Iphigenie auf Tauris

Dritter Aufzug, 1.–3. Auftritt

Zusammenfassung

1. Auftritt | Iphigenie. Orest.

Orest befindet sich im Tempel der Diana und erwartet seinen Tod. Iphigenie ist als Priesterin bei ihm und löst seine Fesseln, um ihm Erleichterung zu verschaffen. Die beiden erkennen einander nicht.

Iphigenie hört von dem vermeintlich Fremden, dass ihre Geschwister Orest und Elektra leben. Sie erhält aber auch die Bestätigung dessen, was sie bereits von Pylades erfahren hat: Orest hat ihre Mutter Klytämnestra ermordet. Sie ist tief betroffen und voller Mitgefühl für den seither von den Furien Verfolgten.

Überwältigt von ihrer Güte und Trauer, gibt Orest sich zu erkennen. Er rät Iphigenie, gemeinsam mit Pylades zu fliehen. Für sich selbst sieht er keine Hoffnung mehr.
Um Orest aus seiner Verzweiflung zu reißen, offenbart nun auch Iphigenie ihre Identität. Doch seine Schuld lastet so schwer auf ihm, dass er sich danach sehnt, durch die Hand seiner Schwester zu sterben und damit weiteren Seelenqualen zu entkommen. Als er ohnmächtig zusammensinkt, macht Iphigenie sich auf den Weg, um Pylades zu suchen, von dem sie Hilfe erhofft.

2. Auftritt | Orest.

Dem Wahnsinn verfallen, wähnt Orest sich in der Unterwelt, wo er seinen Vorfahren aus dem Geschlecht des Tantalus begegnet. Er sieht Atreus, Thyest und auch die von ihm getötete Klytämnestra. In seiner Vision versöhnt er sich mit all denen, die ihm, mit demselben Fluch belegt wie er, in den Hades vorausgegangen sind.

3. Auftritt | Orest. Iphigenie. Pylades.

Als Iphigenie und Pylades erscheinen, nimmt Orest in seiner anhaltenden Umnachtung an, dass auch diese beiden in die Unterwelt hinabgestiegen seien. Er sagt, dass im Hades jetzt nur noch die Schwester Elektra fehle, um das Tantalidengeschlecht auf Erden auszulöschen und damit den Fluch zu lösen.

Iphigenie fleht die Götter um Heilung für ihren Bruder an. Pylades ermahnt seinen Freund zur Vernunft. Der Fluch löst sich von Orest, er erwacht zu neuem Leben und neuer Tatkraft und dankt den Göttern. Dabei gibt er auch seiner Freude über die Wiederbegegnung mit seiner Schwester Ausdruck. Pylades mahnt zur Eile, um die geplante Flucht nicht zu gefährden.

Analyse

Iphigenies tiefes Mitgefühl für Orest und ihr gleichzeitiger Wunsch, ihn von seiner Todessehnsucht zu befreien, bilden eine Art Synthese der gegensätzlichen Haltungen von Orest und Pylades. Einerseits versteht Iphigenie ihren Bruder zutiefst. Sie gleichen sich in ihrer Verzweiflung über den Tantalidenfluch, in ihren hohen Idealen und ihrem Gefühlsreichtum. Andererseits fühlt Iphigenie sich aber auch Pylades im gemeinsamen Wunsch verbunden, einen Ausweg aus der gegenwärtigen Lage zu finden.

Orest steht für die Unterwerfung unter den Willen der Götter, Pylades für dessen geschickte Auslegung zu eigenen Zwecken; Iphigenie aber ist hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, göttlichem Willen zu folgen, und jenem, ihren Bruder zu retten. Als Orest bewusstlos zusammensinkt, kommt ihr sofort Pylades als Retter in den Sinn: »Wo bist du, Pylades?/ Wo find ich deine Hülfe, teurer Mann?« (V. 1256 f.). Anders als Pylades ist sie aber nicht bereit, für die Rettung ihre eigene Wahrhaftigkeit aufzugeben.

Der Wahn Orests, sich in der Unterwelt zu befinden, wird zugleich zu einer Art Heilschlaf, in dessen Verlauf er die »Vorwegnahme der Sühne, die ihm später in der Realität gewährt wird« (Leis, Quilitz 62) erlebt. Seine Vision im zweiten Auftritt ist somit der Höhe- und Wendepunkt des Dramas, die Peripetie.

Tatsächlich wird er im dritten Auftritt von der Verfolgung durch die Rachegötter erlöst: »Es löset sich der Fluch, mir sagt’s das Herz.« (V. 1358) Er möchte nun ungetrübt die Zusammenführung mit der Schwester genießen (»Lass mich zum ersten Mal mit freiem Herzen/ In deinen Armen reine Freude haben«, V. 1341 f.) und »[n]ach Lebensfreud und großer Tat […] jagen« (V. 1364).

Auch diesmal ist es Pylades, der ihn aus seinem – diesmal freudigen – Gefühlstaumel reißen muss, damit ihre Rettung nicht gefährdet wird: »Versäumt die Zeit nicht, die gemessen ist! […] Kommt! Es bedarf hier schnellen Rat und Schluss.« (V. 1365 u. 1368)

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 13. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 13. Januar 2023.