Iphigenie auf Tauris

Zitate und Textstellen

  • »Und an dem Ufer steh ich lange Tage / Das Land der Griechen mit der Seele suchend.«
    – Iphigenie, V.11 f.

    Aus strukturalistischer Perspektive wird hier eine Raumkonstellation eröffnet, die das innere Geschehen der Protagonistin sichtbar macht. Iphigenie befindet sich in Raum A, auf der Insel Tauris als Ort der Handlung. Ihre innere Bewegung richtet sich aber auf Raum B hin aus, nach ihrer Heimat Griechenland. A und B stehen sich diametral gegenüber und werden durch das dazwischenliegende Meer voneinander getrennt. Iphigenie befindet sich am Ufer und ist damit positioniert zwischen Raum A, dem sie sich verpflichtet fühlt, wo sie aber auch festgehalten wird, und dem Meer, das sie von ihrer Heimat fernhält. Nur die Überwindung dieses Grenzraumes kann sie dorthin zurückbringen.

    Raum A steht als Land der Skythen sinnbildlich für eine Region überkommener Regeln und barbarischer Kulte, während Raum B, also Griechenland, Freiheit und humanistische Ideale repräsentiert. Indem Iphigenie die Grenzziehung zwischen beiden überwindet, kann sie in Raum B und damit in die Welt von Selbstbestimmung und Menschlichkeit zurückkehren – den Bereich, den ihre Seele sucht.

  • »Ich rechte mit den Göttern nicht; allein / Der Frauen Zustand ist beklagenswert.«
    – Iphigenie, V. 23 f.

    In der ersten Szene stellt Iphigenie die weibliche Lebenswelt der männlichen gegenüber. Während der Mann einen großen Aktionsradius besitzt, sich im Krieg und in der Fremde bewähren kann und dort ebenso wie zu Hause herrscht, bleibt der Frau nur ein eng umgrenzter Lebenskreis. Hier muss sie überdies »einem rauen Gatten […] gehorchen« (V. 30), was sogar als »Pflicht und Trost« (V. 31) gesehen wird im Verhältnis zu Iphigenies eigenem Schicksal, fern der Heimat zu leben.

  • »[L]eider fasste da/ Ein fremder Fluch mich an und trennte mich/ Von den Geliebten«
    – Iphigenie, V. 83–85

    Iphigenie verweist mit diesem Satz auf den Tantalidenfluch, der auf ihrem Familiengeschlecht liegt. Er besagt, dass über Generationen hinweg Verbrechen und Gewalt die Geschicke der Tantaliden bestimmen. Auch Iphigenie hat die Auswirkungen des Fluchs bereits erfahren, als ihr eigener Vater Agamemnon sie töten wollte, um dadurch die Götter günstig zu stimmen. Sie wurde jedoch von der Göttin Diana gerettet und nach Tauris gebracht.

  • »Ein unnütz Leben ist ein früher Tod«
    – Iphigenie, V. 115

    Mit dieser Aussage beklagt Iphigenie ihr Schicksal als Priesterin der Diana in einem fremden Land. Ihr Leben erscheint ihr so trist, dass sie es lediglich als Vorbereitung auf den Tod, als den Weg zum »Ufer Lethes« (V. 113) betrachtet. Dabei hadert sie mehr mit der Öde und Trostlosigkeit, die sie selbst empfindet, als mit der lediglich behaupteten Nutzlosigkeit ihres Lebens. Zu Recht weist Arkas in seiner Replik darauf hin, dass sie bereits viele Leben gerettet habe, indem sie für die Abschaffung der Menschenopfer eingetreten sei. Dem Volk der Taurier gehe es viel besser, seit Iphigenie auf Thoas einwirke und ihn milder gemacht habe.

  • »Zufrieden wär ich, wenn mein Volk mich rühmte:/ Was ich erwarb, genießen andre mehr/ Als ich«
    – Thoas, V. 226–28

    Thoas zeigt mit diesen Worten, dass er nicht so roh ist, wie man es ihm als König eines Barbarenvolkes zusprechen möchte. Obwohl seine Figur grundsätzlich als Verkörperung der althergebrachten Norm angelegt ist, lässt Goethe in ihrer Darstellung immer wieder Einzelzüge eines aufgeklärten Herrschers aufblitzen. Das Zitat belegt, dass es ihm in seiner Position nicht um Beutezüge und Anhäufung materieller Schätze geht. Vielmehr will er seine Macht nutzen, um das Wohlergehen seines Volkes sicherzustellen.

  • »Du sprichst ein großes Wort gelassen aus./ Nennst du Den deinen Ahnherrn, den die Welt/ Als einen ehmals Hochbegnadigten/ Der Götter kennt?«
    – Thoas, V. 307–310

    Der mächtige Thoas zeigt sich an dieser Stelle beeindruckt von Iphigenies Geständnis, zum Geschlecht der Tantaliden zu gehören. Die Bedeutung ihres Ahnherrn Tantalos ist weit über Griechenland hinaus bekannt. Der »ehmals Hochbegnadigte[n]« war ein Halbgott und wurde als Sohn des Zeus bevorzugt behandelt. Erst durch den frevelhaften Mord an seinem eigenen Sohn Pelops und sein Vorhaben, die Götter auf die Probe zu stellen, fiel er in Ungnade. Damit löste er den Fluch aus, dem seine Nachfahren über fünf Generationen hinweg ausgeliefert waren.

  • »Mit seltner Kunst flichst du der Götter Rat/ Und deine Wünsche klug in eins zusammen.«
    – Orest zu Pylades, V. 740 f.

    Mit dieser Bemerkung weist Orest auf den Pragmatismus und das strategische Geschick seines Freundes hin. Er durchschaut, dass Pylades den angeblichen Willen der Götter nur vorschiebt, um Orest damit zur Flucht zu bewegen. Keineswegs will sich Pylades nämlich wie dieser in das Schicksal des Opfertodes ergeben. Orest ist bereit, zu sterben, um den Willen der Götter zu erfüllen und so den Tantalidenfluch zu lösen. Pylades hingegen behauptet, sie würden dem Rat der Götter folgen, indem sie die Statue der Diana raubten und nach Griechenland brächten. Hinter dieser Argumentation verbergen sich aber sein eigener Überlebenswille und der Wunsch, den Freund zu retten.

  • »Ein lügenhaft Gewebe knüpf‘ ein Fremder/ Dem Fremden, sinnreich und der List gewohnt,/ Zur Falle vor die Füße; zwischen uns/ sei Wahrheit!«
    – Orest zu Iphigenie, V. 1078–1081

    Orest gibt sich mit diesen Worten seiner Schwester Iphigenie zu erkennen. Zugleich zeigt er sich hier ganz in Übereinstimmung mit ihren Prinzipien. Wahrhaftigkeit ist Iphigenies Leitstern, der es ihr so schwer macht, Thoas zu hintergehen. Damit wird im Drama ein wichtiger Wert der Aufklärung ebenso wie der Klassik zum zentralen Motiv; ein Wert, der der Verstellung, Intrige und Falschheit höfischen Lebens entgegensteht und zum Verhaltenskodex des freien und emanzipierten Bürgers gehört.

    Am Ende ist es Iphigenies Aufrichtigkeit, die zur Lösung des Konflikts und so zur Vermeidung der Katastrophe führt. Durch den Halbvers »zwischen uns/ sei Wahrheit!« wird der Blankvers unterbrochen, was die besondere Bedeutung dieses Zitates unterstreicht.

  • »Ein alt Gesetz, nicht ich, gebietet dir.«
    – Thoas zu Iphigenie, V. 1831

    Thoas erscheint mit diesem Satz als Personifikation des Gesetzes. Er steht für den alten Staat und sein Regelwerk und damit, konkret auf den gegenwärtigen Konflikt Iphigenies bezogen, für die Menschenopfer. Doch Thoas ist nicht ehrlich, wenn er sich selbst lediglich als den Vertreter überpersönlicher Interessen darstellt. Vielmehr ist er auch enttäuscht darüber, dass Iphigenie seinen Antrag ablehnt, und versucht, sie mit der Wiedereinführung der Menschenopfer zu erpressen. Zu Recht antwortet ihm Iphigenie daher: »Wir fassen ein Gesetz begierig an,/ Das unsrer Leidenschaft zur Waffe dient.« (V. 1832 f.)

  • »Du glaubst, es höre/ Der rohe Skythe, der Barbar, die Stimme/ Der Wahrheit und der Menschlichkeit, die Atreus,/ Der Grieche, nicht vernahm?«
    – Thoas zu Iphigenie, V. 1936–39

    Thoas stellt hier die eindimensionalen Bilder einander gegenüber, die von Skythen und Griechen existieren, und vergleicht sie mit der Wirklichkeit. Atreus gehört zum Geschlecht der Tantaliden, auf denen der Fluch lastet, und ist einer von Iphigenies Vorfahren. Wenn Atreus, »[d]er Grieche«, der als edel und zivilisiert gilt, den menschlichen Idealen gegenüber versagt hat, wie soll dann er, der rohe Barbar, ihnen folgen können? Thoas stellt seine Frage mit einem Sarkasmus, der zeigen soll, dass er in Wahrheit eben kein »Barbar«, eben nicht »[d]er rohe Skythe« ist.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 13. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 13. Januar 2023.