Inhaltsangabe

E. T. A. Hoffmanns 1818 entstandene und 1819 erstmals veröffentlichte Novelle »Das Fräulein von Scuderi« spielt im Paris des 17. Jahrhunderts, worauf auch der Untertitel »Erzählung aus der Zeit Ludwig des Vierzehnten« hinweist. Im Mittelpunkt der Handlung stehen die angesehene Hofdichterin Magdaleine von Scuderi, die einen Kriminalfall löst, in den der gefragte Goldschmied René Cardillac und dessen Geselle Olivier Brusson verwickelt sind.

Übergabe des Schmuckkästchens

In einer Herbstnacht im Jahre 1680 verschafft sich ein unbekannter junger Mann Zutritt in das Haus des Fräulein von Scuderi. Paris ist zu jener Zeit Schauplatz unzähliger Verbrechen, weshalb die Bediensteten den Mann aus Furcht nicht zur Hausherrin vorlassen, sich aber ein Kästchen für sie aufdrängen lassen.

Die Situation in Paris

Die Chambre ardente, eine Sondereinheit, einst vom König eingesetzt, um eine Serie von Giftmorden in Paris aufzuklären, hat sich unter ihrem Direktor la Regnie verselbständigt und geht – in Zusammenarbeit mit dem eifrigen Polizeikommissar Desgrais – inquisitorisch gegen Schuldige und Unschuldige vor. Nach erfolglosen Versuchen einen Raubmörder zu stellen, bittet die Polizei den König um Aufstockung der Einheit. Opfer der Raubüberfälle sind Männer, die mit teuren Schmuckstücken auf dem Weg zu ihren Geliebten sind. Fräulein Scuderi, um Rat gebeten, antwortet: »Un amant qui craint les voleurs n‘est point digne d‘amour.« (Ein Liebhaber, der Diebe fürchtet, ist der Liebe nicht würdig.) Daraufhin lehnt der König die Bitte ab.

Öffnen des Schmuckkästchens

Fräulein von Scuderi öffnet das Kästchen am nächsten Morgen und ist bestürzt über dessen Inhalt. Neben kostbarem Schmuck enthält es einen kurzen Brief, in dem ihr Bonmot zitiert und ihr gedankt wird, weil sie damit eine Ausweitung der Fahndung verhindert hat. Das Fräulein wendet sich an die Marquise de Mainteton, die die Geschmeide als eine Arbeit des gesellschaftlich anerkannten, im Umgang jedoch schwierigen Goldschmieds Cardillac erkennt. Dieser ist von seiner Arbeit besessen und kann sich nur unter Schmerzen und begleitet von Wutausbrüchen gegen seine Auftraggeber von den fertigen Werkstücken trennen.

Cardillacs Geschenk an die Scuderi –

Aufforderung zur Rückgabe

Der herbeigeholte Cardillac identifiziert die Geschmeide als seine Arbeiten, die ihm angeblich gestohlen worden sind. Er bedrängt die Scuderi die kostbaren Juwelen als Zeichen seiner Verehrung zu behalten. Widerwillig stimmt diese zu; sie ahnt, dass den Schmuck ein dunkles Geheimnis umgibt. Wenige Monate später kämpft sich derselbe junge Mann, der zuvor das Kästchen überbracht hat, auf der Straße zu ihrer Kutsche vor. Verzweifelt wirft er ihr einen Brief zu, in dem sie aufgefordert wird, die erhaltenen Geschmeide unverzüglich zurück in die Werkstatt zu bringen. Ihr Leben hänge davon ab.

Cardillacs Ermordung und Brussons Verhaftung

Als Scuderi den Schmuck am übernächsten Tag zurückbringen will, erfährt sie vor Cardillacs Haus, dass Cardillac ermordet und sein Geselle Olivier Brusson der Tat beschuldigt und festgenommen worden sei. Madelon, die Tochter Cardillacs und Verlobte Brussons, beteuert Brussons Unschuld. Ihr Vater habe noch sterbend ihrer Eheschließung mit seinem Gesellen zugestimmt.

Scuderis Engagement für Brusson

Die Scuderi nimmt Madelon in ihr Haus auf und lässt sich von Brussons Unschuld überzeugen. Vergeblich setzt sie sich bei la Regnie für Brusson ein, doch wird ihr gestattet Brusson im Gefängnis zu besuchen. Sie erkennt in ihm den Überbringer des Briefes und bricht zusammen. Sie beklagt ihr Schicksal, das sie in diesen Fall hineingezogen hat. Obwohl sie Brusson und Madelon nicht mehr traut, gibt sie Brussons Bitte nach einer Unterredung mit ihr statt.

Brussons Geständnis

Olivier gibt sich als Sohn von Anne Guiot zu erkennen, der früheren Pflegetochter der Scuderi. Bis zu seinem dritten Lebensjahr hatte auch Olivier im Haus der Scuderi gewohnt, bevor er mit seinen Eltern nach Genf zog. Nach deren Tod lernte er das Goldschmiedehandwerk und brachte es soweit darin, dass Cardillac ihn als Gesellen aufnahm. Madelon und Olivier verliebten sich ineinander. Zufällig beobachtete Brusson Cardillac bei einem Mord und erfuhr daraufhin dessen Geheimnis: Cardillac war von einer unstillbaren Gier nach echtem Schmuck besessen, die ihn schon als Kind zum Stehlen von Juwelen trieb und ihn später morden ließ, um den von ihm gefertigten Schmuck wieder in seinen Besitz zu bringen. Um Madelons willen, die ihren Vater abgöttisch liebte, hatte Olivier seinen Meister nicht angezeigt und sich damit der Mitwisserschaft schuldig gemacht. Cardillacs Auftrag, der Scuderi das Kästchen zu bringen, hatte Olivier dazu nutzen wollen, sich ihr anzuvertrauen, was ihm die Bediensteten verwehrt hatten. Als in Cardillac das Verlangen nach den der Scuderi überlassenen Geschmeiden erwachte, begann Olivier sich um ihr Leben zu sorgen und forderte sie auf, die Geschenke zurückzugeben. Weil sie dem nicht unverzüglich nachkam, hielt Olivier nachts vor ihrem Haus Wache, wo er zufällig Zeuge wurde, wie Cardillac von einem Offizier in Notwehr tödlich verletzt wurde.

Gnadengesuch beim König und dessen Entscheidung

Der unschuldige Brusson ist bereit zu sterben, damit die geliebte Madelon nicht die Wahrheit über ihren Vater erfährt. Der Graf von Miossens, der Cardillac erdolcht hat, erscheint. Er entlastet Brusson, ohne sich selbst bei la Regnie des Totschlags zu bezichtigen. Doch erst eine flammende Rede der Scuderi, mit der sie den gegen Brusson voreingenommenen König in den Bann zieht und um Gnade anfleht, sowie des Königs Begegnung mit Madelon, die ihn an eine frühere Geliebte erinnert, führen dazu, dass der König eigene Nachforschungen anstellt, in dessen Folge Brusson – unter der Auflage Paris zu verlassen – begnadigt wird. In Genf finden Brusson und Madelon ein sorgenfreies Auskommen. Die von Cardillac Beraubten, erhalten – sofern sie noch leben – ihr Eigentum zurück.

E. T. A. Hoffmann gelang eine historisch belegte und atmosphärisch dichte Novelle, die einen Kriminalfall mit einer Liebesgeschichte verknüpft. Als Quellen nutzte er vor allem einen Anhang der »Chronik zu Nürnberg« von Johann Christof Wagenseil aus dem Jahre 1697 und Voltaires Schilderungen der Zeit Ludwigs des Vierzehnten. Die Schriftstellerin Madeleine de Scudéry (1607–1701) war tatsächlich einer der bedeutendsten Autoren des Barock. In der Erzählung stehen die ihren Mitmenschen verpflichtete Scuderi und der egoman verschlossene Cardillac für gegensätzliche Künstlertypen ihrer Zeit.


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