Die Verwandlung

Sprache und Stil

Kafkas Sprache ist Gegenstand vieler Untersuchungen gewesen. Eine Besonderheit der Sprache Kafkas ist, dass sie aus dem Kontext des multikulturellen Prag des späten 19 bzw. des frühen 20. Jahrhunderts stammt. So hat etwa der Sprachwissenschaftler Boris Blahak eine großangelegte Studie zu Kafkas »Deutsch im Kontext des Prager Multilingualismus« verfasst (vgl. Blahak 2015). Außerdem hat sich Kafka selbst intensiv mit Sprache befasst, insbesondere mit dem Jiddischen (Heinz 2010, S. 140 f.).

Über die Sprache in »Die Verwandlung« lässt sich sagen, dass sie vor allem durch ihre Unauffälligkeit auffällt. Es ist weder eine hochgradig artifizielle, noch eine schmucklose Kanzleisprache. Ein behutsamer Einsatz von Interpunktion leitet den Lesefluss, sodass der Text in einem Zug ohne Probleme konsumiert werden kann. Dennoch treten immer wieder besondere Sätze und Phrasen auf. Insbesondere der erste Satz der Erzählung darf als einer der schönsten ersten Sätze der deutschsprachigen Literatur gelten, wie ein von der Initiative Deutsche Sprache und der Stiftung Lesen 2007 durchgeführter Wettbewerb ergab, dort belegte er den zweiten Platz (Wienß 2007).

Die Sätze sind verhältnismäßig lang, weisen aber eine eher einfache Struktur auf, wie das folgende Beispiel verdeutlicht: »Zwei Tage lang waren bei allen Mahlzeiten Beratungen darüber zu hören, wie man sich jetzt verhalten solle; aber auch zwischen den Mahlzeiten sprach man über das gleiche Thema, denn immer waren zumindest zwei Familienmitglieder zu Hause, da wohl niemand allein zu Hause bleiben wollte und man die Wohnung doch auf keinen Fall gänzlich verlassen konnte« (150). Dieser Satz besteht aus 55 Wörtern und übertrifft damit, wie der Sprachkritiker Wolf Schneider bemerkt, sogar das typische Amtsdeutsch (Schneider 2012). Trotz der Länge sind die Sätze aber sehr gut verständlich. Auch dies lässt den Lesefluss harmonisch wirken, wobei gerade der Länge eine wichtige Rolle zukommt. Die Harmonie des Leseaktes steht aber in scharfem Kontrast zum dargebotenen Inhalt, der alles andere als harmonisch ist. 

Stellenweise wirkt die Sprache aber auch wieder – was typisch für Kafka ist – nebulös und traumartig. So etwa in diesen Sätzen: »Er lag auf dem Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen« (115).

Kafkas Stil verdankt sich auch seinem Schreibideal. In einem Brief an seine Verlobte Felice Bauer schreibt er über »Die Verwandlung«: »Eine solche Geschichte müßte man höchstens mit einer Unterbrechung in zweimal 10 Stunden niederschreiben, dann hätte sie ihren natürlichen Zug und Sturm, den sie vorigen Sonntag in meinem Kopf hatte« (Kafka 2009). 

So entstehen Texte, die sich eben nicht durch eine hohe Durchkomponiertheit auszeichnen, womit Kafka sich in einer anderen Traditionslinie befindet als Vertreter der klassischen Moderne wie etwa James Joyce oder Alfred Döblin. Kafkas Texte – und damit seine Schreibweise – sind als Versuch, das Unterbewusste sprechen zu lassen zu verstehen. Damit steht er den Surrealisten um André Breton nahe (vgl. Breton 1977, S. 16 f.), ohne dass er freilich als Surrealist bezeichnet werden würde. Nicht zuletzt, weil es eine zwar stabile, aber gleichzeitig zurückhaltende Erzählinstanz gibt. 

Bis zu Gregors Tod handelt es sich um einen heterodiegetischen, aber intern fokalisierten Erzähler. Das bedeutet, der Erzähler ist zwar nicht Teil der Welt, von der er erzählt (heterodiegetisch), aber er kennt alle Gedanken und Gefühle einer Person in dieser Welt. Der Erzähler ist also intern fokalisiert, er hat den Fokus auf Gregors gedanklich-emotionales Innenleben gerichtet. 

Veröffentlicht am 13. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 13. Januar 2023.