Inhaltsangabe

In Hermann Hesses 1922 erschienener Erzählung »Siddhartha. Eine indische Dichtung« begibt sich Siddhartha, Sohn eines Brahmanen, auf die Suche nach Erkenntnis. Der Läuterungsweg des Protagonisten spiegelt die Auseinandersetzung des Autors mit indischer Philosophie und den fernöstlichen Religionen wider. Der Klassiker der Moderne ist stark stilisiert; die Lebensdaten des Religionsstifters Buddha lassen darauf schließen, dass die Handlung etwa um 500 v. Chr. in Indien angesiedelt ist.

Brahmanen

Ein Brahmane ist ein Mitglied der obersten Kaste der hinduistischen Gesellschaft; Brahmanen hatten das Recht und die Pflicht, als Priester oder Gelehrte zu wirken.


Erster Teil

Der Sohn des Brahmanen

Der Brahmanensohn Siddhartha ist allgemein beliebt; der kluge und wissbegierige junge Mann scheint eine große Zukunft vor sich zu haben. Er selbst empfindet sein Leben als freudlos und ist voll innerer Unruhe. Auf der Suche nach Erkenntnis will er sich den besitzlosen Samanas anschließen. Govinda, Siddharthas ergebener Freund seit Kindertagen, begleitet ihn.

Bei den Samanas

Die Samanas sind asketisch lebende Büßer. Sie ignorieren jegliche körperliche Empfindungen. Ihre Verachtung für das irdische Leben drückt sich in Besitzlosigkeit und langem Fasten aus. Durch Meditation und Anhalten des Atems gelingt es Siddhartha vorübergehend, das Ich zu überwinden und andere Gestalt anzunehmen; die ersehnten Wege ins Nirwana findet er nicht. Er sieht in den Methoden der Samanas kurze Fluchten und Betäubungen und wird misstrauisch gegen Lehre, Lernen und Worte.

Gotama

Nach drei Jahren bei den Samanas hören Siddhartha und Govinda von Gotama, einem Weisen aus dem Geschlecht der Sakya: Der Buddha habe in sich das Leid der Welt überwunden und Nirwana erreicht. In Gotamas Lager in Jetawana begegnen die beiden Freunde unzähligen seiner gelb gewandeten Jünger. Den Erleuchteten erkennen sie sofort: Er strahlt Friede und Vollkommenheit aus. Govinda schließt sich dem Buddha als Jünger an. Auch Siddhartha verehrt in Gotama den Heiligsten, spürt allerdings, dass die Lehre eines anderen ihm nicht die Erlösung bringen kann.

Erwachen

Siddhartha zieht weiter und fühlt sich zum Manne gereift. Mit Govinda und dem Buddha lässt er auch seine Vergangenheit hinter sich. Er sehnt sich nicht länger nach Lehrern oder Lehren. Siddhartha will nicht mehr sein Ich überwinden, sondern sich selbst kennenlernen und seine Mitte finden.


Zweiter Teil

Kamala

Siddhartha sucht nicht mehr nach einer Heimat im Jenseits; er nimmt die Welt mit allen Sinnen wahr und genießt ihre bunte Vielfalt. Ein Fährmann setzt ihn über einen schönen Fluss und vor einer großen Stadt begegnet er der attraktiven Kurtisane Kamala. Sie lehrt Siddhartha das Küssen und verschafft ihm einen Termin bei dem reichen Kaufmann Kamaswami.

Bei den Kindermenschen

Obwohl es Siddhartha an Sachkenntnis fehlt, macht Kamaswami ihn zu seinem Partner und Berater: Siddhartha kann mit Menschen umgehen und hat gelernt zu denken, zu warten und zu fasten. Deshalb fürchtet er weder Misserfolg noch Verlust und bewahrt sich so seine innere Unabhängigkeit. Als Kamalas Schüler, Liebhaber und Freund lebt Siddhartha unter den »Kindermenschen«. Er liebt und verachtet sie zugleich. Noch trennt sein »Samanatum« ihn von den anderen. Er ist keiner leidenschaftlichen Gefühle fähig; im Spiel des Lebens fühlt er sich als Zuschauer.

Sansara

Mit der Zeit mehren sich Siddharthas Besitz und Einfluss in der Stadt. Er führt ein ausschweifendes Leben, gibt sich Sinnengenüssen und dem Glücksspiel hin. Er wird den »Kindermenschen« immer ähnlicher und nimmt an Sansara teil. Sein Geist ist träge; er fühlt sich leer und müde. An der Schwelle zum Alter lässt er eines Nachts alle Besitztümer hinter sich, um niemals zurückzukehren. Kamala ist schwanger von Siddhartha.

Sansara

Das Sansara (auch: Samsara) ist der als leidvoll angesehene Kreislauf von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt; die Heilslehren der indischen Religionen suchen den Menschen davon zu erlösen.

Am Flusse

Sich selbst fremd und des Lebens überdrüssig wünscht sich Siddhartha, tot zu sein. Während einer Rast am Fluss dringt jedoch das heilige »Om« in sein Bewusstsein und er wird sich der Unzerstörbarkeit des Lebens bewusst. Siddhartha fällt in einen heilenden Schlaf. Als er aufwacht, sitzt Govinda in seiner Mönchskutte neben ihm. Wegen seiner prächtigen Kleider erkennt der Freund ihn nicht. Siddhartha erinnert ihn an die Vergänglichkeit von Gestaltungen. Jetzt schämt Siddhartha sich des Hochmuts, der ihn früher immer mehr Wissen und Geistigkeit hatte ansammeln lassen. In der Rückschau erscheinen ihm die Stationen seines bisherigen Wegs notwendig und sinnvoll. Er will aufhören, gegen sich zu kämpfen, und vertrauensvoll einen neuen Anfang wagen.

Der Fährmann

Der Fährmann Vasudeva nimmt Siddhartha in sein Haus auf. Siddhartha lernt das Fährhandwerk und beginnt dem Fluss zu lauschen: In seinem Wasser hört er alle Stimmen der Welt und auch das heilige »Om«. Es gelingt Siddhartha, die Zeit wegzudenken und die Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu spüren.

Als der Buddha im Sterben liegt, bewegen sich Ströme von Pilgern über den Fluss. Unter ihnen ist Kamala mit ihrem elfjährigen Jungen. In der Nähe von Vasudevas Haus wird Kamala von einer Schlange gebissen. Sie stirbt, doch vor ihrem Tod sieht sie in Siddharthas Gesicht, dass ihr früherer Geliebter Friede gefunden hat. Siddhartha nimmt seinen Sohn bei sich auf.

Der Sohn

Der verwöhnte Junge tut sich schwer mit dem entbehrungsreichen Dasein bei den beiden alten Männern. Er bringt nicht die erwartete Freude ins Haus, sondern Leid und Sorge. Siddhartha liebt seinen schwierigen und anspruchsvollen Sohn und übt sich in Geduld. Eines Tages nimmt Vasudeva Siddhartha beiseite und rät ihm, den Jungen zu Gleichaltrigen in die Stadt zu bringen. Er müsse seine eigenen Erfahrungen machen und seinen Weg finden. Siddhartha kann den Sohn nicht gehen lassen. Er fühlt sich endlich als Kindermensch: der Liebe ergeben. Schließlich flieht der Sohn über den Fluss in seine Heimatstadt.

Om

Siddhartha leidet sehr unter der Trennung. Das Treiben der Menschen und ihre Begehrlichkeiten erscheinen ihm plötzlich verständlich und liebenswert. Er fühlt sich ihnen als Wissender und Denkender nicht mehr überlegen. Demütig lauscht er dem Fluss und erkennt endlich die Einheit, die aus der Vielfalt erwächst. Er hört das »Om«, dem Vollendung innewohnt, und fühlt sich als Teil des großen Ganzen. Vasudeva verabschiedet sich daraufhin von Siddhartha, um zu sterben.

Govinda

Noch einmal begegnen sich die Jugendfreunde Siddhartha und Govinda. Govinda ist auch lange nach dem Tode Gotamas noch ein Suchender und bittet Siddhartha um dessen Lehre. Dieser weiß, dass es Worten an Kraft fehlt, zu überzeugen. Er bittet den Freund um einen Kuss auf die Stirn. Im Moment der Berührung und Nähe erkennt Govinda die Einheit von Zeiten und Wesen und die Vollkommenheit, die sich in jeder Gestaltungsform findet. In Siddharthas Gesicht sieht Govinda den Heiligen, der wie Buddha die Vollendung erreicht hat.


Die Erzählung gehört zur Literaturepoche der Moderne. Sie trägt autobiografische Züge; Hesse hat sich intensiv mit fernöstlichem Denken beschäftigt. Zudem findet sich seine kompromisslose Ablehnung dogmatischer Lehren im Protagonisten wieder: Siddhartha muss seinen eigenen Weg suchen und gehen. Dies traf vor allem in der Bundesrepublik der 1960er Jahre einen Nerv, und »Siddhartha« wurde zum Kultbuch einer Generation.

Zusammenfassung von Mia Sabinger /  Inhaltsangabe.de.
Veröffentlicht am 10. Februar 2015, zuletzt aktualsiert am 29. November 2017.