Inhaltsangabe

Das Drama »Andorra«, an dem Max Frisch von ersten Prosafassungen 1946 über verschiedene dramatisierte Fassungen in den Jahren 1957 bis 1961 gearbeitet hatte, wurde am 2. November 1961 am Schauspielhaus in Zürich uraufgeführt. Frisch war intensiv an den Probenarbeiten beteiligt und fügte bis zur deutschen Erstaufführung am 20. Januar 1962 in München, Frankfurt und Düsseldorf noch weitere Änderungen in den Text ein. In seinen »Notizen von den Proben« problematisiert der Autor immer wieder die Tatsache, dass ein Bild, ein erster Eindruck einer Figur, eigentlich die komplette Rolle dominiert.



Das Drama spielt auf dem Platz von Andorra, einem südländisch geprägten, sparsam ausgestatteten Dorfplatz in einem fiktiven Land, das nach Frischs eigener Aussage nichts mit dem pyrenäischen Kleinstaat Andorra zu tun hat. Frisch legt Wert darauf, dass die Personen aktuelle Kleidung tragen, das Drama soll also in der Jetztzeit spielen.

Szenen, die nicht auf dem Platz spielen, werden nach Frischs Anweisung in den Bühnenvordergrund verlegt und nur durch Lichtregie vom üblichen Handlungsort abgegrenzt. Dort treten die Schauspieler auch immer wieder aus ihrer Rolle heraus und kommentieren in einer Art Zeugenstand das Geschehen und ihr Verhalten in der Rückschau.

Andri, der Pflegesohn des Lehrers Can liebt Barblin, die Tochter des Lehrers. Der Lehrer gibt Andri als von ihm gerettetes Judenkind aus, das er vor den »Schwarzen« gerettet habe, einem mächtigen Nachbarvolk der Andorraner, das Juden verfolgt und tötet. In Wirklichkeit ist Andri aber der Sohn des Lehrers aus einer außerehelichen Beziehung mit einer »Schwarzen«, also Barblins Halbbruder und kein Jude. Obwohl die Juden in Andorra nicht verfolgt werden, ist die andorranische Gesellschaft durchsetzt von antisemitischen Vorurteilen. So wird Andri immer wieder mit angeblichen Eigenschaften konfrontiert, die ihm zugeschrieben werden, weil er Jude sei. 
Der Tischler, der ihn nur widerwillig und für ein völlig überhöhtes Lehrgeld als Lehrling aufgenommen hat, ist so sehr davon überzeugt, dass Andri als Jude keine handwerklichen Fähigkeiten besitzen kann, dass er den schlechten, vom Gesellen geschreinerten Stuhl Andri anlastet. Er hört nicht auf dessen Beteuerungen und der Geselle, der sich kurz zuvor noch als Andris Freund bezeichnet hat, klärt den Irrtum nicht auf. Andri wird vom Tischler in den Verkauf versetzt, wo er dessen Meinung nach besser hinpasse.

Endlich ringt Andri sich durch, beim Lehrer um Barblins Hand anzuhalten. Der lehnt natürlich ab, da die beiden Halbgeschwister sind. Andri bezieht diese Ablehnung aber auf seinen Judenstatus und verliert damit auch zum Lehrer jedes Vertrauen. In dieser Nacht schleicht sich der Soldat, der schon lange ein Auge auf Barblin geworfen hat, in ihr Zimmer. Als sie schreien will, hält er ihr den Mund zu. Es bleibt offen, was weiter geschieht. Der Lehrer kommt zu Andri, der auf Barblins Schwelle schläft und will ihm die Wahrheit sagen, aber Andri weist ihn ab. Am Morgen entdeckt er den Soldaten in Barblins Zimmer.

Ein Gespräch mit Pater Benedikt, der ihm prinzipiell wohlgesonnen ist, bringt Andri nicht weiter, weil dieser ihn dazu drängt, sich in seinem Anderssein als Jude anzunehmen und nicht auf die Andorraner zu achten, während Andri immer versucht hat, sich möglichst anzupassen.

Andris Mutter, die »Senora«, kommt nach Andorra, um Andri zu sehen und der Lehrer entschließt sich endlich, den Andorranern Andris Status als sein Sohn zu offenbaren. Der Pater soll Andri diese neue Wahrheit nahe bringen, aber Andri hat Anderssein, sein »Judsein«, inzwischen so sehr verinnerlicht, dass er auch ihm nicht glaubt. Während der Pater mit Andri spricht, wird die Senora auf dem Heimweg erschlagen, der Mord aber sogleich Andri angelastet.

Die »Schwarzen« marschieren in Andorra ein und alle Andorraner bis auf den Lehrer und Barblin verwandeln sich im Handumdrehen in Mitläufer, die sofort die Waffen strecken. Der Soldat tritt in Dienste der Besatzer.

Andri spricht noch einmal mit Barblin, will von ihr wissen, wie oft sie mit dem Soldaten geschlafen hat und sucht selbst ihre körperliche Nähe. Barblin versucht Andri vor den »Schwarzen« zu verstecken, aber der Soldat kennt Barblins Kammer und Andri wird verhaftet.

Auf dem Platz findet eine »Judenschau« statt. Alle Andorraner müssen ihre Schuhe ausziehen, werden mit einem schwarzen Tuch verhüllt und müssen barfuß über den Platz gehen. Barblin versucht die Andorraner zum Widerstand zu überreden, doch diese kehren ihr den Rücken zu. 
Der »Judenschauer« erkennt Juden an ihrem Gang. Andri wird offiziell als Jude »enttarnt« und exekutiert. Andris Vater, der Lehrer, erhängt sich daraufhin. Die Andorraner bedauern die Geschehnisse zwar, fühlen sich aber unschuldig. Barblin ist verrückt geworden und weißelt am Ende das Pflaster auf dem Platz, so wie sie im ersten Bild das Haus ihres Vaters geweißelt hat.

Wie in vielen seiner Werke so behandelt Frisch auch in Andorra das Problem der Identität. Andri wird seine jüdische Identität von den Andorranern so sehr eingebläut, dass er am Ende sogar der quasi »objektiven« Überprüfung durch den Judenschauer standhält und als Jude enttarnt wird. Die Andorraner haben sich ein Bildnis von Andri gemacht. Dieses Bildnis ist letztlich stärker als Andris wirkliche Identität und wird von ihm selbst verinnerlicht. Die Andorraner, auch der eigentlich gutwillige Pater, machen sich schuldig, weil sie sich ein Bildnis von Andri machen, ihn dadurch seiner Individualität berauben und letztlich ins Verderben schicken. Frisch will ein Erschrecken über diesen Vorgang provozieren, dem sich der Leser, noch intensiver der Theaterbesucher, nicht entziehen kann. Das gelingt ihm mit seiner Parabel über gesellschaftliche Zwänge, Rassismus und menschliche Feigheit.


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Interpretationsansätze

  • Macht von Vorurteilen: die Vorurteile der Menschen sind stärker als Andris tatsächliche Identität
  • Absurdität von Vorurteilen: Judenschau; angebliche Eigenschaften von Juden
  • Suche nach einer Identität: Andri wird die Identität eines Juden von seiner Umgebung aufgedrängt
  • Parallelen zur Nazizeit: Judenverfolgung; Passivität vieler Menschen; Neutralität der Schweiz; Vorwort von Max Frisch
  • Schuld der Passiven: wer bei einem Verbrechen gleichgültig zusieht, macht sich durch diese Passivität ebenfalls schuldig
  • Bildnisverbot in der Bibel: »Du sollst dir kein Bildnis machen«; Max Frisch wendet das Bibelzitat auf die Menschen an