Iphigenie auf Tauris

Erster Aufzug, 1. – 4. Auftritt

Zusammenfassung

1. Auftritt | Iphigenie.

Die Göttin Diana hat Iphigenie vor dem Opfertod bewahrt und sie auf die Insel Tauris gebracht. Seitdem dient Iphigenie ihr dort als Priesterin. Obwohl sie der Göttin dankbar für ihre Rettung ist, ist Iphigenie zugleich tief unglücklich. Sie empfindet ihr Dasein auf Tauris als zweiten Tod, denn sie stammt aus Griechenland und sehnt sich nach ihrer Heimat. Iphigenie entstammt einer der bedeutendsten griechischen Familien. Sie ist die Tochter von König Agamemnon, dem Oberbefehlshaber der Griechen im Trojanischen Krieg, und seiner Gemahlin Klytämnestra.

Wenn Iphigenie keinen Dienst im Tempel verrichtet, steht sie oft am Meeresufer und lässt ihren Blick und ihre Gedanken sehnsuchtsvoll nach Griechenland schweifen. Der taurische König Thoas hält sie auf der Insel gefangen. Iphigenie beschreibt ihn zwar als gerechten Mann und empfindet Scham, weil sie ihre Aufgabe als Priesterin nur widerwillig verrichtet, doch sie leidet unter der Gefangenschaft. Sie beklagt ihr weibliches Schicksal, das sie zur Hilflosigkeit verdammt, und bittet Diana, sie ein zweites Mal zu retten.

2. Auftritt | Iphigenie. Arkas.

Arkas, der engste Vertraute von König Thoas, kündigt Iphigenie dessen Erscheinen an. Iphigenie offenbart Arkas ihr Heimweh und ihre Sehnsucht nach einem erfüllten Leben. Dieser erinnert sie daran, wie viel Gutes sie auf Tauris getan hat. Ihrem Einfluss ist es zu verdanken, dass Fremde, die nach Tauris kommen, nicht mehr getötet und geopfert werden. Zugleich erwartet Arkas von Iphigenie Dankbarkeit für die freundliche Aufnahme. Deshalb solle sie den Heiratsantrag des Königs annehmen, dessen trauriges Schicksal Arkas ihr schildert: Thoas hat seinen Sohn verloren und keinen legitimen Nachfolger mehr. Darum ist er gegenüber seinen Getreuen misstrauisch geworden und fürchtet einen Aufstand.

Arkas bittet Iphigenie, Thoas bei seiner Werbung entgegenzukommen, sich ihm vertrauensvoll zu öffnen und ihm das Gespräch mit ihr leicht zu machen. Er warnt sie auch, Thoas könne andernfalls drastisch reagieren, was Iphigenie entsetzt als Drohung mit einer Vergewaltigung auffasst. Doch Arkas versichert, dass es sich um etwas anderes handele. Worum genau, solle Iphigenie von Thoas selbst erfahren.

3. Auftritt | Iphigenie. Thoas.

Thoas bittet Iphigenie um ihre Hand und betont dabei, wie einsam es um ihn geworden sei und wie öde und leer ihm sein Zuhause erscheine. Von Iphigenie wünscht er sich nicht nur die Geburt eines Thronfolgers, sondern eine neue Harmonie und Lebendigkeit in seinem unmittelbaren Umfeld. Iphigenie lehnt zunächst mit bescheidenem Gestus ab und gibt sich beschämt angesichts solcher Großzügigkeit gegenüber der Fremden.

Thoas gibt sich damit nicht zufrieden und dringt auf sie ein, ihm endlich das Geheimnis ihrer Herkunft zu offenbaren. Dabei betont er, wie segensreich ihre Anwesenheit sich auf sein Land ausgewirkt habe. Aus diesem Grund ist er überzeugt davon, dass sie nicht von unedler Abkunft sein könne. Iphigenie gesteht ihm, aus dem Geschlecht des Tantalus zu stammen, auf dem ein Fluch lastet. Gemäß dem Tantalidenfluch kommt es in jeder Generation zu Hass und Morden unter den Familienangehörigen. Iphigenie schildert Thoas ihre von Verbrechen geprägte Familiengeschichte, vom Urvater Tantalus bis hin zu ihren Eltern Agamemnon und Klytämnestra.

Thoas zeigt sich unbeeindruckt von dem Fluch und wiederholt seinen Antrag. Deshalb beruft Iphigenie sich nun auf ihr Priesteramt. Sie gesteht Thoas auch ihre Hoffnung auf Rückkehr zu ihrer Familie. Thoas bezweifelt die Aufrichtigkeit ihrer Absichten. Er sieht in ihren Argumenten einen bloßen Vorwand, mit dem sie ihre Ablehnung seines Antrags in schöne Worte kleiden möchte. Schließlich wendet er sich resigniert mit einigen verallgemeinernden Urteilen über die Unzuverlässigkeit der Frauen ab, die sich allein von Launen und Gefühlen leiten ließen.

Zugleich kündigt er an, den Kult der Menschenopfer wieder einzusetzen. Er behauptet, Iphigenie habe mit ihrer Freundlichkeit seine Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft genährt und ihn dadurch von seinen Pflichten abgebracht. Nun wolle er aber seinem Volk endlich wieder gerecht werden und die alten Gesetze achten. Für die Ausführung der rituellen Tötung ist Iphigenie als Priesterin zuständig. Zwei Fremde, die in Uferhöhlen von Soldaten des Königs gestellt worden sind, sollen die ersten Opfer sein.

4. Auftritt | Iphigenie.

Im Vertrauen auf deren Güte, Weisheit und Gerechtigkeit betet Iphigenie zur Göttin Diana. Zunächst beschreibt sie die Macht der Göttin, unschuldig Verfolgte in Sicherheit zu bringen. Darüber hinaus ist Diana fähig, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Menschen zu überblicken. Schließlich bittet Iphigenie Diana inständig, die von Thoas auferlegte Pflicht von ihr zu nehmen. Sie möchte in ihrer Rolle als Priesterin keine Schuld auf sich laden und von der Aufgabe befreit werden, rituelle Opfermorde zu begehen.

Analyse

Iphigenies edles Wesen und ihr tragisches Hin- und Hergerissensein zwischen Loyalität und Freiheitswunsch werden gleich in der ersten Szene des Dramas als Grundmotive etabliert. Sie empfindet Dankbarkeit gegenüber der Göttin Diana und möchte dies mit ihrem Dienst zum Ausdruck bringen. Zugleich kann sie ihr aber nicht wirklich freiwillig dienen, weil sie unter der Gewalt des taurischen Königs Thoas steht. Mit den Worten »Mein Leben sollte/ Zu freiem Dienste dir gewidmet sein« (V. 37 f.) wendet sie sich an die Göttin; ihr Leben und ihre Rolle als Priesterin bedeuten aber Gefangenschaft.

Ebenfalls erfährt man bereits hier, dass Iphigenie Agamemnons Tochter und Elektras Schwester ist. Beide werden namentlich genannt (V. 45 u. 49), während Iphigenies Mutter Klytämnestra und ihr Bruder Orest nur als »Gattin« und »Sohn« im Text auftauchen (V. 49). Es gibt Hinweise auf den Trojanischen Krieg und die glückliche Heimkehr Agamemnons sowie das Überleben seiner Frau und seiner Kinder Elektra und Orest. Vor diesem Hintergrund bittet Iphigenie Diana, nun auch sie zu retten, um die Familie wieder vollständig in Griechenland zusammenzuführen: »So gib auch mich den Meinen endlich wieder.« (V. 51)

In der zweiten Szene des ersten Aktes tritt zum ersten Mal Arkas auf, der engste Berater von König Thoas. Arkas ist im Schauspiel weit mehr als eine Nebenfigur und bloßer Übermittler von Nachrichten. Vielmehr kommt ihm als Vertreter des Gesetzes und der alten Tradition eine hervorgehobene Rolle zu; seine Figur ist die Verkörperung des Gesetzes als solchem. Darum hat er auch keine individuelle Stimme im Geschehen, sondern vertritt zu jeder Zeit das, was den Prinzipien des Königtums entspricht. Er ist somit der Idealtypus eines treuen Staatsdieners, der nicht um eigener Interessen willen, sondern im Sinne einer übergeordneten Macht handelt.

Für ihn bedeuten die bedrohte Thronfolge (»Seitdem der König seinen Sohn verloren/ Vertraut er wenigen der Seinen mehr«, V. 157 f.) und die damit verbundene Bedrohung des Reiches die größte Gefahr, die es um jeden Preis abzuwenden gilt. Um dieses Ziel zu erreichen, führt er viele Argumente ins Feld, die Iphigenie von einer Annahme des Antrags überzeugen sollen.

Iphigenies Ablehnung des Antrags beruht auf ihrer Rolle als Priesterin, die ihr Jungfräulichkeit auferlegt. Darum ist die zornige und trotzige Reaktion des Königs auf ihre Weigerung äußerst ungerecht, denn gerade Iphigenie kann nicht als typische Vertreterin des Frauenbildes gelten, das von ihm gezeichnet wird: launenhaft, unzuverlässig, von Lust und schwankenden Stimmungen getrieben.

Dieter Borchmeyer sagt deshalb (als Herausgeber der Werkedition im Deutschen Klassiker Verlag, s. Literaturverzeichnis, »Weitere Textausgaben«): »Für die Macht des Eros, welche aus ihrer Sicht meist zur Unterdrückung der Frau geführt hat, ist Iphigenie unempfänglich, Weiblichkeit äußert sich in ihr nur als Schwesterlichkeit. Das ist der Grund für ihre tiefe Verbundenheit gerade mit der jungfräulichen Göttin Diana, die ganz in der Beziehung zu ihrem Bruder Apoll aufgeht« (Borchmeyer 1310). Dass Thoas Iphigenie aufgrund persönlicher Enttäuschung mit der Wiedereinführung der Menschenopfer zu erpressen versucht, schreibt eher ihm selbst die unberechenbaren Eigenschaften zu, die er den Frauen zuspricht.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 13. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 13. Januar 2023.