Iphigenie auf Tauris

Fünfter Aufzug, 1.–6. Auftritt

Zusammenfassung

1. Auftritt | Thoas. Arkas.

Arkas ist argwöhnisch, er ahnt einen Verrat. Thoas befiehlt Arkas, Iphigenie zu ihm zu bringen und die Ufer nach den Flüchtenden abzusuchen.

2. Auftritt | Thoas.

Thoas fühlt sich von Iphigenie betrogen. Dabei unterstellt er ihr Schmeichelei und gezielte Täuschung. Er gibt sich selbst eine Mitschuld daran, weil er zu gütig und nachsichtig mit ihr war.

3. Auftritt | Iphigenie. Thoas.

Iphigenie ist zu Thoas gebracht worden. Sie steht vor ihm und fragt, was er von ihr verlange. Er fordert sie auf, zu erklären, warum sie die Opferung der beiden Fremden aufschieben wolle.

Iphigenie wendet sich mit Heftigkeit gegen den Kult des Menschenopfers. Thoas erahnt ihre besondere Beziehung zu den beiden Männern. Schließlich gesteht Iphigenie Thoas die Wahrheit und legt damit ihr Schicksal und das von Orest und Pylades in seine Hände. Thoas ist misstrauisch und gibt ihr zu bedenken, dass auch sie von den beiden lediglich getäuscht worden sein könnte.

Iphigenie steht mit ihrem eigenen Leben für die Fremden ein: Sollte Thoas Recht behalten und die beiden sie angelogen haben, so solle er sie selbst bestrafen und verbannen. Erweise sich der Fremde aber wirklich als Iphigenies Bruder, so solle er nicht nur ihn und Pylades, sondern auch Iphigenie freilassen.

4. Auftritt | Orest gewaffnet. Die Vorigen.

Orest wird von den Truppen des Königs verfolgt. Er erscheint mit gezogenem Schwert und ist bereit, den Weg für sich und Iphigenie freizukämpfen. Thoas zieht sein Schwert, doch Iphigenie schreitet ein. Orest fügt sich seiner Schwester und liefert sich ebenfalls Thoas‘ Gnade aus.

5. Auftritt | Die Vorigen. Pylades. Bald nach ihm Arkas, beide mit bloßen Schwertern.

Thoas gebietet Arkas, die Feinde zunächst unversehrt zu lassen. Orest fordert Pylades auf, Ruhe zu bewahren und abzuwarten.

6. Auftritt | Iphigenie. Thoas. Orest.

Thoas zweifelt an der Identität Orests und nimmt dessen Herausforderung zum Duell an. Iphigenie verhindert den Kampf und überzeugt Thoas davon, dass Orest ihr Bruder ist. Thoas will Orest jedoch für das Ansinnen, das Bild der Göttin Diana zu rauben, bestrafen.

Orest erkennt seinen Irrtum. Er weiß jetzt, dass er nicht die Statue der Göttin, sondern die eigene Schwester heimbringen soll. Mit ihrer Reinheit kann sie den Fluch für immer vom Geschlecht des Tantalus nehmen und dem Haus der Väter neuen Segen bringen. Er bittet Thoas um freies Geleit. Thoas gewährt es ihnen. Iphigenie fleht ihn überdies um seine Freundschaft an. Schließlich wünscht ihnen Thoas Lebewohl.

Analyse

Als Iphigenie vor Thoas steht, liefert sie sich ihm mit dem Geständnis der Wahrheit vollkommen aus. Dabei zeigt sie sich als autonom handelndes Individuum, das allein seinem Gewissen verantwortlich ist. Als Frau hat sie zwar nicht die Möglichkeit, sich im Kampf auf dem Schlachtfeld zu beweisen, doch sie stellt dieser körperlichen Stärke eine andere Macht entgegen: »Ich habe nichts als Worte, und es ziemt/ Dem edlen Mann, der Frauen Wort zu achten.« (V. 1863 f.) Ihre unbedingte Wahrhaftigkeit ist es, die Thoas schließlich überzeugt und zu eigenem moralischen Handeln veranlasst, indem er sie, Orest und Pylades freilässt.

Bezeichnend für den Charakter Iphigenies ist es, dass sie die Insel nicht ohne den Segen des Königs verlassen möchte. Wie schwer dieser Abschiedssegen Thoas fallen mag, kann man an der Kürze seines Grußes ablesen. Nachdem Iphigenie ihn über 23 Verse hinweg (V. 2151–2173) um seine Freundschaft anfleht, erwidert er ein knappes »Lebt wohl!« (V. 2174) Zurecht weist der Literaturwissenschaftler Theo Buck darauf hin, dass nicht nur zuvor Iphigenie, sondern auch Thoas in dieser Situation übermenschliche Größe beweise. Er verliert die potenzielle Ehefrau, die ihm einen Erbfolger gebären könnte, und zugleich die Priesterin, um derentwillen er die Menschenopfer abgeschafft hat. Damit büßt er zugleich Macht innerhalb seines Staates ein, laut Buck alles in allem »ein Höchstmaß an Entsagung« (Theo Buck, Die dramaturgische Wende mit Iphigenie auf Tauris, zitiert nach Leis u. Quilitz).

Im klassischen aristotelischen Aufbau eines Dramas kommt es im fünften Akt zur Katastrophe. In der »Iphigenie« des Euripides handelt es sich dabei um den Verrat durch einen Boten, der Thoas die geplante Flucht mitteilt. Die Opferung der Fremden wäre nun unausweichlich, würde nicht die »dea ex machina« Athene eingreifen und sie retten. Schon bei Euripides gibt es also einen glücklichen Ausgang.
Goethe übernimmt das antike Schema des Dramas mit Exposition, steigender Handlung, Peripetie, retardierendem Moment und Abbau der Spannung. Dieser Spannungsabfall erfolgt hier jedoch nicht durch die Katastrophe, sondern durch das sinnvolle Handeln eines Individuums und die damit verbundene Lösung des Konfliktes. Einen schönen Vergleich für diese Divergenz findet Ursula Naumann, wenn sie sagt, Goethes »Humanitätsmärchen« verhalte sich »zur grimmigen Härte der antiken Tragödie […] wie das Neue zum Alten Testament« (Naumann 83).

Der Katharsis-Effekt des aristotelischen Dramenprinzips, also die »Reinigung« von bestimmten Affekten, die das Publikum der Antike durch das Erleben von Rührung und Schrecken erfahren sollte, findet auch hier statt. Furcht und Entsetzen des letzten Aktes bleiben jedoch aus und werden durch das Miterleben dessen ersetzt, was sich im Inneren der handelnden Figuren abspielt. Indem es diesen gelingt, einen Ausgleich zwischen übergeordneten Prinzipien und persönlichen Wünschen herzustellen, erfahren sie eine innere Läuterung, die der Katastrophe nicht mehr bedarf.

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 13. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 13. Januar 2023.