Fräulein Else

Figuren (Charakterisierung)

  • Else

    Else T. ist die neunzehnjährige, aus Wien stammende Protagonistin der Erzählung, die gesamte Handlung wird aus ihrer Perspektive geschildert. Dabei erfährt der Leser aus ihrem Erzählstil und den Aussagen, dass sie sensibel, leicht zu irritieren und sehr sprunghaft ist. So kann sie sich nicht auf eine Entscheidung festlegen, sondern springt zwischen ihren Möglichkeiten hin und her. Das betrifft auch ihre Überlegungen im Hinblick auf das Sterben: Sie denkt über ihren eigenen Suizid nach, verwirft den Gedanken daran aber wieder und zieht andere Möglichkeiten heran, gelangt letzten Endes aber immer wieder zurück zu dem Gedanken an ihren Suizid.

    Ihre Sprunghaftigkeit ist zum einen in den gesellschaftlichen Zwängen begründet: Else wird in eine bestimmte Rolle gedrängt, sie erhält das Gefühl, nicht gut genug zu sein und will aus ihrer Rolle ausbrechen. Zum anderen kann vermutet werden, dass Else mit dreizehn Jahren vom Vater sexuell missbraucht wurde, woraus sich ein Trauma entwickelt haben könnte, das einerseits ihr Selbstwertgefühl weiter beeinträchtigt hat und das andererseits dazu geführt haben könnte, dass Else eine starke Abhängigkeit zum Vater zeigt. Diese Abhängigkeit äußert sich darin, dass Else ihren Vater in Schutz nimmt, obwohl er es ist, der sie in ihre gegenwärtige, missliche Situation gebracht hat. Zudem ist sie die einzige, die ihn nicht als Mörder bezeichnet und ihn sogar am liebsten mit in den Tod nehmen würde. Zwar kritisiert auch Else ihn, aber nicht so stark, wie sie dies bei der Mutter tut, die sie als manipulativ und »dumm« darstellt. Das Verhältnis zu beiden Elternteilen ist enorm geschädigt und bleibt letztlich ungelöst. Else tendiert dazu, die anderen Figuren genau zu beobachten, zu beurteilen und zu kritisieren, teilweise sogar zu beleidigen – zumindest in ihren Gedanken. Da alle anderen Figuren aus ihrer Perspektive beschrieben werden, können diese nicht objektiv charakterisiert werden.

  • Dorsday

    Herr von Dorsday ist ein älterer, wohlhabender Bekannter der Familie T. Er stimmt zu, der Familie Geld zu leihen, will im Gegenzug allerdings Else für eine Viertelstunde nackt sehen – dadurch kann er als lüstern beschrieben werden. Er selbst bezeichnet sich als »einsam« und begründet damit sein fragwürdiges Verhalten. Else charakterisiert ihn als »künstlich« und »unsympathisch«. Dorsday weist außerdem Parallelen zum Schriftsteller Arthur Schnitzler auf: Beide sind jüdische Männer Anfang 60 – möglicherweise hat Schnitzler diese Figur also als ironische Referenz auf sich selbst kreiert. Interessant ist außerdem der Name »Dorsday«: Einerseits kann man daraus das englische Wort »door« ableiten, was im Deutschen »Tür« bedeutet und symbolisch dafürstehen kann, dass Dorsday für die junge Else einen Ausweg aus ihrer Situation bedeutet, denn mit Dorsdays Forderung hat sie plötzlich einen triftigen Grund für ihre Selbsttötung. Andererseits kann man aus dem Namen »Dorsday« auch den Begriff »doomsday« herauslesen, also die Bezeichnung für den Weltuntergang respektive Tag des Jüngsten Gerichts. Dieser Tag ist für Elses ganz persönliche, innere Welt gekommen; Dorsday leitet die Katastrophe ein, die für sie nur in der Selbstzerstörung enden kann. Dorsday scheint kein wirkliches Mitgefühl für Else zu empfinden. Dass er am Ende der Erzählung an Elses Tür klopft, kurz nachdem diese in ihr Zimmer getragen wurde, lässt sich eher damit begründen, dass er neugierig das Geschehen verfolgen will, als dass er sich um sie sorgt.

  • Mutter von Else

    Man erfährt von der Mutter nicht viel mehr als den Inhalt der Briefe. Einerseits kann sie als fürsorglich und unterstützend charakterisiert werden, da sie sich um ihren Mann sorgt und eine Lösung für sein Dilemma zu finden versucht. Andererseits gibt sie sich fordernd, egoistisch und manipulativ, weil sie sowohl die Verantwortung als auch die Schuld in Elses Aufgabenbereich überträgt und sie in eine für die Tochter unerträgliche Situation bringt. Else beschreibt die Mutter außerdem als »dumm«, was sie damit begründet, dass die Mutter es entweder nicht gemerkt habe, mehrere Male von ihrem Mann betrogen worden zu sein oder es gewusst, aber hingenommen beziehungsweise akzeptiert habe. Else sieht die Mutter als eine Komplizin des Vaters, wobei die Mutter als ein viel schlechterer Mensch charakterisiert wird – möglicherweise, weil die Mutter ihr damit den letzten Halt, nämlich den mütterlichen Schutz, entreißt. Stattdessen nimmt sie es in Kauf, die Tochter zu verraten, ihre Vorwürfe zu machen und sie der möglichen Prostitution auszusetzen.

  • Vater von Else

    Der Vater arbeitet als Jurist, ist spielsüchtig, verschuldet und seiner Ehefrau untreu. Es lässt sich vermuten, dass er seine Tochter in der Vergangenheit sexuell missbraucht hat. Auf eben jene Tochter ist er angewiesen, um seine Schulden begleichen zu können und damit einer Verhaftung zu entgehen. Dabei hat er bereits seit sieben Jahren immer wieder finanzielle Probleme und benötigte dafür immer wieder die Hilfe anderer. Im Laufe der Zeit haben sich mehr und mehr Freunde und Familienmitglieder abgewandt und ihm die Hilfe versagt, was die Brüchigkeit seiner Beziehungen vor Augen führt. Er repräsentiert damit eine in der Gesellschaft verbreitete Oberflächlichkeit, die keine tiefergehenden Verbindungen zulässt.

    Elses Vater wirkt gewissenlos und egoistisch, weil er es bedenkenlos in Kauf nimmt, dass seine eigene Tochter sich für ihn möglicherweise sogar prostituieren muss. Er scheint auch sein eigenes Verhalten nicht reflektieren zu wollen: Er fühlt sich nicht schuldig, denkt nicht über seine Fehler nach und entwickelt dementsprechend auch keine Lösungsansätze dafür, wie er sich in Zukunft besser verhalten könnte. Außerdem ist die gesellschaftliche Ehre seine höchste Priorität – er stellt sie über seine Tochter, deren Wohlergehen und ihre psychische Verfassung. Else beschreibt ihren Vater dennoch als »seelengut«, wobei diese Beurteilung auch ein Resultat ihrer emotionalen Abhängigkeit sein könnte.

  • Cissy

    Cissy ist eine verheiratete Mutter, die eine geheime Beziehung mit Elses Cousin Paul führt, damit also ihren Ehemann betrügt und als hinterhältig und unehrlich charakterisiert werden kann. Laut Else ist sie außerdem neidisch auf Elses Aussehen und Wirkung auf Paul. Die neunzehnjährige Protagonistin hingegen ist nicht neidisch auf die Konkurrentin, sondern verachtet diese vielmehr, was sie vor allem auch damit begründet, dass Cissy ihre Tochter vernachlässige – möglicherweise sieht Else darin Parallelen ihrer eigenen Kindheit und projiziert hier die negativen Erfahrungen und Gefühle hinsichtlich ihrer Eltern auf Cissy.

    Cissy scheint viel mehr über die Rivalität der beiden Frauen im Hinblick auf Paul nachzudenken, als Else dies tut. Während Else Paul nicht für sich gewinnen will und sich ihrer eigenen Schönheit bewusst ist, scheint Cissy sich um ihre Beziehung zu Paul zu sorgen, sie begehrt Paul und betrachtet Elses Erscheinungsbild voller Neid. Ihr Verhalten ist Ausdruck ihres eifersüchtigen und ängstlichen Wesens, das Else ihr in ihrer Erzählung zuschreibt: Als Paul die scheinbar bewusstlose Else versorgt, scheint Cissy sich nicht um die junge Frau zu kümmern, sondern ist damit beschäftigt, Paul zu küssen und sich in negativer Weise über Else zu äußern, die in diesem Moment nicht darauf reagieren kann. Cissy ist außerdem nicht in der Lage, sich in Elses Gefühls- und Gedankenwelt zu versetzen, sie repräsentiert damit den Egoismus und die Künstlichkeit innerhalb der Gesellschaft.

  • Paul

    Paul ist Elses Cousin und damit Tante Emmas Sohn. Er arbeitet als Frauenarzt und gehört der gehobenen Schicht an. Im Gegensatz zu Else scheint er sich dieser Schicht angepasst zu haben und nicht den Drang zu verspüren, aus ihr auszubrechen. Er hat eine Affäre mit Cissy, ist im Gegensatz zu dieser aber nicht vergeben. Laut Else ist Paul ein »dummer Bub‘, aber lieb«; weiterhin scheint er fürsorglich zu sein, da er sich Sorgen macht, als Else nicht zum Abendessen erscheint. Auch beschreibt Else ihn als gut aussehend und Else scheint ihn zu mögen, eine potentielle Liebesbeziehung schließt sie jedoch aus, weil auch er ihr zu künstlich und oberflächlich ist. Dennoch findet sie ihn anziehend und betrachtet Cissy, Pauls Affäre, als Konkurrentin. Überwiegend nimmt Paul aber die Rolle des beschützenden Bruders für Else ein, sodass sie sich insgeheim sogar wünscht, dass er mit ihr zu dem Gespräch mit Dorsday kommt. Diese brüderliche Rolle nimmt Paul vor allem am Ende der Erzählung ein, als er Else nach ihrem Zusammenbruch versorgt und sich um sie kümmert, dabei scheint er sich für das Benehmen von Cissy und seiner Mutter zu schämen.

  • Tante Emma

    Die wohlhabende Tante Emma lädt Else zum Urlaub ein, dennoch scheinen die beiden einander nicht besonders zu mögen. Warum sie Else dennoch einlädt, bleibt offen. Zwar ist die Tante reich und zählt zur Verwandtschaft, dennoch verbietet Elses Mutter ihrer Tochter, Tante Emma um finanzielle Hilfe für den Vater zu bitten. Das Verhältnis zur Tante scheint so schlecht zu sein, dass die Mutter lieber die Prostitution ihrer Tochter in Kauf nimmt, als Tante Emma um Hilfe zu bitten. Auch das Verhältnis zwischen Else und ihrer Tante ist sehr gestört, was hauptsächlich von der Tante auszugehen scheint. Dabei scheint die Tante ähnliche Denk- und Verhaltensmuster wie Cissy aufzuweisen und sich auf deren Seite zu stellen, vor allem, was Paul betrifft: So wird Else nicht nur von Cissy, sondern auch von Tante Emma unterstellt, eine Liebschaft mit Paul anzustreben. Elses nackten Auftritt und anschließenden Zusammenbruch nimmt die Tante mit großer Bestürzung zur Kenntnis: »Du wirst sehen, es kommt in die Zeitung!« Sie zieht für sich die Konsequenz, im Folgenden nichts mehr mit Else zu tun haben zu wollen oder mit ihr gesehen zu werden – sie will Else loswerden. Damit offenbart sie ihren kalten, egoistischen und oberflächlichen Charakter; sie stellt ihren Ruf und ihre gesellschaftliche Anerkennung über das Wohlergehen der eigenen Familie.

Veröffentlicht am 4. Oktober 2022. Zuletzt aktualisiert am 4. Oktober 2022.