Iphigenie auf Tauris

Rezeption und Kritik

Bevor »Iphigenie auf Tauris« in seiner definitiven Versfassung erschien, hatte Goethe bereits eine Reihe von Prosafassungen geschaffen. Die letzte von ihnen wurde 1779 im exklusiven Rahmen einer Aufführung des Weimarer Hoftheaters präsentiert. Goethe hatte sie persönlich inszeniert und dabei die Rolle des Orest übernommen, was angesichts seiner strahlenden Bühnenerscheinung begeisterte Reaktionen beim Publikum auslöste. Goethe selbst war aber »mit dieser Urfassung […] bald unzufrieden und duldete keine Abschriften mehr« (Kämper 78).

Im Rahmen einer Goethe-Werkausgabe, die der Verleger Göschen zwischen 1787 und 1790 herausbrachte, erschien 1787 die Versfassung. 312 Exemplare der Einzelausgabe von »Iphigenie auf Tauris« wurden verkauft; das Drama war damit alles andere als ein Publikumserfolg. Wahrgenommen wurde es vor allem von Dichtern und Philosophen, unter denen es neben Bewunderern wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel auch starke Kritiker gab.

Der Schweizer Philologe Johann Jakob Bodmer stellte Goethes Drama ein vernichtendes Urteil aus: »Die Personen sind sentimentale Leute wie in dem Pult des Dichters. Thoas hat die sanfte, langsame, nachgebende Seele eines alten Mannes; er ist erzörnt ohne Taten, verlangt Iphigenies Hand ohne Liebe. […] Die Erkenntnis des Bruders und der Schwester geschehn ohne Wärme.« (Wilhelm Bode (Hrsg.), Goethe in vertraulichen Briefen seiner Zeitgenossen, zitiert nach Bernhardt)

Auch im frühen 19. Jahrhundert spielt das Stück keine bedeutende Rolle im Bewusstsein des Publikums und der literarischen Welt. Weder die Romantiker noch die Dichter des Vormärz und des Jungen Deutschland haben eine innere Beziehung zu Goethe und der Weimarer Klassik. Kleist erschafft mit seiner »Penthesilea« 1808 ganz bewusst ein zerstörerisches Gegenbild zur allverstehenden und geradezu überirdisch gerechten Iphigenie. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, im Kaiserreich mit seiner vielfach rein äußerlichen Bildungsattitüde, wird das Stück zum »Bannerwerk des deutschen Bildungsbürgertums« (Bernhardt, s. Abschnitt »Rezeptionsgeschichte/Aufnahme im 19. Jahrhundert«).

Hugo von Hofmannsthal bezieht sich 1903 mit seiner »Elektra« explizit auf Goethes »Iphigenie«, wenn auch nur, ähnlich wie Kleist, in Form eines Gegenentwurfes: »Hofmannsthal bezieht klar Stellung mit seiner Absicht, ›etwas Gegensätzliches zur Iphigenie zu machen‹, und schreibt die Elektra. Iphigenie ist ihm uninteressant geworden.« (Weder 3)

Zwar entstehen im 20. und 21. Jahrhundert zahlreiche Umdeutungen und Neuinterpretationen des Stoffes, und die Liste der Autoren, die ihn in kontroverser Auseinandersetzung aufgreifen, ist lang. Sie reicht von Heiner Müller über Rainer Werner Fassbinder, Peter Hacks und Jochen Berg bis zu Volker Braun. 2022 inszenierte Ewelina Marciniak für die Salzburger Festspiele eine moderne Interpretation des Dramas. Die Vorlage lieferte die Autorin Joanna Bednarczyk, die sich damit auf Goethes »Iphigenie«, aber auch auf Euripides und Racine (»Iphigénie«, 1674) bezog. 

Doch so unterschiedlich diese Künstler sind, es eint sie das Misstrauen gegenüber dem klassischen Menschenbild, wenn nicht dessen ausdrückliche Ablehnung. Wie Manfred Leber mit kaustischem Witz bemerkt, wurde im Laufe der Zeit »der Name Iphigenies zum Inbegriff einer geradezu übermenschlichen Humanitätsidee, um die es in jüngerer Zeit etwas ruhiger geworden ist.« (Leber 93)

Text von Dr. Susanne Niemuth-Engelmann. Veröffentlicht am 13. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 13. Januar 2023.