichtigste literarische Form des Sturm und Drang. Die Betonung des Völkischen und der Volksnähe in jener Epoche führte zu einer Vorliebe für diese Art der Lyrik. Die Ballade ist im Stil lebendig und unmittelbar. Ihre naturmagischen Motive und Bilder stammten oft aus den Sagen und Legenden der einfachen Landbevölkerung. Ein bekanntes Beispiel ist Goethes »Erlkönig«.

Unter Berufung auf Johann Gottfried Herder wandte man sich in der Lyrik des Sturm und Drang dem Volkslied zu. Herder selbst sammelte Volkslieder aus westlichen Ländern wie Deutschland, Frankreich und Spanien. Lieder aus Estland, Litauen und Polen in der Sammlung lassen auf Herders Interesse an der osteuropäischen Kultur schließen.

Alles, was als »natürlich« empfunden wurde, spielte ebenfalls eine große Rolle, allem voran Liebes- und Naturgedichte. In ihnen konnte der freie Dichter, das Genie, seinen ursprünglichen Gefühlen ungehemmt Ausdruck verleihen, frei von höfischem Regelwerk und strenger Metrik. Ein bekanntes Beispiel ist Goethes Gedicht »Willkommen und Abschied« aus dem Band der »Sesenheimer Lieder« (1771).

Auch die Ode oder Hymne ist eine Form der Lyrik des Sturm und Drang. Als Beispiel sei Goethes »Prometheus« angeführt. Eine Hymne ist eigentlich ein Loblied. Prometheus‘ Anklage der Götter verkehrt dies zwar ins Gegenteil, ist aber dennoch programmatisch für die Literaturepoche: Ein unzulänglicher Mensch (oder Halbgott) erhebt sich gegen herrschende Autoritäten.