Anna Karenina

Inhaltsangabe

Der Roman »Anna Karenina« von Leo N. Tolstoi wurde 1877 veröffentlicht. Er spielt zur Zeit seiner Entstehung, einer Epoche voller gesellschaftlicher Umbrüche. Tolstoi greift die großen Fragen seiner Zeit auf: Die Rolle des Adels wird ebenso thematisiert wie die Bedeutung von Kirche und Religion. Moralische Fragen zum Ehebruch und zur Familie als Institution der Zukunft werden gestellt.

Das Werk besteht aus acht Teilen. Drei Handlungsstränge sind miteinander verwoben: Die Titelfigur Anna Karenina flüchtet aus einer freudlosen Ehe mit dem Staatsbeamten Alexej Karenin; ihre Liebesbeziehung zu dem Grafen Wronskij endet tragisch. Annas Bruder, Fürst Stepan Oblonskij, unterhält wechselnde außereheliche Beziehungen und zwingt seine Frau Dolly in die Rolle der unglücklich Duldenden. Dollys Schwester Kitty Schtscherbazkaja und der Gutsbesitzer Ljevin (oder: Levin) dagegen finden zu einer erfüllten Beziehung.


Teil 1

Darja Alexandrowna Oblonskaja, genannt Dolly, erfährt von der Untreue ihres Mannes. Sie will sich von , Fürst Stepan Oblonskij scheiden lassen. Stepans Schwester Anna Karenina eilt aus Petersburg zur Hilfe. Auf dem Moskauer Bahnhof findet die erste Begegnung zwischen Anna und dem Offizier Graf Alexej Wronskij statt. Beide sind tief beeindruckt voneinander. Unterdessen wird ein Bahnwärter von einem Zug überfahren. Anna erkennt darin ein böses Omen. Im Haus Oblonskij gelingt es der offenen und herzlichen Anna, die Eheleute zu versöhnen.

Der Gutsbesitzer Konstantin Ljevin liebt Dollys Schwester Kitty Schtscherbazkaja und will sie heiraten. Obwohl Kitty Ljevin sehr mag, weist sie ihn ab. Der verschmähte Ljevin reist zurück auf sein Gut. Er findet zunächst Trost in den Alltagsgeschäften.

Kitty ist verliebt in den Grafen Wronskij. Dieser ist freundlich zu Kitty, und ihre Mutter erwartet seinen Heiratsantrag. Bei einem Ball in der Moskauer Gesellschaft wird Kitty Zeugin der heftigen Leidenschaft, die zwischen Wronskij und Anna Karenina brennt. Beide können ihre Gefühle nicht verbergen. Kitty fühlt sich gedemütigt. Am nächsten Tag fährt Anna vorzeitig zurück nach Petersburg. Ihr Ehemann Alexej Alexandrowitsch Karenin empfängt sie am Bahnhof. Wronskij ist Anna nachgereist.

Teil 2

Kittys Hoffnungen sind enttäuscht worden. Sie ist tief verletzt und erkrankt schwer. Ihre Ärzte verordnen eine Kur im Ausland. Dort durchlebt die junge Frau eine Reifezeit. Etliche Monate später kehrt sie geheilt nach Moskau zurück.

Wronskij verschafft sich in Petersburg Zugang zu den gesellschaftlichen Kreisen, in denen Anna Karenina verkehrt. Wronskij ist jung, liebenswürdig und Anna ergeben. Im Zusammensein mit ihm findet Anna all das, was ihr in ihrer Ehe fehlt. Alexej Alexandrowitsch Karenin ist zwanzig Jahre älter als sie. Strenge und Vornehmheit gehen von ihm aus. Er ist ein angesehener Beamter und zufrieden mit seinem straff organisierten Tagesablauf. Sein kühler Spott steht in krassem Gegensatz zu Annas Warmherzigkeit und Lebendigkeit.

Anna lässt sich auf eine Beziehung mit Wronskij ein. Dies bleibt weder der Petersburger Gesellschaft noch ihrem Mann verborgen. Alexej Karenin verlangt von Anna lediglich, sich selbst und ihn nicht lächerlich zu machen. Im Laufe des folgenden Jahres wird Annas Verhältnis mit Wronskij von der Gesellschaft zunehmend missbilligt. Unterdessen spürt Alexej Karenin, dass Anna ihm entglitten ist. Auch der gemeinsame achtjährige Sohn Sergej (auch Serjosha genannt) ist von der Affäre seiner Mutter verunsichert.

Anna verändert sich. Geringschätzung und Abscheu gegenüber ihrem Mann nehmen für sie unerträgliche Ausmaße an. Sie gesteht Alexej Karenin, dass sie Wronskijs Geliebte ist. Karenin ist schockiert und will seine Ehre retten. Dafür soll zunächst der äußere Schein der Ehe aufrechterhalten werden.

Teil 3

Kapitel 1–6; 11–12; 24–32
Ljevin hat sich von der Gesellschaft zurückgezogen. Sein älterer Bruder Sergej Iwanowitsch ist zu Besuch auf dem Landgut. In langen Diskussionen zwingt dieser den Jüngeren, sich mit der der herrschenden Gesellschaftsordnung und der Situation der Landarbeiter auseinanderzusetzen. An der Seite seiner Bauern verrichtet Ljevin jetzt schwere körperliche Arbeit. Nur von der Erinnerung an Kitty lenken ihn weder das eine noch das andere ab.

Kapitel 7–10
Stepan Oblonskij führt weiterhin das Leben eines Junggesellen; gegenüber Dolly hat er ein dauerhaft schlechtes Gewissen. Dolly Oblonskaja verbringt den Sommer allein mit ihren Kindern auf dem Land in der Nähe des Ljevinschen Guts. Sie lädt Ljevin zu sich ein und kündigt ihm Kittys Besuch auf dem Land an. Im Gespräch wird deutlich, dass Ljevin die Kränkung durch Kitty nicht verwunden hat. Später muss er sich eingestehen, dass er Kitty noch immer liebt.

Kapitel 13–23
Nach reiflicher Überlegung schlägt Alexej Karenin Anna die Fortsetzung der Ehe vor. Er verlangt dafür, dass Anna die Beziehung zu Wronskij beendet. Alternativ würde er die Scheidung einreichen. Ihren geliebten Sohn Serjosha würde Anna dann nicht mehr sehen dürfen. Anna ist schwanger von Wronskij. Sie bittet ihn zu sich. Vergeblich erwartet sie von ihm ein eindeutiges Bekenntnis zu ihr. Anna geht zurück zu ihrem Mann.

Teil 4

Anna bleibt bei ihrem Mann und trifft sich weiterhin heimlich mit ihrem Geliebten.

Bei der Geburt des Kindes erkrankt Anna schwer. Als sie sich dem Tode nahe fühlt, bangt sie um ihren Seelenfrieden, und so kommt es zu einer Versöhnung der Eheleute. Graf Wronskij unternimmt daraufhin einen Selbstmordversuch, der jedoch scheitert. Nach ihrer unerwarteten Genesung wendet Anna sich wieder Wronskij zu, und es kommt zum endgültigen Bruch mit ihrem Mann, der ihr die Scheidung anbietet. Schweren Herzens lässt sie ihren Sohn zurück und begibt sich mit Wronskij auf eine lange Auslandsreise.

Kitty ist durch ihre Krankheit geläutert und gereift, und da auch Levin seine große Liebe nicht vergessen kann, arrangieren gemeinsame Freunde eine Begegnung, bei denen die beiden Liebenden zueinander finden. Nach der Hochzeit führt das junge Paar auf Levins Gut ein offenes Haus, in dem auch die inzwischen in finanzielle Schwierigkeiten geratene Dolly Oblonskaja mit ihren Kindern immer wieder zu Gast ist. Ihr treuloser Mann Stepan gibt sich unterdessen weiterhin seinen Vergnügungen hin und erscheint nur gelegentlich zu kurzen Besuchen.

Die Sehnsucht nach ihrem Sohn zieht Anna nach einem Jahr zurück nach Petersburg, doch Alexej Karenin verweigert ihr Serjosha zu sehen. Als es Anna gelingt sich in das Haus ihres Ehemannes einzuschleichen, kommt es zu einer bewegenden Begegnung zwischen Mutter und Sohn.

Von der Gesellschaft geächtet und enttäuscht zieht Anna sich mit Wronskij auf dessen Gut zurück, wo sie trotz großen materiellen Wohlstands unter der Einsamkeit und Leere ihres Lebens leidet. Selbstzweifel plagen sie, die ungeliebte Tochter kann ihr den erstgeborenen Serjosha nicht ersetzen, und sie klammert sich eifersüchtig an Wronskij. Der wiederum spürt, dass ihn die Liebesbeziehung zu Anna allein nicht ausfüllt. Er wendet sich mit großem Eifer der Verwaltung seines Guts zu und zeigt sich wieder in der Gesellschaft. Obwohl ihm Annas tragische Situation bewusst ist, verlangt er von ihr die Freiheit sein Leben in der Öffentlichkeit zu leben. Immer häufiger kommt es zu erbitterten Auseinandersetzungen. Wronskij drängt Anna zur Scheidung um durch eine nachfolgende Heirat die gemeinsame Tochter Annie legitimieren und sich gesellschaftlich rehabilitieren zu können. Anna hat das bisher abgelehnt um Serjosha nicht endgültig zu verlieren, doch schließlich hält sie die unerträglich bedrückende Situation nicht mehr aus und wendet sich an Alexej Karenin, der mit einer Antwort auf sich warten lässt.

Währenddessen quält Levin die Frage nach dem Sinn seines Lebens. Er hält sich für unfähig an Gott zu glauben, und die Grenzerfahrungen beim Tod seines geliebten Bruders und bei der Geburt seines ersten Sohnes stürzen ihn in eine schwere Sinnkrise. Er beschäftigt sich intensiv mit philosophischen Schriften, die ihm jedoch nicht die erhofften Erkenntnisse bringen, sodass ihm zeitweilig der Freitod als einziger Weg aus seinen Qualen erscheint. Nach monatelangem Suchen erkennt er schließlich die Hingabe an das Gute als den göttlichen Willen, dem er bereit ist zu folgen. Damit findet er die langersehnte Ruhe.

Zwischenzeitlich steigert sich Anna immer mehr in ihre Wahnvorstellungen hinein, Wronskijs Liebe an andere Frauen verloren zu haben, und die beiden entfremden sich zusehends. Als er zu einem Besuch bei seiner Mutter unterwegs ist, und Annas Aufforderung sofort zu ihr zurückzukehren, zu spät erhält um ihr Folge leisten zu können, sinnt sie auf ewige Rache an Wronskij. Sie verliert endgültig die Kontrolle über sich und stürzt sich im Bahnhof vor einen fahrenden Zug.

Ein Leben ohne Anna erscheint Wronskij sinnlos, und er zieht als Freiwilliger in den Krieg auf dem Balkan um dort mit seinem Tod, der für ihn beschlossen ist, einer guten Sache zu dienen.


In seinem großartigen und detailreichen Werk dringt Tolstoi tief in die Psyche seiner Charaktere ein, ohne zu verurteilen oder sie ihrer Würde zu berauben. Sowohl die Hauptfiguren als auch die Nebenfiguren erscheinen als Suchende nach Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Durch den Verlauf der Handlung macht Tolstoi lediglich Vorschläge; sie sind aus seiner Zeit heraus zu verstehen. Es bleibt den Lesern unbenommen, eigene Antworten zu finden. »Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche ist auf ihre eigene Weise unglücklich.« Dieser erste Satz des Romans wird auch als »Anna-Karenina-Prinzip« bezeichnet, und hat mehr als 130 Jahre nach seinem Erscheinen nicht an Gültigkeit verloren. Auch dies macht »Anna Karenina« zu einem Klassiker der Weltliteratur.