Iphigenie auf Tauris

Vierter Aufzug, 1.–5. Auftritt

Zusammenfassung

1. Auftritt | Iphigenie.

Pylades und Orest begeben sich zu der Bucht, in der ihr Schiff bereitliegt, und bereiten die Flucht vor. Iphigenie bringt Pylades große Wertschätzung für seinen listigen Plan entgegen und preist seine Freundschaft. Sie glaubt daran, dass die Flucht realisiert werden kann, hat aber zugleich Schuldgefühle gegenüber Thoas. Es widerstrebt ihr, ihn zu belügen.

2. Auftritt | Iphigenie. Arkas.

Arkas sucht Iphigenie erneut auf und überbringt ihr die Botschaft des Königs, dass sie das Opfer der Fremden beschleunigen solle. Auch das Volk sei ungeduldig. Um Zeit zu gewinnen, behauptet Iphigenie, sie müsse erst die durch Orests Wahnsinn befleckte Statue der Diana reinigen. Dazu werde sie, gemeinsam mit den anderen Jungfrauen des Tempels, das Standbild ans Ufer des Meeres tragen, um es dort zu waschen. Arkas will den König um Erlaubnis für diese Handlung bitten, doch Iphigenie erwidert, die Entscheidung darüber liege bei ihr als Priesterin.

Arkas bittet sie erneut eindringlich, auf das Werben des Königs einzugehen. Er weist darauf hin, dass Thoas sich längst vom Kult der Menschenopfer abgewendet habe. Es sei lediglich Iphigenies Verhalten, dass ihn dazu treibe, ihn wieder einzuführen. Sie solle ihn heiraten und so die erreichte Zivilisierung des Volkes von Tauris für die Zukunft sichern.

3. Auftritt | Iphigenie.

Nach dem Gespräch mit Arkas spürt Iphigenie deutlich ihre Verantwortung für die Menschen auf Tauris. Sie will diese nicht hintergehen. In ihrem Monolog schildert sie, wie ihr Wunsch, den Bruder zu retten, sie innerlich hinweggetragen habe. Dabei habe sie ihre Pflichten auf Tauris vergessen, die ihr durch die Worte von Arkas wieder eindringlich vor Augen geführt worden seien.

4. Auftritt | Iphigenie. Pylades.

Pylades verkündet Iphigenie die endgültige Heilung Orests. Außerdem berichtet er, dass die beiden ihre Schiffsgefährten in der Bucht wiedergefunden haben und alle Vorbereitungen zur Flucht abgeschlossen sind. Er will nur noch die Statue der Diana holen. Im Gespräch bemerkt er jedoch, dass Iphigenie sich der Entscheidung nicht mehr so sicher ist wie zuvor.

Er dringt in sie und erfährt ihre Gründe, versucht aber, ihre Bedenken gegen den Raub und den Verrat an König Thoas zu zerstreuen. Während Iphigenie erklärt, warum sie sich gegenüber dem König verpflichtet fühlt, entgegnet Pylades, dass Thoas schließlich auch jener Mann sei, der ihren Bruder töten wolle. Ihre Skrupel hält er für lebensfremd; jetzt gelte es der Not zu gehorchen und schnell zu fliehen.

5. Auftritt | Iphigenie.

Iphigenie steht im Konflikt. Sie will die Flucht nicht vereiteln. Zugleich wünscht sie sich den Segen der Götter für das Geschlecht des Tantalus. Sie spürt, dass ihm dieser nicht zuteil werden wird, wenn ihr eigenes Handeln auf Lüge und Verrat aufbaut. Sie erinnert sich an das Lied der Parzen, das die Macht der Götter und die Ohnmacht der Menschen besingt. Die sechs Strophen des Liedes werden anschließend im Wortlaut wiedergegeben.

Analyse

Mit dem vierten Aufzug des Dramas beginnt nun die fallende Handlung mit ihrer retardierenden, also den Handlungsablauf verzögernden Wirkung. Die erste Szene eröffnet mit einem großen Monolog der Protagonistin.

Während Orest und Pylades am Fluchtplan arbeiten, bleibt Iphigenie im Tempel zurück und ist mit ihren Hoffnungen und Befürchtungen allein. Sie spricht über ihr Götterbild und vertraut den »Himmlischen« (V. 1369), denn sie schenken ihrem Glauben nach den »Erdgebornen« (V. 1370) in schwierigen Situationen einen Freund. Die sachliche Entschlossenheit des Pylades wird von ihr geradezu verklärt:

O segnet, Götter, unsern Pylades
Und was er immer unternehmen mag!
Er ist der Arm des Jünglings in der Schlacht,
Des Greises leuchtend Aug in der Versammlung:
Denn seine Seel ist stille; sie bewahrt
Der Ruhe heil’ges unerschöpftes Gut,
Und den Umhergetriebnen reichet er
Aus ihren Tiefen Rat und Hülfe. (V. 1382–1389)

Zugleich ist ihr aber auch bewusst, dass sie selbst nicht nach dem Grundsatz, dass der Zweck die Mittel heilige, handeln kann: »Ich habe nicht gelernt zu hinterhalten/ Noch jemand etwas abzulisten. Weh!/ O weh der Lüge! Sie befreiet nicht,/ Wie jedes andre wahrgesprochne Wort« (V. 1403–06).

Dennoch lügt sie im zweiten Auftritt gegenüber Arkas, der sie zur Beschleunigung des Menschenopfers drängt. Dabei handelt sie durchaus im Sinne Pylades‘, wenn sie ihre Rolle als Priesterin und die angebliche Pflicht, ein Reinigungsritual durchzuführen, als Grund für die Verzögerung vorschiebt. Sicher ist ihr bewusst, dass sie Arkas als Vertreter des königlichen Willens und des alten Gesetzes am leichtesten überzeugen kann, wenn sie auf allgemein verbindliche Regeln pocht. »Dies ist allein der Priestrin überlassen« (V. 1444), sagt sie sogar, als Arkas die Entscheidung des Königs zu diesem Vorgehen einholen will. In schneller Zeilenrede (= »Stichomythie«, vgl. Prüfungsaufgaben, Aufgabe 8) werfen sich die beiden ihre Argumente an den Kopf. Die Spannung wird gesteigert und die Lösung des Konflikts erscheint in weiter Ferne. Vielmehr verschärft er sich sogar noch, als Arkas den Antrag des Königs wiederholt und Iphigenie ihn erneut ablehnt.

Erst als sie wieder allein ist, gibt Iphigenie ihren inneren Konflikt zu erkennen. Arkas‘ Argumente haben mehr in ihr bewirkt, als sie ihm gegenüber gezeigt hat. Darum ist sie nicht mehr so eindeutig zur Flucht entschlossen wie vor dem Gespräch mit ihm. Pylades bemerkt dies sofort, als er vom Strand zurückkehrt. Nun setzt wiederum er seine rhetorische Gabe ein, um sie zum raschen Handeln zu bewegen. Dabei erwähnt er die grausamen Züge des Königs: »Der deinen Bruder schlachtet, dem entfliehst du.« (V. 1643) Auch im Gespräch mit Pylades wird das Verfahren der Stichomythie eingesetzt, also der rasche Wechsel der Argumente in jeweils einer Zeile, um die unterschiedlichen Haltungen deutlich zu machen und die Dramatik zu steigern.

Dem folgt im fünften Aufzug nach Pylades‘ Abgang erneut ein Monolog Iphigenies. Er zeigt ihren inneren Konflikt, ihr Dilemma, noch einmal in vollem Umfang und ganzer Deutlichkeit. Mit dem von ihr zitierten Parzenlied drückt sich ihre Verzweiflung darüber aus, dem Willen des Schicksals ausgeliefert zu sein. (vgl. zum Parzenlied »Prüfungsaufgaben«, Aufgabe 10)

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 13. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 13. Januar 2023.