Theodor Fontanes Novelle »Unterm Birnbaum« wurde ab August 1885 zunächst als Fortsetzungsreihe in der populären Zeitschrift »Die Gartenlaube« veröffentlicht; im Oktober desselben Jahres erschien sie als Buchausgabe. Sie schildert einen Raubmord, den das Gastwirtspaar Hradscheck an einem Reisenden begeht. Täter und Tathergang sind von Anfang an bekannt. Spannung entsteht durch die Frage, ob und wie das Verbrechen entdeckt wird. Die Handlung umfasst den Zeitraum von Oktober 1831 bis Oktober 1833 und wird weitgehend chronologisch erzählt. Ort des Geschehens ist das fiktive Dorf Tschechin im Oderbruch.
Der Ablauf der Kriminalgeschichte offenbart immer nur Teilaspekte der Wahrheit. Die Mordtat selbst wird nicht beschrieben, und in die Handlung eingestreute Verdachtsmomente lassen die Leserinnen und Leser eigene Schlüsse ziehen. Deutliche Hinweise und geheimnisvolle Aussparungen halten sich dabei die Waage. Die Geschichte erfordert eine aktive Lesehaltung; auf diese Weise werden die Lesenden selbst zu Kriminalisten.
»Unterm Birnbaum« wird der Gattung der Kriminalliteratur zugerechnet und ist eine der im ausgehenden 19. Jahrhundert äußerst beliebten »Fallgeschichten«. Angeregt wurde Fontane dazu durch einen nicht aufgeklärten Mordfall in Letschin, das Tschechin als Vorbild diente und wo 1842 eine vergrabene Leiche im Garten eines Gastwirts gefunden wurde. Auch im Anhang der hier verwendeten Textausgabe (s. Quellenangaben) wird darauf hingewiesen, dass Fontane mit »Unterm Birnbaum« eine »in ihrem Kern historische Begebenheit« (859) erzählt habe. Weiter heißt es dort:
Dabei kam ihm jedoch eine besonders genaue, durchgängig aus eigener Beobachtung gespeiste Kenntnis des Schauplatzes und der Menschen des Oderbruchs zugute. Vom Sommer 1838 bis zum Herbst 1850 besaß Louis Henri Fontane [Anm. d. Red.: Theodor Fontanes Vater] die Apotheke in Letschin. In den gesundheitlichen, beruflichen und poetischen Krisen seiner Jugend ist das Dorf im Bruch für F. dadurch wiederholt seine Zuflucht geworden, die er nicht liebte, aber mit scharfen Augen beobachtete. (ebd.)
Die »Fallgeschichten« entsprachen mit ihren Schilderungen tatsächlicher Rechtsfälle den Forderungen des Realismus nach Wirklichkeitsnähe, überschaubarem Personal sowie klar begrenzten zeitlichen und räumlichen Zusammenhängen. Mit der Darstellung unterschiedlicher sich zuspitzender Konflikte übt Fontane zudem Kritik an der Dorfgesellschaft und ihrer gefährlichen Dynamik.
Der dramaturgisch reizvolle Stoff wurde 1973 erstmalig von der DEFA für Kino verfilmt und war seitdem auch Grundlage mehrerer TV-Fassungen, zuletzt 2019 unter der Regie von Uli Edel. Die Handlung wurde hier mit brillanter Besetzung (u. a. Fritz Karl und Julia Koschitz in den Hauptrollen des mörderischen Paares) in die Gegenwart verlegt.