Die Physiker

Interpretation

Eine vieldiskutierte Theorie im Hinblick auf »Die Physiker« besagt, dass es sich bei Mathilde von Zahnd in Wirklichkeit nicht um die Leiterin der Einrichtung, sondern vielmehr um eine Patientin handelt, die vorgibt, die Klinik zu leiten. Sie könnte sich nur einbilden, die Leiterin zu sein und dies so verinnerlicht zu haben, dass sie ihre Rolle perfekt spielt und niemand ihr etwas anmerkt. Für diese Theorie sprechen beispielsweise die merkwürdigen, teils unlogischen Regeln, die die Leiterin und Oberärztin aufstellt: In ihrem psychisch kranken Kopf erstellt sie eine für sich perfekte Welt und trägt diese nach außen. Da es sich bei ihr um die (vorgebliche) Leiterin und zudem eine Ärztin handelt, stellt niemand ihre Vorgaben infrage. Gegen diese Theorie spricht, dass im Text davon die Rede ist, dass Mathilde von Zahnd die Einrichtung erst eröffnet habe: »Mein Vater, Geheimrat August von Zahnd. Er hauste in dieser Villa, bevor ich sie in ein Sanatorium umwandelte.« Hierbei handelt es sich allerdings um ihre eigene Aussage und da sie aufgrund ihrer psychischen Erkrankung nicht als zuverlässige Quelle gelten kann, lässt sich anzweifeln, ob ihre Aussage überhaupt der Wahrheit entspricht.

Weitgehende Einigkeit herrscht in der Forschung in Bezug auf die Frage, was Dürrenmatt mit seinem Text aussagen will und welche Botschaft er damit an die Menschheit richtet: Zum einen sollte man wichtigen, weltpolitischen Konflikten ruhig und besonnen gegenübertreten und durch vernünftige Gespräche eine gemeinsame Lösung anstreben (so wie Möbius dies tut), zum anderen soll der Text den Lesern auch die Gefahr näher bringen, die von Forschung und Wissenschaft ausgehe, wenn sie in die falschen Hände gerate und für die falschen Zwecke verwendet werde. In diesem Zusammenhang mahnt er, Wissenschaftler sollten nicht unvernünftig handeln oder sich von ihrem Ehrgeiz und einer persönlichen Bereicherung leiten lassen; die Moral und das Wohlergehen der Menschheit müssen im Vordergrund stehen. 

Es stellt sich die Frage, wieso Möbius erst relativ spät im Stück erscheint und nicht schon zu Beginn, obwohl er ein Protagonist ist und Dürrenmatt ihm eine besondere Rolle zukommen lässt, indem er anhand dieser Figur vernünftige Handlungsoptionen aufzeigt. Möglicherweise soll auf diese Weise offensichtlich gemacht werden, dass auch Möbius nur ein Rädchen im Getriebe ist und in der Masse untergeht: So sehr er sich auch bemüht, er kann die Katastrophe nicht aufhalten. Möbius erst später auftreten zu lassen unterstreicht zudem das Vorhaben des Physikers, sich mit seinem Manuskript zurückziehen zu wollen; es betont die demütige, zurückhaltende und aufopferungsvolle Art und Weise des Protagonisten.

Veröffentlicht am 12. Oktober 2022. Zuletzt aktualisiert am 12. Oktober 2022.