Die Physiker

Figuren

  • Johann Wilhelm Möbius

    Der 40-jährige Protagonist Johann Wilhelm Möbius wird als »etwas unbeholfen« vorgestellt, wobei diese Bemerkung höchstens auf seinen persönlichen Alltag bezogen werden kann; im Hinblick auf seinen Beruf und seine Forschungen präsentiert sich der Physiker sehr lösungsorientiert. Möbius stellt Forschungen an, die die Menschheit gefährden könnten, sollten seine Entdeckungen in die falschen Hände gelangen. Um das zu verhindern, gibt Möbius vor, dass König Salomo zu ihm spreche. Auf diese Weise bewirkt der Physiker seine Einweisung in die Psychiatrie »Les Cerisiers«. Er hat außerdem eine Exfrau namens Lina, die mittlerweile wieder neu geheiratet hat und ihn mit den drei gemeinsamen Kindern Adolf-Friedrich (16 Jahre alt), Wilfried-Kaspar (15 Jahre alt) und Jörg-Lukas (14 Jahre alt) in der psychiatrischen Einrichtung besucht. Weil er sich für das Wohlergehen der Menschheit aufopfert und sich zu diesem Zweck isolieren muss, will er seine gefälschte Identität als psychisch kranker Mann auch vor seiner Familie bewahren. Dabei benimmt er sich unmoralisch, indem er sowohl die Frau als auch die Kinder zurücklässt und Lina darüber hinaus die Rechnungen für seine Unterbringung in der psychiatrischen Klinik zahlen muss. Um ihnen den endgültigen Abschied von ihm zu erleichtern, steigert er sich in einen Tobsuchtsanfall und behauptet, sie nicht zu erkennen. Auch den Heiratsantrag von Oberschwester Monika lehnt Möbius ab. Obwohl er ebenfalls in Monika verliebt ist, tötet er sie, anstatt mit ihr ein neues Leben außerhalb der Einrichtung zu beginnen. Zu diesem Schritt sieht er sich gezwungen, um seine Entdeckungen weiterhin verborgen zu halten. Im Gegensatz zu den anderen beiden Protagonisten Kilton und Eisler findet man bei Möbius jedoch ein Schuldeingeständnis: »Wer tötet, ist ein Mörder, und wir haben getötet. Jeder von uns hatte einen Auftrag, der ihn in diese Anstalt führte. Jeder von uns tötete seine Krankenschwester für einen bestimmten Zweck. (...) Töten ist etwas Schreckliches. Ich habe getötet, damit nicht ein noch schrecklicheres Morden anhebe.«

  • Alec Jasper Kilton

    Kilton ist ebenfalls Physiker und auch er gibt vor, psychisch krank zu sein: Angeblich halte er sich für Sir Isaac Newton; auch der vorgegebene Name Herbert Georg Beutler entspricht nicht der Wahrheit. In die Psychiatrie lässt er sich einweisen, weil er für den Geheimdienst arbeitet und Möbius ausspionieren soll. Kilton steht stellvertretend für die westlichen Mächte im Kalten Krieg und wird als erster der drei Physiker in das Stück eingeführt – möglicherweise werden die drei Protagonisten in ihrer Reihenfolge zufällig vorgestellt, was die Tatsache stärken würde, dass sie alle nur kleine Teile eines Großen sind und keinen Einfluss auf das Geschehen haben: Sie werden selbst zu Zuschauern und können nichts ausrichten. Eine andere Begründung in der Reihenfolge könnte aber auch darin gesehen werden, dass sich Kilton besonders skrupellos – und damit besonders auffällig – verhält. Diese Skrupellosigkeit äußert sich darin, dass er nicht nur eine Krankenschwester tötet, sondern auch skrupellos der Wissenschaft nachgeht, letzten Endes aber keine Verantwortung für diese übernehmen will (»Es geht um die Freiheit unserer Wissenschaft und um nichts weiter. Wir haben Pionierarbeit zu leisten und nichts außerdem. Ob die Menschheit den Weg zu gehen versteht, den wir ihr bahnen, ist ihre Sache, nicht die unsrige.«)

  • Joseph Eisler

    Der Physiker Joseph Eisler gibt sich als Albert Einstein aus, weil er für den Geheimdienst seines Landes arbeitet und ebenfalls Möbius ausspionieren soll. Er vertritt dabei den Ostblock im Kalten Krieg und stellt somit einen Konkurrenten Kiltons dar. Zunächst scheint es sich bei den beiden daher um einander entgegengesetzte Charaktere zu handeln, was sich auf den zweiten Blick allerdings als Trugschluss erweist, da es eine Reihe von Gemeinsamkeiten gibt. Beispielsweise können beide als gehörig charakterisiert werden und stehen letztlich auf derselben Seite, nachdem sie erfahren, dass die Manuskripte verbrannt sind und sie sich darauf einigen, in der Anstalt zu bleiben. Zwar zieht sich Joseph Eisler, im Gegensatz zu Kilton, nicht gänzlich aus der Verantwortung, allerdings sieht er seine Verantwortung darin erfüllt, sich einem politischen Auftraggeber unterzuordnen und dessen Befehle auszuführen (»Ich kann natürlich nur hoffen, die Parteibefolge meine Ratschläge, mehr nicht.«) Eine persönliche Verantwortung für wissenschaftliche Erkenntnisse und deren möglicherweise gravierende Folgen will auch er nicht übernehmen; stattdessen sieht er das jeweilige politische System in der Verantwortung für die Forschung. Er überschreibt diesem System sowohl die Macht als auch die Verantwortung. Außerdem stellt er dieses System sowohl über sein eigenes Wohlergehen und Schicksal als auch über das anderer Menschen. Um das Gelingen seines Auftrags nicht in Gefahr zu bringen, tötet auch er eine Krankenschwester.

  • Fräulein Dr. h. c. Dr. med. Mathilde von Zahnd

    Mathilde von Zahnd ist die 55-jährige, bucklige Leiterin der Psychiatrie und arbeitet dort als Ärztin. Zu Beginn wirkt sie fürsorglich und freundlich, entpuppt sich letzten Endes jedoch als wahnsinnig, manipulativ, überheblich, arrogant und berechnend. Sie hintergeht die Physiker und fertigt Kopien von Möbius‘ Entdeckungen an. Damit wird sie zu einer enormen Gefahr, nicht nur für die drei Protagonisten, sondern darüber hinaus auch für die gesamte Menschheit. Sie ist den drei Wissenschaftlern entgegengesetzt: Während sich Möbius, Kilton und Eisler im ersten Akt als psychisch krank vorstellen, sich im zweiten Akt aber herausstellt, dass sie gesund sind, verhält es sich bei Mathilde von Zahnd umgekehrt – ihre Geisteskrankheit offenbart sich erst am Ende des Stücks. Dadurch wirkt die Leiterin noch gefährlicher und unberechenbarer. Dürrenmatt erweckt bewusst zunächst ein falsches Bild von ihr, das sich erst am Ende aufdeckt – so, wie sich auch wissenschaftliche Erkenntnisse teils nicht von Beginn an vollständig begreifen und erfassen lassen. Dadurch, dass ihr wirkliches Wesen anfangs verschleiert wird, erscheinen viele ihrer Aussagen im Nachhinein doppeldeutig, wie beispielsweise die folgende: »Fehler kann ich mir nicht leisten und Vorfälle, die mir die Polizei ins Haus bringen, schon gar nicht.« Auf den ersten Blick wirkt es, als wollte sie damit ihre Anstalt und deren Ruf beschützen. Mit dem Wissen über ihre hinterhältigen und bedrohlichen Pläne wirkt die Aussage aber eher wie der Versuch, ihre geheimen Pläne weiter zu verstecken. Denn wenn die Polizei diese entdecken würde, wären sie hinfällig.

  • Richard Voß

    Inspektor Voß ist intelligent, genervt von seiner Tätigkeit bei der Polizei und wirkt zunächst sehr ungeduldig, was durch kurze Fragen und Ausrufe wie »Ich warte!« betont wird. Er erscheint nicht als klassischer Inspektor, weil er sich durch Überforderung und Unsicherheit auszeichnet. Die oft üblichen Charaktereigenschaften anderer Polizeigestalten in der Literatur, wie beispielsweise Sicherheit, Durchsetzungskraft oder Willensstärke, fehlen ihm. Das wird unter anderem dadurch zum Ausdruck gebracht, dass er laut wird oder stark schwitzt – es handelt sich hierbei um Anzeichen von Nervosität. Außerdem ist sein Charakter sehr sprunghaft: Während er im ersten Akt noch darum bemüht ist, für Gerechtigkeit zu sorgen, passt er sich im zweiten Akt den fragwürdigen und unlogischen Regeln des Sanatoriums an. Das zeigt auch, dass er die eigentlich geltenden Regeln der Gesellschaft nicht respektiert – er scheint geradezu froh darüber zu sein, diese nun brechen zu können. Dies entspricht auch der Beobachtung, dass er berufsmüde zu sein scheint: Ihm fehlt sichtbar die Freude an der Ausübung seiner Tätigkeit, den Besuch in der Psychiatrie scheint er, nach anfänglichem Zögern, als willkommene Auszeit zu betrachten. Dass er sich an die Regeln und Normen der Anstalt anpasst, wird dem Leser zum Beispiel dadurch vor Augen geführt, dass er es zulässt, sich von Kilton auf die Schulter klopfen zu lassen. Des weiteren zeigt Inspektor Voß Defizite, was seine Kommunikation betrifft und durch die zahlreichen kurzen Aussagen deutlich wird: Er hält sich an polizeiliche Floskeln; sobald sich darüber umfassendere Gespräche entwickeln, wirkt Voß nervös und verlässt sich auf die Richtigkeit der Informationen anderer Figuren – wie zum Beispiel Mathilde von Zahnds Erklärungen im Hinblick auf die Mordmotive.

  • Monika Stettler

    Die 25-jährige Krankenschwester verliebt sich in Möbius, erkennt dessen Lügen und macht ihm einen Heiratsantrag; die private und berufliche Zukunft hat sie ebenfalls schon geplant. Monika ist zudem berufsmüde: Sie ist es leid, sich auch um Menschen kümmern zu müssen, die ihr nichts bedeuten. Um dies zu ändern, will sie ihren Job aufgeben und mit Möbius ein neues Leben beginnen – sie will sich fortan nur noch um ihn kümmern: »Ich will für meinen Geliebten da sein.« Die Tatsache, dass sie Möbius liebt, öffnet ihr einerseits die Augen, indem es sie erkennen lässt, dass Möbius gesund ist. Andererseits macht es sie aber auch blind, weil sie die warnenden Hinweise von Möbius und Eisler ausblendet (»Mein Gott, ich liebe dich, das ist ja das Wahnsinnige.«). Letztlich muss sie sterben, weil Möbius um die Entdeckung seiner Forschung fürchtet. Sie ist dabei in einem Zusammenhang mit den anderen beiden getöteten Krankenschwester zu sehen: Alle drei sind Krankenschwestern und werden in den Plan der Leiterin hineingezogen, weshalb sie sterben müssen. Deutlich wird das, als Mathilde von Zahnd den drei Physikern eröffnet: »Ich mußte euch unschädlich machen. Durch eure Morde. Ich hetzte die drei Krankenschwestern auf euch. Mit eurem Handeln konnte ich rechnen.« Monika und die anderen beiden Frauen waren also lediglich Figuren in dem makabren Spiel der Leiterin und Chefärztin.

  • Lina Rose

    Sie ist die Exfrau des Physikers Möbius, hat mit ihm drei Kinder und in der Zwischenzeit wieder neu geheiratet. Missionar Rose, ihr aktueller Ehemann, bringt sechs Kinder mit in die Ehe, die Lina alle bei sich aufnimmt. Sie nutzt diese Tatsache und den Fakt, dass sie bisher den Aufenthalt des Exmannes in der psychiatrischen Einrichtung bezahlt hat, um sich als Retterin und aufopferungsvolle Heilige zu inszenieren. Durch die übertriebene Inszenierung erweckt Lina den Eindruck, dass sie auf das Mitleid und Bedauern anderer Menschen abzielt; dabei ist sie stets darum bemüht, sich zu rechtfertigen und das Bild von sich selbst als heilige Wohltäterin aufrechtzuerhalten. Es kann vermutet werden, dass sie sich eine Mitschuld an Möbius‘ angeblich schlechtem Zustand gibt, daher die Rechnungen bisher bezahlt hat und nun mit ihrem neuen Mann und den zahlreichen Kindern einen Ausweg aus dieser Situation findet. Unter diesem Blickwinkel betrachtet wirkt der Umzug Linas mit Missionar Rose und den Kindern wie eine Flucht vor ihren eigenen Gefühlen. Dabei befindet sich der neue Job des Missionars, an dessen Ort die Familie umziehen wird, im Bikini-Atoll – dort haben die Vereinigten Staaten zwischen 1950 und 1960 mit atomaren Waffen experimentiert. Das kann als Hinweis darauf gelesen werden, dass Lina von ihrem Exmann (durch die Forschungsergebnisse) auch dort erreicht wird, sie also niemals endgültig vor ihm fliehen beziehungsweise ihn loslassen kann. Auffällig ist außerdem, dass sie Möbius als Kind stilisiert (»Johann-Wilhelmlein«), wofür es mehrere mögliche Erklärungen gibt: Möglicherweise ist sie der Überzeugung, dass es die einzige Sprache ist, die der vermeintlich Geisteskranke verstehen kann oder aber es ist Ausdruck dessen, dass sie ihn all die Jahre nicht als Ehepartner, sondern als Kind gesehen hat, um das sie sich kümmern musste.

Veröffentlicht am 12. Oktober 2022. Zuletzt aktualisiert am 12. Oktober 2022.