Expressionismus (1910–1925)

Der Expressionismus ist eine Stilrichtung der Literatur, bildenden Kunst und Musik. Die Bewegung begann zu Anfang des 20. Jahrhunderts und dauerte etwa bis 1925. Die Künstler wollten ihre Gefühle ausdrücken und deutlich sichtbar machen. Zentrale Themen im Expressionismus waren u. a. Krieg und Entwurzelung, der Zerfall der Gesellschaft sowie die Ängste des Einzelnen.

Die Epoche des Expressionismus

Die Literaturwissenschaft unterscheidet drei Phasen des Expressionismus:

  • Frühexpressionismus (1910–1914)
  • Kriegsexpressionismus (1914–1918)
  • Spätexpressionismus (1918–1925)

Als Stilbegriff taucht der Name Expressionismus zum ersten Mal 1911 auf. Er bezieht sich auf die Avantgarde in der Literatur und der bildenden Kunst. Die kurze Epoche zwischen 1910 und 1925 war geprägt von tiefgreifenden Umbrüchen mit politischen Krisen, dem Ersten Weltkrieg und Revolutionen. Die Folgen der Industrialisierung und das moderne Großstadtleben sowie Angst vor Identitätsverlust, vor Krieg und allgemeinem Zerfall waren die vorherrschenden Themen der zeitgenössischen Literaten.

Der Begriff Expressionismus leitet sich von den lateinischen Wörtern ex und premere = ausdrücken ab. Tatsächlich geht es in dieser Epoche um mehr, nämlich um den gesteigerten Ausdruck, die Ausdruckskunst. Die Künstler jener Zeit kehrten ihr Inneres nach außen. Sie wollten die Außenwelt an ihrer geistigen und seelischen Verfassung teilhaben lassen, wollten aufrütteln und erschüttern. Ähnlich wie die Vertreter des Sturm und Drang forderten sie eine radikale Erneuerung der Gesellschaft. Sie entwickelten die Vision eines Neuen Menschen.

Wichtige Autoren und Werke des Expressionismus
  • Gottfried Benn (1886–1956):
    • »Morgue«
    • »Gehirne«
  • Alfred Döblin (1878–1957):
    • »Die Ermordung einer Butterblume«
  • Carl Einstein (1885–1945):
    • »Bebuquin«
  • Georg Heym (1887–1912):
    • »Der Krieg«
    • »Die Stadt«
  • Jakob von Hoddis (1878–1942):
    • »Weltende«
  • Franz Kafka (1883–1924):
  • Georg Trakl (1887–1914):
    • »Das Morgenlied«
    • »Grodek«
  • Georg Kaiser (1878–1945):
    • »Von morgens bis mitternachts«
  • Heinrich Mann (1871–1950):
    • »Der Untertan«
  • Ernst Toller (1893–1939):
    • »Die Wandlung«
  • Frank Wedekind (1864–1918):
  • Else Lasker-Schüler (1869–1945):
    • »Der siebente Tag«
    • »Hebräische Balladen«

Ein wichtiger Wegbereiter des Expressionismus war der Dramatiker Frank Wedekind (1864–1918). Seine Werke zählten zu den meistgespielten Stücken seiner Zeit. Der wohl berühmteste expressionistische Autor von Weltrang, dem aber nie der Literaturnobelpreis zugesprochen wurde, ist Franz Kafka (1883–1924).

Georg Trakl (1887–1914) und Georg Heym (1887–1912) gelten als die bedeutendsten Lyriker des Expressionismus. Ihre eindrucksvollen Gedichte überdauerten die kurze Lebenszeit der beiden Dichter bis heute. Weitere wichtige Lyriker waren Jakob von Hoddis (1878–1942), Else Lasker-Schüler (1869–1945) sowie Franz Werfel (1890–1945). Ein anderer berühmter deutscher Expressionist ist Alfred Döblin (1878–1957).

Literarische Motive des Expressionismus

  • Leidenschaft, Liebe und Wahnsinn wurden zu Leitmotiven jener Epoche.
    Der Schilderung von Leid, Tod und Verwesung wurde viel Raum gegeben.
  • Die Werke der Literaturepoche offenbarten eine Ästhetik des Hässlichen und Kranken.
    Das entsprach der Lebenswirklichkeit der Künstler jener Epoche (Krieg, Entwurzelung, Angst vor Identitätsverlust). Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war es Konsens gewesen, dass Schönheit das Wesen und Ziel aller Kunst sei. Der Expressionismus und die ihm zeitlich nahen Strömunge»«n wie zum Beispiel der Naturalismus wandten sich von dieser Doktrin ab.
  • Gefühle, Ängste, Ahnungen und Prognosen waren die beherrschenden Elemente in der expressionistischen Literatur.
    Während sich die bildenden Künstler des Expressionismus in einer Art Farbenrausch austobten, trat bei den Dichtern, Dramatikern und Romanciers die Farbigkeit in Form von Übertreibung und ausladenden Beschreibungen zu Tage.
  • Lyrik war die wichtigste Gattung im Expressionismus.
    Der Inhalt expressionistischer Gedichte ist oft widersprüchlich: Motive des Weltuntergangs stehen neben Visionen von Aufbruch und Erneuerung. Gegensätze existieren auch in formaler Hinsicht: Traditionelle Formen wie das Sonett treffen auf moderne Inhalte und Stilmittel.

Historischer Hintergrund

Starke politische Spannungen prägten das Lebensgefühl der Europäer zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Internationale Krisen führten dazu, dass das Deutsche Reich immer mehr isoliert wurde und mehrere europäische Nationen aufrüsteten.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 wurde im deutschen Bürgertum begeistert gefeiert. Niemand ahnt, dass der Krieg bis 1918 andauern wird. Rund 17 Millionen Menschen verlieren ihr Leben. Auch Expressionisten in Uniform fallen, unter ihnen Ernst Stadler, August Stramm und Reinhard Sorge.

Die herannahende Katastrophe fand ebenso wie die erbarmungslosen »Materialschlachten« des Krieges und das erlittene Leid ihren Niederschlag in der Literatur der Expressionisten.

Die Novemberrevolution führte zum Sturz des deutschen Kaisers: Am 9. November 1918 wird die Deutsche Republik ausgerufen. Die 1919 nach dem verlorenen Krieg im Versailler Friedensvertrag vereinbarten Reparationszahlungen wurden zu einer drückenden Last.

Die Industrialisierung und die zunehmende Bedeutung der Maschinen verunsicherten und erschreckten den Menschen ebenfalls. Sie waren verstört durch die wachsende Anonymität in den Großstädten und empfanden eine starke innere Heimatlosigkeit.

Der Zeitgeist fand seinen Widerhall in der expressionistischen Literatur. Als Folge der politischen Verwerfungen entwickelten sich radikalisierte sozialistische und nationalistische Strömungen, die sich auf offener Straße brutal bekämpften. Auch unter den Literaten kam es zu erbitterten weltanschaulichen Auseinandersetzungen.

Merkmale und Ziele der expressionistischen Literatur

Merkmale des Expressionismus

  • Abkehr von Traditionen, sowohl inhaltlich als auch formal
  • Ästhetik des Hässlichen anstelle der ästhetischen Norm des Schönen
  • Subjektiver Ausdruck des Dichters anstelle des flüchtigen Festhalten eines Augenblicks (wie im Impressionismus)
  • Bildhaftigkeit und Metaphorik der Sprache
  • Neologismen und neue Textrhythmen (Sprache wirkt deutlich modernisiert und durch expressive Sprachbilder erweitert)
  • Wortwiederholungen und eigenwilliger Satzbau (Syntax) als populäre Stilmittel
  • Reihungsstil als Merkmal der expressionistischen Lyrik
    (= Aneinanderreihung von Bildern, die nicht in direktem Zusammenhang stehen, zum Beispiel nicht der Logik oder dem Satzbau entsprechen)

Die Expressionisten werfen der Generation ihrer Väter überkommene Moralvorstellungen und Erstarrung vor. Ihr Ziel ist die radikale Erneuerung der Gesellschaft. Dafür entwickeln sie ein neues Menschenbild. Am Ende scheitert der Expressionismus jedoch am Widerspruch zwischen der Vorstellung von Wirklichkeitsveränderung und der gesellschaftlichen Realität.

Inhaltlich betrachtet und einfach ausgedrückt: Es kam den Vertretern des literarischen Expressionismus nicht so sehr darauf an, dass etwas Bestimmtes passierte. Sie legten eher Wert darauf, dass überhaupt etwas geschah, ohne eine Leitlinie erkennen zu lassen, wie sich dieses verwirklichen ließe. In dieser Haltung drückt sich das Gefühl der Verlorenheit besonders deutlich aus.

Beispiel eines expressionistischen Gedichts

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei,
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Jakob van Hoddis, Weltende (1911)