Iphigenie auf Tauris

Interpretation

Das ideale Menschenbild der Klassik

In seiner Schrift »Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst« (1775) erteilte der Archäologe und Kunsttheoretiker  Johann Joachim Winckelmann (1717–1768) dem Manierismus des Barock eine Absage. Seiner Opulenz, Verspieltheit und Prachtentfaltung stellte er das Ideal der Antike gegenüber, deren »edle Einfalt und stille Größe« zur neuen künstlerischen Richtschnur erhoben wurden.

Dies galt nicht nur für die bildende Kunst; auch die dichterischen Werke der Weimarer Klassik wurden durch Winckelmanns Aufsatz stark beeinflusst. Winckelmann sah in der griechischen Plastik die Verkörperung vollendeter Menschlichkeit und das harmonische Zusammenspiel von körperlicher Schönheit und hohen sittlichen Idealen. Als Reaktion darauf entwickelten auch Dichter in Romanen und Schauspielen Figuren, die für diese ideale Einheit standen. Iphigenie kann als Prototyp des klassischen Menschenbildes beschrieben werden: Ihre Schönheit und ihre moralische Überlegenheit, die in ihrer tiefen Humanität gründet, bilden einen maßvollen und harmonischen Einklang.

Ästhetik und Sprache der klassischen Werke stehen mit diesem Bild in enger Verbindung. Alles Laute, Exzentrische und Spontane, das charakteristisch für die Dichtung des »Sturm und Drang« gewesen war, sollte nun einer stilisierten Kunstsprache weichen. Mäßigung und Ausgewogenheit dieser Sprache spiegelten die innere maßvolle Haltung der Figuren wider. (vgl. »Sprache und Stil«)

Tausch der Geschlechterrollen

In ihrem Monolog in der ersten Szene beklagt Iphigenie ihr Schicksal als Frau, das sie zum Gehorsam zwingt. Anders als ein Mann müsse sie sich mit einem engen Wirkungskreis begnügen und sei zur Unterordnung verpflichtet. Im Laufe des Dramas widerlegt Iphigenie diese Selbsteinschätzung jedoch durch ihr eigenes Handeln. Gerade in der Gegenüberstellung mit Orest zeigen sich ihre Autonomie und Wirkmächtigkeit. 

Während Orest keine Wahl gehabt hatte, als er seine Mutter ermordete, sondern nur den Willen der Götter ausführte, stellt sich Iphigenie ihrem inneren Konflikt. Sie lehnt sich gegen die Götter auf, indem sie ausschließlich ihrem Gewissen folgt.

Orest ist bereit, durch die Hand seiner Schwester zu sterben. Er sagt: »Der Brudermord ist hergebrachte Sitte« (V.1229) und dankt den Göttern sogar dafür, dass sie ihn, den Kinderlosen, als letztes Glied in der Generationenkette ausgewählt haben, um den Tantalidenfluch zu löschen. Iphigenie hingegen sucht hartnäckig nach einer anderen Lösung. Im Unterschied zum passiven Orest ist sie ein aktiv handelndes Individuum, das Idealbild von Aufklärung und Klassik.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 13. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 13. Januar 2023.