Thomas Mann (1875–1955) war der bedeutendste Epiker deutscher Sprache des 20. Jahrhunderts. Sein Gesamtwerk umfasst 12 Romane, über 30 Erzählungen, zwei Bühnenstücke, rund 30 Essays sowie ein knappes Dutzend autobiografische Schriften. Für den Roman »Buddenbrooks. Verfall einer Familie« wurde der Schriftsteller 1929 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

Tabellarischer Lebenslauf

1875Geburt am 6. Juni 1875 in Lübeck als zweiter Sohn des Kaufmanns und späteren Senators Thomas Johann Heinrich Mann und dessen Frau Julia (geb. da Silva-Bruhns)
1889Eintritt in das altsprachliche Gymnasium »Katharineum«
1891Tod des Vaters, gefolgt von der Liquidierung der väterlichen Firma
1893Mitherausgeber der Schülerzeitung »Frühlingssturm. Monatsschrift für Kunst, Literatur und Philosophie«
1894Beendigung der Schullaufbahn mit dem »Einjährigen«; Umzug nach München, wo die Mutter inzwischen mit den jüngeren Geschwistern lebte; Volontär bei einer Versicherungsgesellschaft; Publikation der ersten Novelle »Gefallen«
1895Entschluss, sich eine Existenz als freier Schriftsteller aufzubauen; Studium an der Technischen Hochschule München; Mitarbeit bei der von seinem Bruder Heinrich herausgegebenen Zeitschrift »Das Zwanzigste Jahrhundert. Blätter für deutsche Art und Wohlfahrt«
1896–1898Italienreise mit seinem Bruder Heinrich: Aufenthalt in Rom und Palestrina; unterwegs Beginn der Arbeit an den »Buddenbrooks«
1898Veröffentlichung einer Novellen-Sammlung unter dem Titel »Der kleine Herr Friedemann«
1898–1900Redakteur bei der satirischen Zeitschrift »Simplicissimus« in München
1900Militärdienst
1901Veröffentlichung des Romans »Buddenbrooks. Verfall einer Familie«, der ein großartiger Erfolg wird
1905Eheschließung mit Katharina Pringsheim, genannt Katia; aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor: Erika (1905), Klaus (1906), Golo (1909), Monika (1910), Elisabeth (1918) und Michael (1919)
1912Inspiration zu dem Roman »Zauberberg« während eines Besuchs seiner kranken Frau Katia in einem Lungensanatorium in Davos, Schweiz
1914Bau und Bezug eines Hauses in der Poschinger Straße 1 in München
1915–1918Zerwürfnis mit dem Bruder Heinrich wegen ihrer unterschiedlichen Haltungen zum Ersten Weltkrieg (Thomas war kaisertreu und kriegsbegeistert, Heinrichs Haltung pazifistisch und demokratisch).
1919Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Bonn
1922Bekenntnis zur Demokratie in einer Rede in Berlin aus Anlass des 60. Geburtstags von Gerhart Hauptmann
1923Tod der Mutter
1924Veröffentlichung des Romans »Zauberberg«
1926Beginn der Arbeit an der »Joseph«-Tetralogie
1929Nobelpreis für Literatur für den Roman »Buddenbrooks. Verfall einer Familie«
1930Mahnrede als Warnung vor dem Erstarken der Partei der Nationalsozialisten »Deutsche Ansprache – Ein Appell an die Vernunft«; Reise nach Ägypten und Palästina
1933Emigration nach Frankreich, später Niederlassung in Küsnacht bei Zürich
1936Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft und Annahme der tschechoslowakischen Staatsbürgerschaft; Aberkennung des Ehrendoktorats der Universität Bonn
1938Asyl in den USA; Gastprofessur an der Universität Princeton, New Jersey; Verleihung der Ehrendoktorwürde der Columbia University, New York
1941Umsiedelung nach Kalifornien
1942Bau und Bezug eines eigenen Hauses in Pacific Palisades, Kalifornien, sein Wohnsitz bis 1952
1942–1945Radiosendungen unter dem Titel »Deutsche Hörer!«, Übertragung nach Deutschland mit Hilfe der BBC
1944Annahme der amerikanischen Staatsbürgerschaft
1947Veröffentlichung von »Doktor Faustus«; erste Reise nach Europa nach dem Krieg
1949Erster Besuch Deutschlands nach dem Krieg
1950Tod des Bruders Heinrich
1952Endgültige Rückkehr nach Europa; Niederlassung in der Schweiz
1954Erwerb eines Hauses in Kilchberg bei Zürich
1955Ehrenbürger der Stadt Lübeck; Tod am 12. August 1955 im Kantonsspital Zürich

Biografie

Kindheit und Schulzeit

Paul Thomas Mann wurde am 6. Juni 1875 als zweiter Sohn des Kaufmanns und späteren Senators Thomas Johann Heinrich Mann und dessen Frau Julia (geb. da Silva-Bruhns) in Lübeck geboren. Zu seinem vier Jahre älteren Bruder, dem späteren Schriftsteller und Satiriker Heinrich Mann (1871–1950), hatte Thomas Mann von Kindheit an ein wechselnd schwieriges Verhältnis.

Nach dem Besuch einer Privatschule trat Thomas Mann 1889 in das Lübecker »Katharineum«, ein altsprachliches Gymnasium, ein. In seine Schulzeit fiel der Tod des Vaters (1891) und die testamentarisch verfügte Auflösung der großen väterlichen Firma. Die Mutter zog mit den jüngeren Kindern nach München. Thomas beendete die Schule in Lübeck ohne Abitur. Er »machte das Einjährige« und ging 1894 ebenfalls nach München.

Von ersten Arbeiten zu den Buddenbrooks

Ab 1893 war der junge Thomas Mann Mitherausgeber und Autor der Schülerzeitung »Frühlingssturm. Monatsschrift für Kunst, Literatur und Philosophie«. Nur wenig später machte er mit Werken wie der Novelle »Gefallen« (1894) und dem Gedicht »Zweimaliger Abschied« (1894) auf sich aufmerksam.

Thomas Mann entschloss sich gegen einen bürgerlichen Beruf und für eine Existenz als freier Schriftsteller. Im Alter von nur 22 Jahren begann er während einer zweijährigen Italienreise (1896–1898) mit seinem Bruder Heinrich den Roman »Buddenbrooks. Verfall einer Familie«. Es ist die Geschichte des Niedergangs einer Lübecker Kaufmannsfamilie.

Das Werk erschien 1901. Die zeitgenössische Rezeption war zunächst verhalten. Immerhin handelte es sich um ein äußerst umfangreiches Werk eines unbekannten Autors. Das mag manche Kritiker abgeschreckt haben, das Buch zu lesen und zu rezensieren. Spätestens ab der zweiten Auflage 1903 wurden die »Buddenbrooks« jedoch ein sensationeller Erfolg.

Heirat und Familie

1905 heiratete Thomas Mann die liberal erzogene und gebildete Katharina (Katia) Pringsheim (1883–1980). Das Paar bekam sechs Kinder: Erika Mann (1905–1967), Klaus Mann (1906–1949), Golo Mann (1909–1994),  Monika Mann (1910–1992), Elisabeth Mann (1918–2002) und Michael Mann (1919–1977). Abgesehen von Michael traten alle Mann-Kinder früher oder später ebenfalls als Schriftsteller hervor; unter ihnen galt Klaus als der begabteste.

Im Jahre 1912 litt Katia Mann unter einer schweren Lungenerkrankung, die eine längere Heilkur im schweizerischen Davos notwendig machte. Bei einem Besuch seiner Frau im Sanatorium wurde Thomas Mann zu dem Roman »Zauberberg« inspiriert: 1913 begann er mit der Arbeit an dem erst 1924 erschienenen Schlüsselwerk.

Vom Ersten Weltkrieg …

Anders als sein älterer Bruder Heinrich verteidigte Thomas Mann das Kaisertum. Es galt ihm als Garant der Erhaltung hoher deutscher Kultur. Während Heinrich sich als Pazifist und Demokrat sah, war Thomas ein Befürworter des Ersten Weltkriegs. Seine Gedanken fasste er zwischen 1915 und 1918 in der Streitschrift »Betrachtungen eines Unpolitischen« zusammen. Die in dem Essay enthaltene Kriegsbegeisterung wirkt aus heutiger Sicht problematisch und befremdlich. Damals entsprach das Werk durchaus dem Zeitgeist.

Das Zerwürfnis der Brüder über die unterschiedlichen politischen Standpunkte dauerte bis zum Tod der Mutter 1923 an, wenngleich der Kontakt zwischen ihnen nie gänzlich abriss. Zeitlebens gab es einen mehr oder weniger persönlichen Briefwechsel zwischen den Schriftstellern. Am 13. Oktober 1922 bekannte sich Thomas Mann in Berlin in seiner Rede »Von deutscher Republik« aus Anlass des 60. Geburtstags von Gerhart Hauptmann dann offen zur Demokratie.

Von 1918 an bis zu seinem Tod im Jahr 1955 führte Thomas Mann seine berühmten Tagebücher. Sie sind einerseits persönliche Lebenschronik, andererseits Aufzeichnungen über weltpolitische Entwicklungen und Umbrüche. Der erste, sehr private Eintrag ist von Mittwoch, dem 11. September 1918: »Seit vorgestern von Tegernsee zurück. Das Haus noch in ungeputztem Zustande, ohne Teppiche. Nasser Spaziergang mit Bauschan. Mittagessen auf der oberen Diele.«

… zum Zweiten Weltkrieg

1929 wurde Thomas Mann für sein Werk »Buddenbrooks. Verfall einer Familie« mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

Ab 1930 warnte der einstmals »Unpolitische« vor dem Erstarken der NSDAP. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten kehrte er Deutschland 1933 den Rücken. Er emigrierte zunächst nach Frankreich und bald darauf in die Schweiz, wo er mit seiner Familie von 1933–1938 in Küsnacht am Zürichsee lebte. Nachdem er sich am 3. Februar 1936 in einem offenen Brief in der Neuen Zürcher Zeitung gegen das nationalsozialistische System gestellt hatte, wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt; er erhielt die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft.

Mit dem Roman »Lotte in Weimar« setzte Thomas Mann dem von ihm verehrten Johann Wolfgang von Goethe ein Denkmal. Das Werk erschien 1939 zuerst in Stockholm. Es geht dabei unter anderem um das Verhältnis zwischen dem großen Mann Goethe und seinen Bewunderern. Es ist anzunehmen, dass Thomas Mann beim Schreiben zu jener Zeit auch an Hitler und dessen Gefolgschaft dachte.

Von 1938 bis 1952 lebte Thomas Mann im Exil in den USA. 1944 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Nach den ersten Jahren in Princeton, New Jersey, ließ er sich 1942 eine Villa in den Hügeln von Santa Monica, Kalifornien, bauen. Seine zehn Lebensjahre dort waren von Schaffenskraft geprägt. 1943 begann er mit der Niederschrift seines Spätwerks »Doktor Faustus«; er hat darin seine eigene Lebensgeschichte mit der Zeitgeschichte verwoben.

Nachkriegszeit

In dem offenen Brief »Warum ich nicht nach Deutschland zurückkehre« befasste sich Thomas Mann 1945 mit dem Thema der Kollektivschuld des deutschen Volkes. 1947 reiste er zum ersten Mal nach Kriegsende wieder nach Europa; 1949 auch nach Deutschland. Doch sein Land war ihm fremd geworden.

Das veränderte politische Klima nach dem Tode von Präsident Roosevelt 1945 betrachtete Thomas Mann mit ähnlicher Sorge wie den wachsenden Antibolschewismus in Europa. Da er in den USA zunehmend als Sympathisant Stalins und des Kommunismus denunziert wurde, verließ er 1952 Amerika. Im Alter von 77 Jahren ging Thomas Mann endgültig zurück nach Europa. Er ließ er sich in der Schweiz nieder.

Tod in Zürich

Thomas Manns letzter Roman blieb unvollendet; allerdings hatte er die Fortsetzung der »Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull« bereits skizziert.

Der Schriftsteller und Nobelpreisträger starb am 12. August 1955 im Alter von 80 Jahren im Kantonsspital in Zürich.

Werke von Thomas Mann (Auswahl)

1894
»Gefallen«
Novelle
1894
»Zweimaliger Abschied«
Gedicht
1897
»Der kleine Herr Friedemann«
Novelle
1899
»Tonio Kröger«
Novelle
1901
»Buddenbrooks«
Roman
1902
»Gladius dei«
Novelle
1904
»Beim Propheten«
Erzählung
1907
»Fiorenza«
Bühnenstück
1909
»Königliche Hoheit«
Roman
1912
»Der Tod in Venedig«
Novelle
1918
»Betrachtungen eines Unpolitischen«
1922
»Von deutscher Republik«
aus Anlass des 60. Geburtstags von Gerhart Hauptmann
1924
»Der Zauberberg«
Roman
1930
»Mario und der Zauberer«
Novelle
1933
»Joseph und seine Brüder. Die Geschichten Jaakobs.«
Roman, Teil 1 von 4
1934
»Joseph und seine Brüder. Der junge Joseph.«
Roman, Teil 2 von 4
1936
»Joseph und seine Brüder. Joseph in Ägypten.«
Roman, Teil 3 von 4
1939
»Lotte in Weimar«
Roman
1943
»Joseph und seine Brüder. Joseph, der Ernährer.«
Roman, Teil 4 von 4
1945
»Deutschland und die Deutschen«
Vortrag
1947
»Doktor Faustus«
Roman
1948
»Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung«
Essay
1954
»Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull«
Roman
2005
»Im Schatten Wagners: Thomas Mann über Richard Wagner. Texte und Zeugnisse«

Zitate von Thomas Mann

»Ist nicht das Leben an sich etwas Gutes, gleichviel, ob es sich nun so für uns gestaltet, dass man es ›glücklich‹ nennt?«
Thomas Mann, Der kleine Herr Friedemann
»Wahrscheinlich kann man vom Nichtwollen seelisch nicht leben; eine Sache nicht tun wollen, das ist auf Dauer kein Lebensinhalt.«
Thomas Mann, Mario und der Zauberer
»Die Rolle des Vertrauten ist immer zugleich wohltuend und schmerzlich, denn man spielt sie ja immer nur unter der Voraussetzung, dass man selbst nicht in Betracht kommt. Aber wie viel besser ist es doch, habe ich mir oft gesagt, der Welt Vertrauen einzuflößen, als ihre Leidenschaften zu erregen! Wie viel besser, ihr ›gut‹, als ›schön‹ zu erscheinen!«
Thomas Mann, Doktor Faustus

Inhaltsangaben

Weiterführende Literatur

Klaus Schröter, Thomas Mann
In der Reihe »Rowohlts Monographien» legte Klaus Schröter bereits 1964 eine kompakte und informative Darstellung von Thomas Manns Leben vor. 2005 ist eine überarbeitete Neuausgabe erschienen. Schröter geht darin auch auf Manns Werke ein und lässt den Schriftsteller in zahlreichen Zitaten selbst zu Wort kommen.
Thomas Mann, Über mich selbst: Autobiographische Schriften
Die autobiographische Schriften Thomas Manns enthalten sozusagen Informationen über Manns Leben aus erster Hand. Der Leser erhält Einblicke in das Schaffen des großen Schriftstellers und die Beweggründe für sein Schreiben.