Anna Karenina

Inhaltsangabe

Der Roman »Anna Karenina« von Leo N. Tolstoi wurde 1875-1877 zur Zeit des russischen Realismus veröffentlicht. In drei miteinander verwobenen Handlungssträngen wirft Tolstoi moralische Fragen zur Ehe, zum Ehebruch und zur Gesellschaftsordnung auf. Die Titelfigur Anna Karenina flüchtet aus einer freudlosen Ehe mit dem Staatsbeamten Alexej Karenin in eine leidenschaftliche Liebesbeziehung zu dem Grafen Wronskij, die in eine Katastrophe führt. Annas Bruder, der Fürst Stepan Oblonskij, hält trotz seiner außerehelichen Beziehungen an der Institution Ehe fest und zwingt seine Frau Dolly in die Rolle der unglücklich Duldenden. Dollys Schwester Kitty Schtscherbazkaja und der Gutsbesitzer Levin dagegen überwinden unterschiedliche Herausforderungen und finden zu einer erfüllten Beziehung.

Dolly Oblonskaja will sich von ihrem Mann Stepan scheiden lassen, nachdem sie von dessen Untreue erfahren hat. Stepans Schwester Anna Karenina eilt aus Petersburg zur Hilfe. Auf dem Moskauer Bahnhof findet die erste Begegnung zwischen Anna und dem Grafen Wronskij statt, die beide tief beeindruckt. Im Haus des Fürsten Oblonskij gelingt es Anna in ihrer offenen und herzlichen Art Dolly, die ihren Mann noch immer liebt, zu Vergebung und Versöhnung zu bewegen.

Dollys Schwester Kitty ist in den Grafen Wronskij verliebt und erwartet einen Heiratsantrag von ihm. Kitty und Anna nehmen an einem Ball teil, bei dem Wronskij nur Augen für Anna hat. Diese fährt daraufhin sofort nach Petersburg zurück. Wronskij reist ihr nach und lässt von nun an keine Gelegenheit aus Anna in der Petersburger Gesellschaft zu begegnen. Annas Ehemann, der 20 Jahre ältere Alexej Karenin, ist als angesehener Beamter zufrieden mit seinem straff durchorganisierten Tagesablauf; Strenge und Vornehmheit gehen von ihm aus, und sein kühler Spott steht in krassem Gegensatz zu Annas Warmherzigkeit und sprühender Lebendigkeit. Im Zusammensein mit dem liebenswürdigen und ihr ergebenen Wronskij findet Anna alles, was ihr in ihrer Ehe fehlt. Sie lässt sich auf eine Beziehung mit dem Grafen ein, die weder der Gesellschaft noch ihrem Mann verborgen bleibt.

Obwohl sie den ernsthaften Levin sehr mag, lehnt Kitty seinen Heiratsantrag ab, denn ihr Herz begehrt den attraktiven Grafen Wronskij. Als sie begreift, dass dieser sie verschmäht und sich Anna Karenina zugewandt hat, erkrankt sie schwer. Für Levin ist die von der über alles geliebten Kitty erhaltene Abfuhr Veranlassung, sich auf sein Landgut zurückzuziehen und die Gesellschaft weitestgehend zu meiden. Er gibt sich der körperlichen Arbeit an der Seite seiner Bauern ebenso hin wie der geistigen Auseinandersetzung mit der Situation der russischen Landwirtschaft und der herrschenden Gesellschaftsordnung. Von der Erinnerung an Kitty und der tiefen Enttäuschung aber lenken ihn weder das eine noch das andere ab.

Alexej Karenin ist sich der Gefahr für seine Ehe nicht bewusst und verlangt von Anna nur, durch die Verbindung zu Wronskij ihn und sich selbst in der Gesellschaft nicht lächerlich zu machen. Als Anna schließlich von Wronskij ein Kind erwartet, und gleichzeitig ihre Abscheu vor ihrem Ehemann unerträgliche Ausmaße annimmt, entschließt sie sich mit der ihr eigenen Offenheit dazu, ihrem Mann die Wahrheit zu sagen. Dessen Reaktion trifft sie wie ein Schlag: Alexej Karenin verlangt die Fortsetzung der Ehe unter der Bedingung, dass Anna die Beziehung zu Wronskij beendet, oder aber die Scheidung mit der Folge, dass Anna den geliebten gemeinsamen Sohn Serjosha nicht wiedersehen werde. Anna bleibt bei ihrem Mann und trifft sich weiterhin heimlich mit ihrem Geliebten.

Bei der Geburt des Kindes erkrankt Anna schwer. Als sie sich dem Tode nahe fühlt, bangt sie um ihren Seelenfrieden, und so kommt es zu einer Versöhnung der Eheleute. Graf Wronskij unternimmt daraufhin einen Selbstmordversuch, der jedoch scheitert. Nach ihrer unerwarteten Genesung wendet Anna sich wieder Wronskij zu, und es kommt zum endgültigen Bruch mit ihrem Mann, der ihr die Scheidung anbietet. Schweren Herzens lässt sie ihren Sohn zurück und begibt sich mit Wronskij auf eine lange Auslandsreise.

Kitty ist durch ihre Krankheit geläutert und gereift, und da auch Levin seine große Liebe nicht vergessen kann, arrangieren gemeinsame Freunde eine Begegnung, bei denen die beiden Liebenden zueinander finden. Nach der Hochzeit führt das junge Paar auf Levins Gut ein offenes Haus, in dem auch die inzwischen in finanzielle Schwierigkeiten geratene Dolly Oblonskaja mit ihren Kindern immer wieder zu Gast ist. Ihr treuloser Mann Stepan gibt sich unterdessen weiterhin seinen Vergnügungen hin und erscheint nur gelegentlich zu kurzen Besuchen.

Die Sehnsucht nach ihrem Sohn zieht Anna nach einem Jahr zurück nach Petersburg, doch Alexej Karenin verweigert ihr Serjosha zu sehen. Als es Anna gelingt sich in das Haus ihres Ehemannes einzuschleichen, kommt es zu einer bewegenden Begegnung zwischen Mutter und Sohn.

Von der Gesellschaft geächtet und enttäuscht zieht Anna sich mit Wronskij auf dessen Gut zurück, wo sie trotz großen materiellen Wohlstands unter der Einsamkeit und Leere ihres Lebens leidet. Selbstzweifel plagen sie, die ungeliebte Tochter kann ihr den erstgeborenen Serjosha nicht ersetzen, und sie klammert sich eifersüchtig an Wronskij. Der wiederum spürt, dass ihn die Liebesbeziehung zu Anna allein nicht ausfüllt. Er wendet sich mit großem Eifer der Verwaltung seines Guts zu und zeigt sich wieder in der Gesellschaft. Obwohl ihm Annas tragische Situation bewusst ist, verlangt er von ihr die Freiheit sein Leben in der Öffentlichkeit zu leben. Immer häufiger kommt es zu erbitterten Auseinandersetzungen. Wronskij drängt Anna zur Scheidung um durch eine nachfolgende Heirat die gemeinsame Tochter Annie legitimieren und sich gesellschaftlich rehabilitieren zu können. Anna hat das bisher abgelehnt um Serjosha nicht endgültig zu verlieren, doch schließlich hält sie die unerträglich bedrückende Situation nicht mehr aus und wendet sich an Alexej Karenin, der mit einer Antwort auf sich warten lässt.

Währenddessen quält Levin die Frage nach dem Sinn seines Lebens. Er hält sich für unfähig an Gott zu glauben, und die Grenzerfahrungen beim Tod seines geliebten Bruders und bei der Geburt seines ersten Sohnes stürzen ihn in eine schwere Sinnkrise. Er beschäftigt sich intensiv mit philosophischen Schriften, die ihm jedoch nicht die erhofften Erkenntnisse bringen, sodass ihm zeitweilig der Freitod als einziger Weg aus seinen Qualen erscheint. Nach monatelangem Suchen erkennt er schließlich die Hingabe an das Gute als den göttlichen Willen, dem er bereit ist zu folgen. Damit findet er die langersehnte Ruhe.

Zwischenzeitlich steigert sich Anna immer mehr in ihre Wahnvorstellungen hinein, Wronskijs Liebe an andere Frauen verloren zu haben, und die beiden entfremden sich zusehends. Als er zu einem Besuch bei seiner Mutter unterwegs ist, und Annas Aufforderung sofort zu ihr zurückzukehren, zu spät erhält um ihr Folge leisten zu können, sinnt sie auf ewige Rache an Wronskij. Sie verliert endgültig die Kontrolle über sich und stürzt sich im Bahnhof vor einen fahrenden Zug.

Ein Leben ohne Anna erscheint Wronskij sinnlos, und er zieht als Freiwilliger in den Krieg auf dem Balkan um dort mit seinem Tod, der für ihn beschlossen ist, einer guten Sache zu dienen.

In seinem großartigen und detailreichen Werk dringt Tolstoi tief in die Psyche seiner Charaktere ein, ohne zu verurteilen oder sie ihrer Würde zu berauben. Sowohl die Hauptfiguren als auch die Nebenfiguren erscheinen als Suchende nach Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Die Antworten, die Tolstoi uns durch den Verlauf der Handlung gibt, haben nichts Endgültiges. Sie sind aus seiner Zeit heraus zu verstehen, doch bleibt es den Lesern unbenommen, zu anderen Antworten zu gelangen. »Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche ist auf ihre eigene Weise unglücklich.« Dieser erste Satz des Romans wird auch als »Anna-Karenina-Prinzip« bezeichnet, und hat ebenso wie andere Teile des Inhalts mehr als 130 Jahre nach seinem Erscheinen nicht an Gültigkeit verloren. »Anna Karenina« gilt mit Recht als ein Klassiker der Weltliteratur.


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