Iphigenie auf Tauris

Historischer Hintergrund und Epoche

Die Versfassung der »Iphigenie auf Tauris« erschien 1787, mitten in einer Zeit großer gesellschaftlicher Umbrüche. Am 4. Juli 1776 war mit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, dem Gründungsdokument der Vereinigten Staaten von Amerika, zum ersten Mal in der Geschichte der Demokratie das Recht jedes Menschen auf Leben, Freiheit und das individuelle Streben nach Glück proklamiert worden. 

Auch in Frankreich waren die Vorzeichen der Revolution von 1789 schon deutlich zu spüren: Die Gegensätze zwischen Adel und Klerus, welche nur zwei Prozent der Bevölkerung ausmachten, und dem sogenannten »Dritten Stand« spitzten sich immer mehr zu. Der Unmut der Menschen gegenüber der absolutistischen Herrschaft wuchs. In einer Zeit von Missernten und schwerer Steuerlast des einfachen Volkes baute sich Widerstand gegen das extravagante Luxusleben am Hof von Versailles auf. Befeuert wurde dieser Widerstand durch das Gedankengut der Aufklärung. Philosophen und Schriftsteller wie Voltaire, Montesquieu oder Rousseau stellten den Absolutismus infrage und entwickelten gesellschaftliche Gegenmodelle und Utopien.

In Deutschland war es Immanuel Kant (1724–1804), der 1784 in seiner Schrift  »Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?« die Forderung stellte: »Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!« Diese Forderung, aber mehr noch der kategorische Imperativ aus Kants »Grundlegung zur Metaphysik der Sitten« (1785) hat Goethe bei seiner Gestaltung der »Iphigenie« beeinflusst. Kant sagt: »Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.« Iphigenie ringt in diesem Sinn mit der Suche nach der richtigen Maxime und der damit verbundenen Handlung. Schließlich wird ihr Konflikt durch tiefe Menschlichkeit und das Prinzip der Toleranz gelöst.

Die Postulate der Aufklärung werden in der Weimarer Klassik aufgegriffen und mit dem Ideal ethisch vollkommener Menschen wie Iphigenie verbunden. Goethes Alltagswirklichkeit am Weimarer Hof konnte diesen Idealen indes nicht standhalten. So unterzeichnete er beispielsweise noch 1783 ein Todesurteil und veranlasste damit die Enthauptung einer ledigen Magd, die ihr Kind getötet hatte. 

Dieser Widerspruch zwischen Goethes Leben als Staatsbeamter und dem als Dichter war eines seiner großen Lebensthemen und führte zu seiner »Flucht« aus Weimar, seiner Italienreise im Jahr 1786 und dem damit verbundenen Ende der platonischen Liebesbeziehung mit Charlotte von Stein. Unter dem Einfluss klassischer Bildwerke und einer neuen Beschäftigung mit der Antike griff Goethe die Arbeit an seiner »Iphigenie« in Italien erneut auf und konnte sie hier auch zum Abschluss bringen.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 13. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 13. Januar 2023.