Der Verschollene (Amerika)

Inhaltsangabe

Zwischen 1911 und 1914 arbeitete Franz Kafka an dem Roman »Der Verschollene«. Das Werk blieb unvollendet. Das eigenständige erste Kapitel erschien 1913 bei Kurt Wolff unter dem Titel »Der Heizer«. 1927, drei Jahre nach Kafkas Tod, veröffentlichte sein Nachlassverwalter Max Brod das ganze Romanfragment unter dem Titel »Amerika«.

Der Roman schildert die Erlebnisse des 16-jährigen Karl Roßmann aus Prag in den USA und spielt zur Zeit seines Entstehens. Handlungsorte sind Prag, New York und fiktive Orte in dessen näherer Umgebung wie die Kleinstadt Ramses. Karl muss sich in dem fremden Land allein durchschlagen. Die Höhen und Tiefen seines Lebens sind dabei nur von Zufällen abhängig. Immer wieder wird Karl unschuldig verstoßen. Seine Geschicke erscheinen willkürlich und ungerecht, die Begegnungen undurchschaubar.

Erstes Kapitel: Der Heizer

Ein Dienstmädchen bringt den 16-jährigen Karl Roßmann gewaltsam dazu, mit ihr zu schlafen. Als die 20 Jahre ältere Frau ein Kind von ihm bekommt, schicken seine Eltern Karl aus Prag in die USA.

Bei der Ankunft seines Schiffes in New York lernt Karl den Schiffsheizer kennen. Der Heizer leidet unter den Schikanen eines Vorarbeiters. Um ihm zu helfen, geht Karl mit ihm zum Kapitän. Im Beisein mehrerer Männer schildert er diesem das Problem. Er findet jedoch kaum Gehör.

Einer der Anwesenden stellt sich als Karls Onkel, Senator Edward Jakob aus New York, heraus. Ein Brief des Dienstmädchens hat ihn veranlasst, Karl auf dem Schiff zu suchen. Karl ist froh; zugleich bedrückt ihn die ungeklärte Lage des Heizers.

Ostjüdische Auswanderer in die Vereinigten Staaten

Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg wanderten fast drei Millionen Juden aus Osteuropa in die USA aus. Die miserablen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen in den Judenvierteln trieben die böhmischen Juden ins Exil. In Russland und Polen waren schreckliche Pogrome der Auslöser für die Massenauswanderung.

Es liegt nahe, dass Kafka durch diese Auswanderungsbewegung zu seinem Stoff angeregt wurde – auch wenn sein Protagonist kein Auswanderer im eigentlichen Sinne ist, sondern von seinen Eltern zur Bestrafung nach Amerika geschickt wird.

Zweites Kapitel: Der Onkel

Der reiche Geschäftsmann Jakob nimmt Karl wie einen Sohn in seinem Haus auf. Er finanziert seine Englischstunden und schenkt ihm ein Klavier. Karl genießt den Luxus und ist fasziniert von New York. Beim Reitunterricht freundet er sich mit dem sportlichen Millionärssohn Mack an.

Erst nach einiger Zeit zeigt ihm der Onkel sein Unternehmen, ein beeindruckend großes Kommissionsgeschäft. Er stellt ihm seine Geschäftsfreunde Pollunder und Green vor. Pollunder mag Karl und lädt ihn in sein Landhaus ein. Der Onkel scheint etwas dagegen zu haben. Doch Karl setzt sich durch und nimmt die Einladung an.


Drittes Kapitel: Ein Landhaus bei New York

Im Landhaus lernt Karl Pollunders Tochter Klara kennen. Green ist überraschend aufgetaucht. Er flirtet mit Klara und behandelt Karl wie ein Kind. Nach dem Essen verlangt Klara, dass Karl sie in die oberen Räume begleite. Hier provoziert sie ihn zu einer stürmischen Rangelei. Karl ist von ihrer Dominanz abgestoßen und will gehen. Er sehnt sich zurück in das Haus seines Onkels.

Green fordert ihn auf zu bleiben. Erst nach Mitternacht dürfe er ihm einen bestimmten Brief aushändigen. Karl geht zurück nach oben, wo er Mack antrifft. Er erfährt, dass Mack und Klara verlobt sind. Um zwölf Uhr übergibt Green ihm einen Brief seines Onkels: Jakob verwehrt Karl die Rückkehr in sein Haus, weil er Pollunders Einladung gefolgt ist. Karl verabschiedet sich, ohne zu wissen, wohin er gehen soll.

Kafkas Amerikabild

Obwohl Franz Kafka selbst nie die USA bereist hat, ist sein Amerikabild keineswegs nur seiner Fantasie entsprungen. Vielmehr bediente er sich nachgewiesenermaßen zuverlässiger Quellen. Die bekannteste unter ihnen ist das Buch »Amerika. Heute und morgen. Reiseerlebnisse«. Das Buch, das Kafka sehr genau kannte, versammelt Reportagen des Essayisten und Reiseschriftstellers Arthur Holitscher (1869 – 1941). Ursprünglich waren sie 1911/12 in der Literaturzeitschrift »Neue Rundschau« erschienen. Auffallend ist z. B. die Ähnlichkeit der Beschreibung des New Yorker Hafens bei Kafka und Holitscher.


Viertes Kapitel: Weg nach Ramses

Karl übernachtet in einer schäbigen Herberge. Hier lernt er zwei Tagelöhner kennen, den Iren Robinson und den Franzosen Delamarche. Die beiden wollen in der Kleinstadt Butterford Arbeit suchen. Karl schließt sich ihnen an. Unterwegs erkennt er, dass sie es auf sein weniges Geld abgesehen haben.

In einem Hotel nahe der Stadt Ramses besorgt er Lebensmittel. Die Oberköchin bietet ihm an, im Hotel zu übernachten. Karl lehnt ab. Er fühlt sich verpflichtet, zu seinen Begleitern zurückzukehren. Als er aber sieht, dass sie seinen Koffer aufgebrochen haben, trennt er sich zornig von ihnen. Er übernachtet nun doch im Hotel.


Fünftes Kapitel: Hotel Occidental

Die Wiener Oberköchin betrachtet Karl als Landsmann und kümmert sich mütterlich um ihn. Im Hotel verschafft sie ihm eine Stelle als Liftboy. Ihre junge, ernste Sekretärin Therese Berchtold bemüht sich um Karls Freundschaft. Karl erfährt von ihrer schweren Kindheit und vom frühen Tod ihrer Mutter. Er begleitet sie auf Botengängen und verbringt den Feierabend mit ihr und der Oberköchin.

Karl arbeitet hart und ist oft übermüdet. Sein Kollege Renell nutzt seinen Fleiß aus und lässt sich von ihm vertreten. Dennoch hat Karl ihn gern. Eines Tages erzählt ihm Renell, er sei von einem Mann namens Delamarche nach ihm gefragt worden. Karl will mit Delamarche nichts mehr zu tun haben. Er warnt Renell vor ihm.


Sechstes Kapitel: Der Fall Robinson

Wenige Tage darauf erscheint Robinson betrunken im Hotel. Er verlangt von Karl, zu ihm und Delamarche zurückzukehren. Plötzlich bricht er zusammen. Karl bringt ihn heimlich in den Schlafsaal der Liftboys. Weil er dafür unerlaubt seinen Posten verlässt, wird er in das Büro seines Vorgesetzten zitiert. Hier macht man ihm ungerechte Vorwürfe. Als man Robinson entdeckt, wird Karl entlassen. Selbst die Oberköchin und die verstörte Therese können nichts für ihn tun.

Beim Verlassen des Hotels wird Karl vom Oberportier mit Gewalt zurückgehalten. Er behauptet, Karl habe ihn nie gegrüßt. Um sich dafür zu rächen, hält er ihn brutal in seiner Portiersloge fest. Genau in dem Moment, als Karl sich befreien kann, wird Robinson auf einer Krankenbahre hinausgetragen. Er ist im Schlafsaal verprügelt worden und ruft nach Karl. Karl holt einen Chauffeur und begleitet Robinson im Wagen zu dessen Wohnung.


Siebentes Kapitel: Ein Asyl

Bei der Ankunft kann Karl nicht den vollen Betrag für das Taxi zahlen. Er muss vor einem Polizisten in Robinsons Wohnung flüchten. Robinson lebt hier zusammen mit Delamarche und dessen Geliebter, der launischen Sängerin Brunelda. Die beiden benehmen sich, als sei Robinson ihr Diener. Karl rät Robinson, sich diese Behandlung nicht gefallen zu lassen. Da erfährt er, dass er Robinson als Diener ablösen soll. Schon bald behandelt Brunelda Karl wie ihren persönlichen Lakaien.

Während einer Wahlveranstaltung vor der Haustür versucht Karl zu fliehen. Er scheitert und wird von Delamarche zusammengeschlagen. Abends beobachtet er den Studenten Josef Mendel auf dem Nachbarbalkon. Mendel arbeitet tagsüber als Verkäufer und lernt in der Nacht. Karl vertraut ihm seine schwierige Lage an. Mendel rät ihm, bei Delamarche zu bleiben. Karl ergibt sich darauf zunächst in sein Schicksal. Er hofft aber weiterhin, dass er der Situation entkommen kann.

Zur Editionsgeschichte des Romans

Das Romanfragment endete ursprünglich mit Kapitel Sieben. Nur die Titel der ersten sechs Kapitel sind durch Kafka verbürgt. Die Überschrift des siebenten Kapitels, »Ein Asyl«, stammt von Max Brod.

Den Text des achten Kapitels entdeckte Brod in Kafkas Nachlass. Er fügte es unter dem Titel »Das Naturtheater von Oklahoma« dem Roman hinzu. Zwischen dem achten und den vorausgegangenen Kapiteln besteht jedoch eine Lücke. Dass der Übergang nicht stimmig ist, erkennt man z. B. am Auftauchen einer Freundin Karls namens Fanny. Sie wird wie eine Figur behandelt, die der Leser bereits kennt. In den Kapiteln Eins bis Sieben erscheint sie jedoch nicht.


Achtes Kapitel: Das Naturtheater von Oklahoma

Auf einem Plakat liest Karl eines Tages, dass das Theater von Oklahoma Personal suche. Er fährt mit der U-Bahn nach Clayton, um sich zu bewerben. Im Theater trifft er seine alte Freundin Fanny, die als Posaunenengel auftritt. Er muss eine umständliche Aufnahmeprozedur durchlaufen. Schließlich stellt man ihn als »technischen Arbeiter« ein. Im Gedränge der Bewerber trifft er auf Giacomo, den er aus dem Hotel Occidental kennt. Mit dem Zug werden die neuen Mitarbeiter nach Oklahoma gebracht. Die lange Fahrt macht Karl zum ersten Mal die Größe der USA bewusst.

»Amerika« in Theater und Film

Zahlreiche Adaptionen des Romans für Theater und Film zeugen von der Faszination, die Karl Roßmanns albtraumhafte Lebensreise auf Regisseure ausübt, und von den dramaturgischen Möglichkeiten, die sie bietet.

1984 drehten Danièle Huillet und Jean-Marie Straub unter dem Titel »Klassenverhältnisse« einen herausragenden Kinofilm in Schwarz-Weiß nach Kafkas Romanvorlage. Der Film, u. a. mit Mario Adolf in der Rolle des Onkels Jakob, erhielt exzellente Kritiken.

Das Hamburger Thalia-Theater brachte den Stoff 2009 in einer Fassung auf die Bühne, die Regisseur Bastian Kraft zusammen mit Schauspieler Philipp Hochmair erarbeitet hat. Es handelt sich um ein experimentelles Ein-Mann-Stück, in dem Hochmair nicht nur Roßmann, sondern auch den Heizer, den Onkel, Robinson und Delamarche verkörpert.

Eine weitere interessante Bühnenadaption stammt von Pavel Kohout und Ivan Klima. Sie wurde 2015 im Staatsschauspiel Dresden zur Aufführung gebracht.


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Kafkas »Trilogie der Einsamkeit«

Ebenso wie »Der Verschollene« blieben auch Kafkas Romane »Das Schloss« und »Der Prozess« unvollendet. Max Brod, der nach Kafkas Tod im Jahre 1924 den Nachlass seines Freundes sichtete, betrachtete die drei Werke als Einheit. Er nannte sie »Trilogie der Einsamkeit«. Verbindende inhaltliche Elemente sind nach seiner Auffassung die Isolation und das Ausgeliefertsein des jeweiligen Helden an undurchschaubare Mächte:

»Der Prozess« (veröffentlicht 1925):

Der Bankangestellte Josef K. wird verhaftet, ohne dass man ihm einen Grund dafür nennt. Er soll vor Gericht erscheinen, trifft dort jedoch niemanden an. Bis zu seiner Hinrichtung erfährt er nicht, was man ihm anlastet.

»Das Schloss« (veröffentlicht 1926):

Der Landvermesser K. erhält die Einladung, auf einem Schloss zu arbeiten. Nach langer Anreise findet er vor Ort jedoch keinen Ansprechpartner. Vergeblich versucht er, Kontakt mit der zuständigen Behörde aufzunehmen. Er irrt allein umher und findet sich schließlich resigniert mit der unergründlichen Autorität des Schlosses ab.

»Amerika« (veröffentlicht 1927):

Karl Roßmann, fast noch ein Kind, wird von seinen Eltern auf einen anderen Kontinent geschickt. In Amerika ist er völlig auf sich gestellt. Ob ihm Glück oder Unglück widerfährt, ist allein vom Zufall abhängig.

»In allen drei Romanen geht es um die Einordnung des Einzelnen in die menschliche Gemeinschaft und, da es sich dabei um höchste Gerechtigkeit handelt, gleichzeitig um Einordnung in ein Gottesreich. Die ungeheueren Widerstände, die sich gerade dem sorgsam guten und rechtlichen Menschen hierbei entgegensetzen, werden gezeigt.«
Max Brod

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