Franz Kafkas »Der Prozeß« ist der einzige Roman, den der österreichische Schriftsteller beendet hat. Wobei diese Ansicht auch nicht ganz unproblematisch ist, Manfred Engel etwa (und mit ihm auch andere Wissenschaftler*innen) bezeichnen dem Roman bewusst als Fragment (Engel 2014: 192). Kafka arbeitete zwischen dem 11. August 1914 und dem 20. Januar des Folgejahres an »Der Prozeß«. In seinem Tagebuch notiert er lapidar: »Ende des Schreibens. Wann wird es mich wieder aufnehmen? « (Kafka 2002a: 721). Auch wenn das Schreiben abgebrochen wurde, findet sich eben doch eine abgeschlossene Handlung im Roman. Die Handlung setzt am Morgen des 30. Geburtstages des Protagonisten Josef K. ein und endet am Vorabend des 31. Geburtstages, umfasst also genau ein Jahr. Sie beginnt mit der Verhaftung K.s und endet mit dessen Hinrichtung.
Der Titel »Der Prozeß« ist dabei doppeldeutig. Einerseits bezieht sich der Titel auf den Gerichtsprozess, in den Josef K. – ohne dass er wüsste, was er sich zu Schulden kommen ließ – verwickelt wird. Andererseits aber kann der Titel auch den Prozess der inneren Entwicklung des Protagonisten bezeichnen. Aus einem beruflich erfolgreichen, selbstsicheren und teilweise herrschsüchtigen Mann wird ein zunächst verzweifelter Arbeitnehmer, der seiner Arbeit nicht mehr adäquat nachgehen kann. Am Ende steht ein Mensch, der schicksalsergeben seinen Mördern fast noch zur Hand geht. »Der Prozeß« ist die Geschichte des Niederganges einer Person.
Auch wenn in dieser Degenerationsgeschichte auch komische Elemente vorkommen, hat die Erzählung vor allem einen tragischen Charakter. Allerdings ist dieser Charakter nicht pathetisch und großartig, wie etwa in einer klassischen Tragödie – K. ist kein Held –, vielmehr wird aufgezeigt, wie ein alltäglicher Bürger der oberen Mittelschicht in die Fänge eines Schicksals gerät, gegen das er sich nicht wehren kann. Nicht umsonst sind seine letzten Worte »›Wie ein Hund!‹« (410). Gleichzeitig werden Situationen mit einer ans Groteske reichenden Komik geschildert. Die Reaktionen der Protagonisten sind übertrieben, es finden sich immer wieder Paradoxa und Widersprüche.
»Der Prozeß« wird immer schon auf sehr verschiedene Arten und Weisen interpretiert. Adorno etwa zielt darauf ab, dass Kafka insgesamt nicht zu interpretieren sei. Es gelte, auf dem Rätselhaften zu beharren. Er prägt daher die berühmte Formulierung über Kafkas Literatur: »Jeder Satz spricht: deute mich, und keiner will es dulden« (Adorno 1977: 255). Andere Lesarten zielen auf psychologische Interpretationen ab, so etwa Alt, der eine psychoanalytische Interpretation in Theweleitscher Diktion anstrebt (Alt 2008: 398). Schon früh, so etwa beim ersten Herausgeber der Werke Kafkas Max Brod, wurde eine eher theologische Deutung verfochten (Brod 1960: 175). »Der Prozeß« kann aber auch als Kritik an der Bürokratie, am Gerichtswesen oder der modernen Gesellschaft überhaupt verstanden werden.
»Der Prozeß« ist ein in viele Sprachen übersetzter, auf der ganzen Welt bekannter Roman des wahrscheinlich berühmtesten deutschsprachigen Schriftstellers, der jemals gelebt hat. Der Roman wurde verfilmt – unter anderem von Orson Welles – es gibt Theaterstücke, eine Oper und zahllose Referenzen in allen möglichen Regionen der Popkultur. Josef K. ist neben Gregor Samsa eine der bekanntesten Romanfiguren überhaupt. Zu Lebzeiten Kafkas indes wurde der Roman nicht veröffentlicht. Erst Max Brod gab ihn heraus, indem er sich über den letzten Willen seines Freundes Franz Kafka hinwegsetze. Dieser hatte nämlich eigentlich verfügt, dass alle nachgelassenen Schriften verbrannt werden sollten (Haring 2010: 23). Bei aller Kritik, die Herausgeber Brod seitens der Forschung auf sich gezogen hat – dieser Vertrauensbruch kann als Verdienst an der Weltliteratur bezeichnet werden.