Iphigenie auf Tauris

Sprache und Stil

Die Figuren der »Iphigenie« sprechen allesamt gehoben, wenn nicht artifiziell. Das gilt für die »edlen« Griechen ebenso wie für die »rohen« Skythen. Dabei entsteht der feierliche Eindruck nicht nur durch den Blankvers, sondern auch durch zahlreiche Inversionen, Enjambements (Vers- bzw. Zeilensprünge), gesuchte Bilder und den sentenzhaften Charakter vieler Verse. Die Verwendung dieser gehobenen Sprache ist Ausdruck der noblen Gesinnung der handelnden Figuren und transportiert damit auch formal die idealistischen und humanistischen Werte, die inhaltlich zum Ausdruck gebracht werden. Dennoch rief die Verwendung dieser Sprache bei manchen Zeitgenossen Goethes Kritik hervor, waren sie doch mittlerweile die natürliche Sprache der Sturm-und-Drang-Dichtungen gewohnt.

Die Fassung von 1787, von der hier ausschließlich die Rede ist, ist nahezu durchgängig in fünfhebigen Jamben ohne Reim verfasst. Der reimlose fünfhebige Jambus (= »Blankvers«) ist ein bevorzugtes Versmaß in der Literatur der deutschen Aufklärung und Klassik. Gotthold Ephraim Lessing verwendete ihn bereits in seinem Drama »Nathan der Weise«, das 1779 veröffentlicht wurde, also im selben Jahr, in dem die Prosafassung der »Iphigenie« uraufgeführt wurde.

Nur wenige Verse weichen vom Blankvers ab. Wo dies geschieht, wird es bewusst eingesetzt, um inhaltliche Aspekte oder Charaktermerkmale der Figuren hervorzuheben. Als Iphigenie von Thoas über Orest und Pylades befragt wird und sie ihre Beziehung zu ihnen nicht preisgeben kann, sagt sie: »Sie sind – sie scheinen – für Griechen halt ich sie« (V. 1889). Das sprachliche Stolpern demonstriert, wie fremd Iphigenie die Lüge ist und wie schwer es ihr fällt, nicht die volle Wahrheit offenbaren zu können.

Eine wichtige längere Textstelle, die vom Blankvers abweicht, ist das Lied der Parzen (V. 1726–1731), das Iphigenie ihrem Monolog im fünften Auftritt des vierten Aktes folgen lässt und mit dem dieser Akt zugleich endet. Es wirkt wie ein harter Fremdkörper innerhalb der übrigen Textgestalt (vgl. Abschnitt »Prüfungsfragen«, Aufgabe 10), was seine herausgehobene Bedeutung betont.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 13. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 13. Januar 2023.