Iphigenie auf Tauris

Aufbau des Werkes

»Iphigenie auf Tauris« ist ein sogenanntes »geschlossenes« Drama. Diese Dramenform geht auf die »Poetik« des griechischen Gelehrten Aristoteles (384–322 v. Chr.) zurück. Er forderte in seiner Dramentheorie die drei Einheiten von Zeit, Raum und Handlung. Man bezeichnet sie aufgrund dieser Urheberschaft auch als »aristotelische Einheiten«. Weitere Merkmale des Dramas nach Aristoteles sind die klar strukturierte Handlung, die dem Prinzip der Kausalität folgt und auf einen dramaturgischen Höhepunkt zuläuft, sowie die festgelegte Struktur aus fünf Akten. Innerhalb der einzelnen Akte (Aufzüge) darf es unterschiedlich viele Szenen (Auftritte) geben.

Goethes »Iphigenie« entspricht wie die meisten klassischen Dramen diesen aristotelischen Prinzipien: Das Geschehen spielt sich innerhalb weniger Stunden eines Tages ab und die Spielzeit auf der Bühne entspricht der dargestellten Handlung. Es gibt nur einen einzigen Ort des Geschehens, nämlich das Wäldchen vor dem Diana-Tempel. Die Handlung ist logisch und übersichtlich aufgebaut; es gibt weder Brüche noch Nebenhandlungsstränge. Die fünf Akte bzw. Aufzüge des Dramas folgen inhaltlich einem bestimmten Spannungsaufbau.

Der erste Aufzug wird als Exposition bezeichnet. Er leitet die Handlung ein und bereitet auf das weitere Geschehen vor. Iphigenie stellt sich in ihrem Monolog quasi selbst vor, und das Publikum erfährt, woher sie stammt und in welcher Situation sie sich befindet. Um den Antrag von Thoas nicht annehmen zu müssen, gibt sie ihre Identität als Tantalidin preis. Thoas glaubt ihr nicht, ist erzürnt und kündigt an, die Menschenopfer wieder einzuführen, die sie abgeschafft hatte. 

Damit wird ein Angstmoment erzeugt und so der Übergang zum zweiten Akt hergestellt, der durch »steigende Handlung« gekennzeichnet ist, also erregende Momente und weitere Schwierigkeiten. Iphigenie erfährt im zweiten Akt, dass ihr Vater Agamemnon nicht mehr lebt. 

Im dritten Akt erkennen sie und ihr Bruder Orest einander wieder. Damit ist der Höhe- und zugleich Wendepunkt des Dramas angezeigt, die sogenannte »Peripetie«. Iphigenie wird sich des Loyalitätskonflikts bewusst, der sie zu einer Entscheidung für den Bruder Orest oder den Vertrauten Thoas zwingt. 

Der vierte Akt im geschlossenen Drama verlangsamt das Geschehen. Darum spricht man hier auch vom »retardierenden«, also verzögernden Moment. Iphigenie ist hin- und hergerissen zwischen ihren Loyalitäten und denkt über ihre Zwangslage nach. Auch Thoas hat zwei Entscheidungsmöglichkeiten. 

In der klassischen griechischen Tragödie schließt das Geschehen mit der Katastrophe im fünften Akt. Goethe hat den Konflikt jedoch aufgelöst und durch eine friedliche Einigung ersetzt, die durch das vernunftbetonte und humane Handeln der Figuren erreicht wird. Seine »Iphigenie« wird daher auch nicht als Tragödie, sondern als Schauspiel betitelt.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 13. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 13. Januar 2023.