Inhaltsangabe

»Das Erdbeben in Chili« ist die erste von Heinrich von Kleist veröffentlichte Novelle. Sie erschien 1807 unter dem Titel »Jeronimo und Josephe« in Cottas »Morgenblatt für gebildete Stände«. Die Handlung spielt sich vor dem historischen Hintergrund des Erdbebens in Santiago de Chile im Jahre 1647 ab. Sie erzählt die Geschichte eines jungen Liebespaares, dem unschuldig Schreckliches widerfährt. Mit diesem Thema greift sie das Problem der Theodizee auf: die Frage, wie das Böse in die Welt gelangt und warum es von Gott nicht verhindert wird.

Theodizee

Der Begriff »Theodizee« wurde von dem Philosophen der Aufklärung Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) geprägt. Er stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet »Rechtfertigung Gottes«. Leibniz stellt die Frage, warum Gott nicht eingreife, wenn guten Menschen Böses widerfahre. Diese Frage wird bereits im Alten Testament im Buch Hiob gestellt. Leibniz beantwortet sie damit, dass Gott »die beste aller möglichen Welten« geschaffen habe.

Nach dem verheerenden Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755, das Tausende Menschen das Leben kostete, griffen führende europäische Denker diese Antwort an. Voltaire parodierte Leibniz‘ Auffassung in seiner Satire »Candide oder Der Optimismus« (im Original: »Candide, ou l’optimisme«). Goethe kommentierte das Erdbeben in »Dichtung und Wahrheit« mit den Worten, Gott habe sich dabei »keineswegs väterlich erwiesen«. Immanuel Kant und Jean-Jacques Rousseau beteiligten sich an der Diskussion, die auch Heinrich von Kleist tief bewegte.

Die verbotene Liebe von Jeronimo und Josephe

In Santiago de Chile ist der junge Spanier Jeronimo Rugera Lehrer im Hause des reichen Don Henrico Asteron. Er beginnt eine unerlaubte Liebesbeziehung mit Asterons Tochter Donna Josephe. Die beiden werden von Josephes Bruder verraten. Jeronimo wird entlassen und Josephe in einem Karmeliterkloster untergebracht. Heimlich treffen die Liebenden sich weiterhin im Klostergarten.

Schwangerschaft und Todesurteil

Josephe wird schwanger und bricht unter Wehen auf den Stufen der Kathedrale zusammen. Sie und Jeronimo werden inhaftiert. Kurz nach der Geburt ihres Kindes wird Josephe vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Weder die Fürbitte der Familie Asteron noch das Wohlwollen der Äbtissin können das Urteil mildern. Jeronimo erfährt im Gefängnis davon und verzweifelt. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch will er sich in seiner Zelle erhängen.

Rettung durch die Naturkatastrophe

In dem Moment, als Jeronimo den Strick befestigen will, erschüttert ein gewaltiges Erdbeben Santiago und sprengt die Gefängnismauern. Die Naturkatastrophe bringt Jeronimo die Freiheit. Er läuft durch zerstörte Straßen voller Toter und Verletzter und erreicht einen Hügel außerhalb der Stadt. Hier dankt er Gott für seine Rettung. Obwohl eine Frau ihm gegenüber behauptet, Josephe sei enthauptet worden, beginnt er, sie zu suchen.

Unterdessen wird Josephe auf ihrem Weg zum Richtplatz ebenfalls durch das Erdbeben befreit. Sie rettet ihren neugeborenen Sohn Philipp aus dem brennenden Kloster. Danach macht sie sich auf die Suche nach Jeronimo. Wie durch ein Wunder begegnen die beiden sich abends an einer Talquelle. Jeronimo nimmt zum ersten Mal sein Kind auf den Arm; die kleine Familie ist glücklich. Jeronimo und Josephe sprechen über Fluchtpläne nach Spanien.

Die Vision einer besseren Welt

Jeronimo und Josephe übernachten in einem Tal, in dem viele obdachlos gewordene Menschen Schutz suchen. Personen unterschiedlichster Herkunft und Stände unterstützen einander. Am anderen Morgen lernt das Paar den Adeligen Don Fernando und seine Familie kennen. Josephe gibt Don Fernandos Sohn Juan und seiner verwundeten Mutter Donna Elvire die Brust. Niemand denkt mehr daran, dass sie erst vor Kurzem zum Tode verurteilt gewesen ist. Das Erdbeben hat scheinbar alles verändert. Solidarität bestimmt die Gemeinschaft. Jeronimo und Josephe lassen ihre Fluchtpläne fallen und beschließen, ein Gnadengesuch beim König einzureichen.

Zerstörung der Hoffnung und Lynchjustiz

Die Gruppe bricht gemeinsam zu einem Dankgottesdienst in der einzigen unzerstörten Kirche auf. Während der Predigt erkennt einer der Zuhörer plötzlich Josephe. Ein Tumult bricht aus; zunächst wird Don Fernando für den Vater von Josephes Kind gehalten. Daraufhin gibt Jeronimo sich zu erkennen. Die rasende Menge geht auf Jeronimo und Josephe los. Sie sieht ihren »Frevel« – die Zeugung eines unehelichen Kindes im Klostergarten – als Ursache für das Erdbeben an.

Auf dem Kirchenvorplatz wird Don Fernandos Schwägerin Donna Constanze mit Josephe verwechselt und erschlagen. Auch Josephe wird das Opfer des entfesselten Mobs, der von dem mordgierigen Meister Pedrillo angeführt wird. Jeronimo wird von seinem eigenen Vater getötet. Heldenhaft beschützt Don Fernando in dem Gemetzel die beiden Kinder und überwältigt zahlreiche Angreifer. Doch schließlich entreißt Pedrillo ihm den Säugling Juan und zerschmettert seinen Körper an der Kirchenwand. Danach zerstreut sich die aufgewiegelte Menge.

Don Fernando kehrt mit Philipp zu Donna Elvire zurück. Die beiden nehmen das Kind zu sich und ziehen es wie ihren eigenen Sohn auf.

Merkmale der Novelle

»Das Erdbeben in Chili« ist formal und inhaltlich ein typisches Beispiel für die literarische Textsorte der Novelle. Viele Merkmale, die als charakteristisch für die Novelle gelten, treffen hier zu:

  • Darstellung einer außerordentlichen Begebenheit
  • Dabei Anspruch auf Realismus; die Begebenheit muss tatsächlich möglich sein (im Unterschied z. B. zum Märchen)
  • Konzentration auf dieses Ereignis (keine weiteren Handlungsstränge)
  • Pointierter Wendepunkt
  • Sachlicher Stil, nüchterner Bericht, keine Stellungnahme des Erzählers
  • Erörterung ethischer Probleme, Infragestellen geltender Moral und Normen


Zusammenfassung von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann /  Inhaltsangabe.de.
Veröffentlicht am 22. Dezember 2015, zuletzt aktualsiert am 26. März 2017.