Iphigenie auf Tauris

Zweiter Aufzug, 1.–2. Auftritt

Zusammenfassung

1. Auftritt | Orest. Pylades.

Die beiden fremden Gefangenen sind Iphigenies Bruder Orest und dessen enger Freund und Vetter Pylades. Sie folgen dem Auftrag des Gottes Apoll, der lautet, die Schwester nach Griechenland zurückzubringen. Orest versteht diesen Auftrag so, dass er das Standbild der Göttin Diana, Apolls Schwester, nach Hause bringen solle.

Orest hat in seiner Heimat Griechenland, dem Tantalidenfluch folgend, seine Mutter ermordet, um seinen Vater zu rächen. Seitdem wird er von Furien aus der Unterwelt verfolgt. Wenn Orest den Auftrag Apolls erfüllt, soll der Mord gesühnt sein und die Verfolgung durch die Furien ein Ende haben.

Orest weiß, dass ihm nach der Gefangennahme auf Tauris der Tod durch die Hand der Priesterin droht. Er sieht seiner eigenen Opferung gefasst entgegen, fürchtet aber um seinen Freund Pylades und fühlt sich schuldig, weil er den Unschuldigen in die Situation hineingezogen hat.

Anders als Orest ist Pylades tatsächlich noch keineswegs bereit, ins Totenreich hinabzusteigen. Er ist optimistisch, dass er und Orest gerettet werden können, und erinnert den Freund an das Versprechen des Apoll. Außerdem spricht er über ihre gemeinsamen Jugendjahre und den Beginn ihrer Freundschaft.

Auch Orest erinnert sich an ihre Kindheit und Jugend und die hochfliegenden Pläne, die die Freunde zu jener Zeit hatten. Doch inzwischen ist er deprimiert und hat den Eindruck, jedem, dem er begegnet, nur Unheil zu bringen. Er möchte die Ahnenreihe vom Fluch befreien und ist dafür bereit zu sterben. Pylades versucht, seinen Freund zu beruhigen und erzählt von der unbekannten Priesterin, die die Fremden schütze. Er will diese Priesterin zunächst allein treffen.

2. Auftritt | Iphigenie. Pylades.

Iphigenie und Pylades erkennen sich gegenseitig als Griechen, verschweigen jedoch beide ihre Identität. Pylades stellt sich und Orest als Brüder vor und nennt dabei die falschen Namen Cephalus und Laodamas. Er behauptet, dass sein Gefährte wegen Brudermordes aufgrund eines Erbstreits von den Furien verfolgt werde.

Dann erzählt Pylades vom Fall Trojas. Iphigenie erfährt zunächst vom Tod vieler griechischer Helden, bevor Pylades ihr – ohne zu wissen, wen er vor sich hat – die furchtbaren Verbrechen ihrer Familie berichtet. Als Agamemnon aus dem Krieg heimgekehrt sei, habe ihn Klytämnestra unter Beihilfe ihres Geliebten Ägisth umgebracht. Damit habe sie den Tod ihrer Tochter Iphigenie rächen wollen, die von Agamemnon den Göttern geopfert worden sei. Iphigenie wendet sich bestürzt ab. Pylades erkennt ihre innere Bewegung und vermutet, dass sie dem Königshaus nahesteht.

Analyse

Mit dem zweiten Aufzug beginnt die steigende Handlung im Drama. Sie wird eröffnet mit einem kontroversen Dialog der beiden Gefangenen Orest und Pylades, der die unterschiedlichen Wesensmerkmale der beiden herausstreicht.

Den Auftakt in der ersten Szene bildet Orests Bekenntnis, seinen Opfertod zu akzeptieren. Er will so endlich den Fluch auflösen, den die Götter auf das Geschlecht der Tantaliden gelegt haben. Sein eigener Mord an seiner Mutter Klytämnestra ist die letzte in einer Reihe furchtbarer Taten, die die Angehörigen dieses Geschlechtes begangen haben. Orest sieht keine andere Möglichkeit als die Todesbereitschaft, um der Verfolgung durch die Erynnien und damit dem Wahnsinn zu entkommen. Indem er freiwillig in den Tod geht, glaubt er, dem Willen der Götter zu entsprechen.

Dieser Haltung steht die kämpferische und lebensbejahende Haltung seines Freundes Pylades entgegen: »Ich bin noch nicht, Orest, wie du bereit,/ In jenes Schattenreich hinabzugehn.« (V. 596 f.) Überaus pragmatisch und durchaus kaltblütig ist Pylades‘ Überlegung, dass der Tod so oder so komme und er darum bis zum letzten Augenblick den Gedanken an eine Rettung festhalten werde: »Wenn die Priesterin/ Schon unsre Locken weihend abzuschneiden/ Die Hand erhebt, soll dein‘ und meine Rettung/ Mein einziger Gedanke sein.« (V. 605–608)

Anschließend erinnern beide sich der Vergangenheit; Orest, um sich die grausamen Taten seiner Vorfahren und die dunklen Schatten über seiner Kindheit zu vergegenwärtigen und so seine Todesbereitschaft erneut zu unterstreichen; Pylades, um seinem Freund das Bild ihrer Jugendideale vor Augen zu führen und ihm damit neuen Lebensmut zu geben: »Uns gebe die Erinnrung schöner Zeit/ Zu frischem Heldenlaufe neue Kraft.« (V. 630 f.)

Pylades verlegt die Verfolgung Orests durch die Furien in dessen eigenes Inneres und erweist sich damit als kluger Menschenkenner, fast schon als moderner Psychologe: »Du mehrst das Übel/ Und nimmst das Amt der Furien auf dich.« (V. 756 f.) Außerdem ist er ein gewiefter Stratege, der Orest offenbar nicht zutraut, sich in dieser Situation geschickt zu verhalten. Pylades plant, sich mit Iphigenie zu treffen. Anschließend solle Orest ebenfalls mit ihr sprechen, aber: »Und eh sie mit dir spricht treff ich dich noch.« (V. 797)

Die Handlung steigt weiter an, als Pylades sich zu Iphigenie begibt, um im Gespräch mit ihr die Situation zu erforschen. Er hofft, Hinweise zu bekommen, die ihm und Orest bei einer Flucht behilflich sein könnten. Dabei erkennt er Iphigenies tiefe Bewegung, als er vom Schicksal ihrer Eltern berichtet, und ahnt, dass sie in Beziehung zum Königshaus steht. Seine Mission ist somit ein voller Erfolg, und es sind seine hoffnungsvollen Worte, die passend dazu den zweiten Aufzug beschließen: »Nur stille, liebes Herz/ Und lass dem Stern der Hoffnung, der uns blinkt,/ Mit frohem Mut uns klug entgegensteuern.« (V. 925)

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 13. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 13. Januar 2023.