Iphigenie auf Tauris

Prüfungsfragen

  • Beschreiben Sie den Aufbau des Dramas und erläutern Sie, warum er aristotelischen Vorgaben entspricht.

    Aristoteles forderte in seiner »Poetik« die Einheit von Handlung, Zeit und Raum. Alle drei Einheiten sind in Goethes »Iphigenie« gegeben. Der Zeitraum der dargestellten Handlungsabläufe erstreckt sich über wenige Stunden eines Tages und ist deckungsgleich mit dem Spielgeschehen auf der Bühne. Einziger Handlungsort ist das Wäldchen vor dem Diana-Tempel.

    Die Handlung ist linear und in sich kongruent. In fünf Akten wird der klassische Aufbau eingehalten:

    1. Exposition, 2. steigende Handlung, 3. Höhepunkt (Peripetie), 4. retardierendes Moment, 5. Katastrophe bzw. Lösung des Konfliktes.

  • Charakterisieren Sie die Hauptfigur Iphigenie im Kontext des klassischen Humanitätsideals.

    Iphigenie kann den Tantalidenfluch lösen, indem sie Thoas gegenüber vollkommen ehrlich ist und damit Orest, Pylades und sich selbst ganz und gar seinem Willen ausliefert. Durch ihr moralisches Handeln wird Thoas ebenfalls zu einer humanen Entscheidung veranlasst. Er gibt Iphigenie frei und lässt alle drei nach Griechenland zurückkehren. Beeinflusst durch die europäische Aufklärung, stehen Freiheit, Würde und Selbstbestimmung im Mittelpunkt des klassischen Menschenbildes.

    Der glückliche Ausgang des Dramas legitimiert das selbstverantwortliche Handeln Iphigenies, das diesem klassischen Humanitätsideal entspricht. Goethe »folgt damit der durch Johann Joachim Winckelmann begonnenen Idealisierung der Antike, die sie zur Projektionsfläche der eigenen, gegenwärtigen Wunschvorstellungen macht.« (Stefan Matuschek, Klassisches Humanitätsideal: Goethes Iphigenie und ihr Nachhall, zitiert nach Kämper)

  • Warum erscheint Pylades in mancher Hinsicht als Gegenpol zu Orest?

    Pylades ist der Cousin von Orest und zugleich sein bester und engster Freund. Die beiden sind gemeinsam aufgewachsen und haben in ihrer Jugend dieselben Ideale geteilt. Dabei unterscheiden sie sich wesensmäßig. Während Orest sich nach der Gefangennahme auf Tauris seiner Verzweiflung hingibt, bewahrt Pylades in jeder Situation einen kühlen Kopf. Er ist optimistisch und lebenspraktisch. Pylades beweist sich in jedem Moment als treuer Freund Orests, der ihm hilft, aus seiner Resignation und Todesnähe herauszufinden. Mit List und Einfallsreichtum plant er die Flucht. Während Orest stärker von seinem Gefühl geleitet wird, ist Pylades eher vernunftbetont, obwohl er auch stürmisch sein kann. So ist er zum Beispiel bereit, mit dem Schwert für die Befreiung seines Freundes zu kämpfen.

  • Wie hat sich die Sichtweise auf König Thoas im Laufe der Rezeptionsgeschichte verändert?

    Dramas ein deutlich anderes Bild von Thoas gezeichnet als zur Goethezeit und im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Man sieht ihn nicht mehr als einen »gefährlichen Barbaren, der durch Iphigenie missioniert wird« (Kämper 109), sondern weist verstärkt darauf hin, dass ihn mehr mit den Griechen verbindet als von ihnen trennt. Im Dialog sind Thoas und sein engster Vertrauter Arkas ebenbürtige Partner für Iphigenie, Orest und Pylades. Der Gewissenskonflikt Iphigenies wäre auch gar nicht schlüssig, wäre Thoas tatsächlich der brutale Tyrann, als den ihn frühere Deutungen gesehen haben. Adorno hat angesichts dessen sogar auf die Ungerechtigkeit des Ausgangs hingewiesen, »daß der Skythenkönig, der real weit edler sich verhält als seine edlen Gäste, allein, verlassen übrig ist.« (Theodor W. Adorno, Zum Klassizismus von Goethes Iphigenie, zitiert nach Kämper)

  • Wie fließt der zeitgeschichtliche Hintergrund des späten 18. Jahrhunderts in das Drama ein?

    kennzeichnen die Epoche. So wird 1776 im Kongress der Vereinigten Staaten die amerikanische Unabhängigkeitserklärung verabschiedet, und in Frankreich befindet man sich im Erscheinungsjahr der »Iphigenie« (1787) am Vorabend der Revolution. Auch in den deutschen Kleinstaaten regt sich Unmut gegenüber Adel und Klerus. Befeuert wird dieser durch Philosophen der Aufklärung wie Immanuel Kant, die das Volk zur Infragestellung überkommener Systeme ermuntern.

    In Iphigenies Konflikt mit Thoas spiegelt sich die Auseinandersetzung des freien Individuums mit veralteten Regelwerken wider. Iphigenie ist ihren eigenen ethischen Maßstäben verpflichtet, prüft diese aber zugleich, wie von Kant mit seinem »kategorischen Imperativ« gefordert, hinsichtlich ihrer Sinnhaftigkeit für das Gemeinwesen. Thoas steht für das alte Herrschaftssystem. Er ist dabei kein Tyrann, der aus persönlichem Machtstreben heraus handelt, sondern seinerseits nur ein Organ, das überpersönliche, traditionelle Richtlinien zur Anwendung bringt. Dies entspricht dem Selbstverständnis eines absolutistischen Monarchen, von Gott eingesetzt worden zu sein und sich darum auf das sogenannte »Gottesgnadentum« berufen zu können.

  • Vergleichen Sie »Iphigenie auf Tauris« mit »Götz von Berlichingen« und stellen Sie Unterschiede heraus.

    In der Sprache des Sturm und Drang findet man umgangssprachliche Wendungen, Dialektwörter, abgebrochene Sätze und Kraftausdrücke. Ein berühmtes Beispiel aus Goethes Sturm-und-Drang-Phase ist sein »Götz von Berlichingen« (1773) mit der frechen Provokation: »Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsch lecken«. Kaum etwas könnte dem Drama der Weimarer Klassik mit seiner durchgehend gehobenen und feierlichen Sprache ferner sein. (vgl. Abschnitt »Sprache und Stil«)

    Goethe kehrt mit »Iphigenie auf Tauris« zur klassischen aristotelischen Einheit von Raum, Zeit und Handlung zurück, die er im »Götz« ganz bewusst durchbrochen hatte. Darüber hinaus ist die Figur des aufrührerischen Ritters in vielem ein Gegenmodell zur Protagonistin Iphigenie. Götz erscheint als typisch genialischer »Kraftmensch« des Sturm und Drang. Zwar ist Iphigenie genau wie er ihrem eigenen Gewissen verpflichtet. Sie zeigt aber selbst bei starker innerer Bewegung nach außen Würde und Maß und verhält sich nie ungestüm oder impulsiv.

  • Worin unterscheidet sich das Drama von der antiken Vorlage des Euripides?

    Auch bei Euripides begibt sich Orest auf Geheiß Apollons nach Tauris, um »die Schwester« nach Griechenland zu bringen und so von der Verfolgung durch die Erynnien erlöst zu werden. Bei Euripides gibt es jedoch kein Missverständnis in der Deutung des Wortes »Schwester«. Was Orest versteht, ist genau so auch von Apoll gemeint: Er soll ihm die Statue von Apolls Schwester, der Diane (griech. »Artemis«) bringen, nicht etwa seine eigene Schwester Iphigenie. Orest und Iphigenie erkennen sich bei Euripides nur durch ein rein äußerliches Handlungselement, während sie sich bei Goethe im Gespräch aufgrund großer innerer Bewegtheit offenbaren.

    Den entscheidenden Konflikt, Bleiben oder Flucht, verlegt Goethe ebenfalls vom äußeren Geschehen in die Innenwelt und das Gewissen Iphigenies. Bei Euripides will Iphigenie eindeutig mit Orest und Pylades fliehen, und die Frage ist lediglich, ob ihre Flucht gelingt. Als ihre Pläne verraten werden, greift die Göttin Athene ein, um sie zu retten – ein klassisches Beispiel für das »deus ex machina«-Prinzip, also das Eingreifen einer Göttergestalt von außen. Bei Goethe wird demgegenüber der positive Ausgang allein durch die richtigen Entscheidungen und das moralische Handeln der Protagonisten bewirkt.

  • Was versteht man unter »Stichomythie« und wo wird diese eingesetzt?

    Die schnelle und zeilenweise abwechselnde Rede in einem dramatischen Dialog wird als »Stichomythie« bezeichnet. Jeder Person innerhalb dieser Wechselrede kommt abwechselnd eine Zeile bzw. ein Vers zu. Die Stichomythie ist daher auch unter dem deutschen Wort »Zeilenrede« bekannt. Sie wirkt rasant, lebhaft und steigert die Spannung in einem Streitgespräch oder einer emotionalen Auseinandersetzung. In »Iphigenie auf Tauris« wird sie darum vor allem dort eingesetzt, wo Thoas (oder Arkas) und Iphigenie im raschen Schlagabtausch ihre gegensätzlichen Weltanschauungen präsentieren. Das rasche Hin und Her der Argumente unterstreicht den Konflikt, ja verschärft ihn:

    Thoas: Es spricht kein Gott; es spricht dein eignes Herz.
    Iphigenie: Sie reden nur durch unser Herz zu uns.
    Thoas: Und hab Ich, sie zu hören, nicht das Recht?
    Iphigenie: Es überbraust der Sturm die zarte Stimme.
    Thoas: Die Priesterin vernimmt sie wohl allein?
    Iphigenie: Vor allen andern merke sie der Fürst. (S. 18)

  • Erläutern Sie die Vorgeschichte des Dramas und den Tantalidenfluch.

    Der Tantaliden- oder Atridenfluch ist eines der Hauptmotive der griechischen Mythologie. Der Sage nach war Tantalos ein Halbgott, reicher König und Liebling der Götter. Er durfte als Sohn des Zeus sogar mit ihnen auf dem Olymp speisen. Bei einem Festmahl, das er seinerseits für die Götter veranstaltete, setzte er ihnen seinen geschlachteten Sohn Pelops vor, um zu testen, ob sie allwissend wären. Sie durchschauten ihn, stießen ihn in die Unterwelt hinab und belegten seine Nachkommen mit einem Fluch. Über fünf Generationen hinweg sollten nun Morde und Gewalt die Familiengeschicke der Tantaliden bestimmen. Iphigenie entstammt diesem Geschlecht. Auch ihre Familie ist dem Fluch unterworfen: Ihr Bruder Orest tötete ihre Mutter Klytämnestra, um seinen Vater Agamemnon zu rächen. Klytämnestra wiederum hatte, zusammen mit ihrem Geliebten Ägisth, ihren Ehemann getötet. Sie dachte, er wäre für Iphigenies Tod verantwortlich, und wusste nicht, dass ihre Tochter von der Göttin Diana gerettet worden war.

  • Interpretieren Sie das Parzenlied im 5. Auftritt des 4. Aufzugs.

    In ihrem großen Monolog im 5. Auftritt des 4. Aktes erinnert sich Iphigenie an das Parzenlied und zitiert es. Zugleich endet der 4. Akt mit dem Lied. Bei den sechs Strophen (V. 1726–1766) von ganz unterschiedlicher Länge (einmal fünf, zweimal sechs, zweimal sieben und einmal zehn Verse) handelt es sich um einen längeren Abschnitt im Drama, der komplett vom Blankvers abweicht. Dies geschieht zugunsten eines zweihebigen Verses, der hart und schroff wirkt. Das Metrum lässt sich nicht eindeutig bestimmen. Zwar enthält es jambische Elemente, die jedoch immer wieder abbrechen.

    So erscheint das Parzenlied insgesamt wie ein Fremdkörper im Textzusammenhang. Bereits dadurch, dass es von Iphigenie zitiert wird, ist es herausgehoben, denn überall sonst sprechen die Figuren in direkter Rede. Mit der schwer zugänglichen Strenge seiner Form, die in großem Kontrast zur Schönheit und Eleganz des Blankverses steht, werden Härte und Unerbittlichkeit der Schicksalsgöttinnen illustriert. Steht der Blankvers für die zivilisierte Rede, mit der die handelnden Personen in Dialog treten und eine Konfliktlösung suchen, so ist das Parzenlied Ausdruck roher und gewaltsamer Kräfte, auf die das Individuum keinen Einfluss hat.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 13. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 13. Januar 2023.