Inhaltsangabe

Günter Grass’ Roman »Die Blechtrommel« gewann bereits 1958 den Preis der Gruppe 47; 1959 wurde er zum ersten Mal veröffentlicht. Der Roman gehört zur Danziger Trilogie und erzählt die Geschichte der kaschubischen Familie Mazerath von 1899 bis 1954 aus Sicht ihres kleinwüchsigen Sohnes, des Trommlers Oskar, der zugleich Protagonist des Romans ist.

Erstes Buch

Im ersten Buch beginnt die erzählte Zeit mit dem Jahr 1899, in dem Oskar Mazeraths Mutter Agnes von dem vor der Polizei fliehenden Joseph Koljaicek und der ihm unter ihren Röcken Zuflucht gewährenden Anna Bronski auf einem kaschubischen Kartoffelacker gezeugt wird. Die beiden heiraten noch im selben Jahr; 1900 wird Oskars Mutter geboren. Joseph muss 1913 erneut fliehen und es bleibt ungeklärt, ob er auf der Flucht ertrinkt oder lebend entkommt. Tochter Agnes vermählt sich 1923 mit Alfred Matzerath, obwohl sie zu dieser Zeit schon ein Verhältnis mit dem Neffen ihrer Mutter, Jan Bronski, hat. 1924 wird Oskar geboren; unklar ist, ob von Alfred oder von Jan gezeugt.

Der Ich-Erzähler Oskar Matzerath beschreibt sich als Person, die schon bei ihrer Geburt vollständig entwickelt war. Außerdem war er von Beginn an fasziniert vom Trommeln. Zum dritten Geburtstag erhält er eine Blechtrommel, in diesem Alter beschließt er zudem, nicht mehr zu wachsen. Er setzt diesen Entschluss um, indem er einen Sturz provoziert. Statt zu sprechen, trommelt er, statt zu protestieren, nutzt er seine besondere »Begabung«, Glas zu zersingen. 1931 verweigert er den Schulbesuch, stattdessen bildet er sich mithilfe der Bäckersfrau Gretchen Scheffer selbst im Lesen und Schreiben aus. Er freundet sich mit dem kleinwüchsigen Musikclown Bebra an, in einer Zeit, da sich die Bedrohung durch den Nationalsozialismus bereits andeutet. Auch Herbert Truczinski und Sigmund Markus zählen zu seinen Freunden. Am Karfreitag 1937 stirbt seine Mutter an einer Fischvergiftung, mit der sich eine der vielen grotesken wie gewollt abstoßenden Nebenhandlungen verbindet. Herbert stirbt auf mysteriöse Weise; Sigmund Markus, der Spielwarenhändler jüdischen Glaubens, nimmt sich in der Pogromnacht 1938 das Leben.

Zweites Buch

Das zweite Buch schildert Oskar Mazeraths Jugendjahre in Danzig von 1939 bis zu seiner Übersiedlung nach Düsseldorf 1945. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs verteidigt Oskar gemeinsam mit Jan Bronski die heimische Post gegen SS-Leute. Als es diesen gelingt, die Post zu stürmen, verrät er Bronski, der daraufhin erschossen wird. Von seinem Vater wird er häufig der Obhut Maria Truczinskis überlassen, der Schwester seines verstorbenen Freundes Herbert. Mit ihr macht er erste sexuelle Erfahrungen, gleichzeitig entwickelt sich eine Beziehung zwischen ihr und seinem Vater. Alfred Mazerath heiratet die schwangere Maria, das Kind wurde vermutlich von Oskar gezeugt. Im Juni 1941 wird Kurt offiziell als Sohn von Alfred und Maria geboren.

Oskar wird Mitglied in Bebras Fronttheater-Ensemble und nimmt eine Liebesbeziehung zu der kleinwüchsigen Roswitha auf, die bei Kämpfen am Atlantik getötet wird. Oskar geht 1944 nach Danzig zurück, wo er Kurt zum dritten Geburtstag eine Blechtrommel überreichen will. Statt Dank erntet er Prügel von dem Dreijährigen.

In einer katholischen Kirche hängt Oskar seine Blechtrommel einer Jesusfigur um, die zu trommeln beginnt. Oskar schließt sich einer Diebesbande an, sieht sich selbst in der Nachfolge Jesu. Die Bande wird verhaftet, Oskar freigesprochen. Im März 1945 wird er mitschuldig am Tod seines Vaters Alfred. Oskar begräbt mit dem Vater auch seine Blechtrommel und beschließt wieder zu wachsen. Gemeinsam mit Maria und Kurt zieht er nach Düsseldorf.


Drittes Buch

Das dritte Buch erzählt die Geschehnisse von Oskars Entlassung aus einem Düsseldorfer Krankenhaus 1946 bis zu seinem dreißigsten Geburtstag 1954. In Düsseldorf beginnt Oskar 1947 eine Ausbildung zum Steinmetz, die er aber nicht beendet. Stattdessen wird er Modell in der Kunstakademie und bezieht ein Zimmer neben der von ihm umschwärmten Krankenschwester Dorothea Köngetter. Er lernt den Jazzmusiker Klepp kennen, gemeinsam mit einem Gitarristen gründen sie die Kombo »The Rhine River Three«, mit der sie im »Zwiebelkeller« auftreten. Eine nächtliche Begegnung mit Dorothea endet nicht wie erwünscht. Als der Besitzer des Zwiebelkellers stirbt, erhält Oskar einen Vertrag von einer Agentur, dort trifft er Bebra wieder.

Oskar gelangt als eine Art musikalischer Messias zu Reichtum und beerbt zusätzlich Bebra nach dessen Tod 1951. Am 7. Juli desselben Jahres findet ein Hund den Ringfinger Dorotheas; Oskar konserviert diesen und zeigt ihn seinem Freund Gottfried von Vittlar. Mit diesem schmiedet er den Plan, dass Vittlar ihn bei der Polizei des Mordes an Dorothea bezichtigen soll. In derselben Nacht flieht Oskar nach Paris, wo er sich schließlich als »Jesus« verhaften lässt. Im Anschluss an die Prozesse wird er 1952 in eine Heilanstalt in Düsseldorf eingewiesen. An seinem dreißigsten Geburtstag im Jahr 1954 erfährt er, dass seine Unschuld an Dorotheas Tod erwiesen wurde und er die Heilanstalt verlassen muss, was ihn vor die schwierige Frage stellt, wie er sein Leben in Zukunft gestalten soll.


Von der Gruppe 47 schon vor der Veröffentlichung ausgezeichnet, vom Bremer Senat 1959 einer Preisverleihung als unwürdig befunden: Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass wurde stets kontrovers diskutiert. In der »Blechtrommel« finden sich zahlreiche autobiografische Elemente, die aber zu grotesken, teils absurden Episoden stilistisch verfremdet wurden. Der völlige Verlust von Heimat drückt sich in der Umkehr jeglicher Werte aus und in dem Versuch, die eigene Verwurzelung durch mythische und religiöse Uminterpretationen neu zu erfinden.


© Inhaltsangabe.de. Es gelten unsere Nutzungs- und Lizenzbedingungen.

Kurze Zusammenfassung

Oskar Matzerath, Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, der mit drei Jahren sein Wachstum einstellte, erzählt zwischen 1952 und 1954 sein Leben, das 1924 in Danzig beginnt und ins Nachkriegsdeutschland führt, und auch das von Vorfahren und Verwandten. Die geistige Entwicklung ist für ihn mit drei Jahren abgeschlossen; er verfügt über die märchenhafte Fähigkeit, Glas zu zersingen. Im Zweiten Weltkrieg tritt Oskar in einem Fronttheater auf, wird zum Anführer einer Bande und siedelt mit seiner Geliebten, die auch seine Stiefmutter ist, sowie seinem Sohn, der zugleich sein Stiefbruder ist, von Gdańsk nach Düsseldorf über. Er versucht sich als Steinmetz, als Modell in der Kunstakademie und als Jazzmusiker – und wird durch Schallplatten reich. Oskar, tatsächlich kein Mörder, flieht als vermeintlicher Mörder nach Paris, um sich dort verhaften zu lassen und in eine Anstalt eingewiesen zu werden. An seinem dreißigsten Geburtstag kehrt er gegen seinen Willen in die Gesellschaft zurück.

Dies ist ein Auszug aus Königs Erläuterungen zu »Die Blechtrommel«.

Chronologie und Schauplätze

Der Roman handelt von 1899 bis 1954 und spielt vorrangig in der Kaschubei und Danzig, an der Westfront und am Atlantikwall, in Düsseldorf und Paris. Dabei sind zwei Handlungsebenen vorhanden: Oskar erzählt zwischen 1952 und 1954 in der Heil- und Pflegeanstalt, seine Erzählung umfasst rückblickend die Zeit von 1899 bis 1952, konzentriert sich aber auf die Zeit nach 1927, nachdem Oskar sein Wachstum einstellte.

Dies ist ein Auszug aus Königs Erläuterungen zu »Die Blechtrommel«.

Hauptpersonen

Das umfangreiche Personenensemble wird auf Personengruppen konzentriert:

  • die Familie Matzerath, kaschubisch-deutsch-polnische Kleinbürger;
  • die Einwohner des Labesweges, ebenfalls Kleinbürger und Handwerker;
  • die Freunde Oskars sind künstlerisch veranlagte Menschen ohne auffallende soziale Kontur;
  • Nebengestalten, zu denen auch Krankenschwestern – von Schwester Inge bis zu Schwester Dorothea – und der Pfleger Bruno gehören;
  • fantastische und mythische Figuren (z. B. die Schwarze Köchin, Jesus und Satan).

Oskar Matzerath:

  • ist Hauptfigur und Erzähler;
  • die von ihm verhinderte Objektivierung wird durch weitere Erzähler angestrebt;
  • 1924 geboren, missgestaltet, aber mit der Gabe des Glaszersingens ausgestattet;
  • hat seine geistige Entwicklung bei der Geburt abgeschlossen, stellt mit drei Jahren sein Wachstum ein;
  • wird zum prominenten Künstler;
  • verfügt zeitweise über eine fiktive Biografie als Oskarnello Raguna;
  • ist »ein Darsteller des Bösen« (Grass);
  • organisiert das Geschehen des Romans, d. h. das Erzählte ist das von Oskar preisgegebene Wissen.

Die Mütter:

  • Anna, Agnes, Maria: drei Namen aus dem Kalender der Heiligen.
Dies ist ein Auszug aus Königs Erläuterungen zu »Die Blechtrommel«.

Zeitgeschichtliche Einordnung

Grass wurde 1927 in Danzig geboren, seit 1919 war Danzig der selbstständige Freistaat »Freie Stadt Danzig«. Am 1. September 1939 ging dieses Staatsgebilde durch den deutschen Überfall auf Polen zu Ende. Grass verlor seine Heimat: 1945 mussten die Familienangehörigen Danzig, wo sie als Kleinbürger in einem Vorort gelebt hatten, verlassen. Grass nahm als Soldat an den letzten Kriegsereignissen teil, lernte nach Zwischenstationen Steinmetz, studierte Malerei und wurde einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Sein Hauptwerk »Danziger Trilogie« (Titel nach John Reddick) wurde mit dem Roman »Die Blechtrommel« eröffnet, der die Zeit von 1899 bis 1954 umfasst und damit auch Kindheit, Jugend und Ausbildung des Schriftstellers. Endgültiger Heimatverlust ist für die »Danziger Trilogie« das zentrale Thema.

»Die Blechtrommel« bedeutete Grass‘ Eintritt in die Weltliteratur, obwohl der Roman in Deutschland heftige Auseinandersetzungen auslöste.

Grass starb 2015 in Lübeck.

Dies ist ein Auszug aus Königs Erläuterungen zu »Die Blechtrommel«.

Entstehung und Quellen

Anfänge finden sich 1950 in Gedichten. 1952 erfolgte die Konzentration auf den Zwerg Oskar Matzerath, der Paten, u. a. Laurence Sterne, E. T. A. Hoffmann und Heinrich Heine, hat. Die Tradition des Bildungs-, Erziehungs- und Künstlerromans wurde aufgegriffen und auf den Kopf gestellt, die des pikaresken Romans weitergeführt. 1958 erhielt Grass für den Roman den Preis der Gruppe 47, 1959 erschien der Roman.

Dies ist ein Auszug aus Königs Erläuterungen zu »Die Blechtrommel«.

Stil und Sprache

  • Die Sprache des Romans ist zuerst die Sprache Oskars, ergänzt durch die eines mehrfach schillernden Erzählers.
  • Eine Besonderheit der Sprache sind Sprichwörter und stehende Wendungen, die soziale Hintergründe erhellen.
  • Farben spielen eine besondere Rolle, vom ganz in Weiß gehaltenen Krankenzimmer der Eröffnung bis zur das Ende bestimmenden »Schwarzen Köchin«.
  • Sprachlichen Kontrast erreicht Grass durch Konfrontationen von Dostojewski, Rasputin und Goethe.
  • Die sinnliche, lustvolle Sprache des Romans hat ein Vorbild in der Barockliteratur.
Dies ist ein Auszug aus Königs Erläuterungen zu »Die Blechtrommel«.

Interpretationsansätze

  • Die Familiengeschichte der Matzeraths als deutsche Nationalgeschichte
  • Das Schicksal Oskar Matzeraths als Satyrspiel auf weltliterarische Irrfahrten
  • Die Danziger Jugend Oskars (und Günter Grass’) fällt zusammen mit Aufstieg und Untergang des deutschen Nationalsozialismus
  • Grass‘ Erfahrungen mit Deutschland machen Schuld und Sühne der Deutschen zum durchgehenden Thema
  • Oskar Matzerath wird mit seiner individuellen »großen Schuld« zur Personifizierung der nationalen Schuld der Deutschen
  • Das Erzählen in Gegensätzen als Erzählmethode
  • Anregungen aus der bildenden Kunst: Bilder als zusätzliche Illustration
Dies ist ein Auszug aus Königs Erläuterungen zu »Die Blechtrommel«.