Fräulein Else

Abschnitt 2

Zusammenfassung

Nachdem Else den Brief der Mutter erhalten hat, liest sie diesen in ihrem Hotelzimmer: Elses Vater soll wegen der Veruntreuung von Mündelgeldern verhaftet werden. Abwenden lasse sich die Verhaftung durch Zahlung von dreißigtausend Gulden, die Else als Darlehen von dem Kunsthändler Dorsday beschaffen soll, der im selben Hotel wie Else wohnt. Else schämt sich und gibt ihrem Vater die Schuld an ihrer peinlichen Situation. Es ist nicht das erste Mal, dass ihr spielsüchtiger Vater in finanzieller Bedrängnis ist, und Else fürchtet, auch nicht zum letzten Mal. Else malt sich in ihrem Kopf verschiedenen Szenarien aus, wie dieses Gespräch aussehen könnte. Daraufhin zieht sie sich um und verlässt den Raum.

Analyse

Als Else den Brief der Mutter liest, erhält der Leser den Eindruck, als handele es sich um ein Gespräch zwischen Mutter und Tochter. Dieser Eindruck wird dadurch erweckt, dass Else den Brief immer wieder unterbricht, um die Aussagen der Mutter zu kommentieren. Auch stellt Else Fragen (beispielsweise: »Um Gottes willen, was heißt das?«), die unbeantwortet bleiben, dem Leser allerdings die Möglichkeit bieten, die Aussagen der Mutter zu reflektieren. Die Tatsache, dass die Mutter einen Brief schreibt, anstatt persönlich oder zumindest telefonisch mit Else über das Problem zu sprechen, ist Ausdruck der gestörten Beziehung zwischen Tochter und Eltern: Es fehlt an Direktheit, offene Fragen werden nicht geklärt und Else hat keine Möglichkeit, frei zu entscheiden.

Der Brief offenbart außerdem den manipulativen Charakter der Mutter: Schon zu Beginn des Briefes zielt sie auf Elses Mitleid ab (»Aber nach reiflicher Überlegung bleibt mir wirklich nichts anderes übrig. Also, kurz und gut, die Sache mit Papa ist akut geworden«), um die Tochter dahingehend zu beeinflussen, dass sie die Angelegenheit klärt und den Vater rettet. Diese Beeinflussung steigert sich im Verlauf des Briefes immer mehr, bis die Mutter schließlich die gesamte Verantwortung auf Else überträgt und andeutet, dass es Elses Schuld sei, falls der Vater seine Schulden nicht bezahlen könne (»Glaub mir, du vergibst dir nicht das Geringste, mein geliebtes Kind.«)

Veröffentlicht am 4. Oktober 2022. Zuletzt aktualisiert am 4. Oktober 2022.