Die Verwandlung

Zitate und Textstellen

  • »Du mußt bloß nur den Gedanken loszuwerden versuchen, daß es Gregor ist.«
    – S. 191. Von Grete geäußert.

    Dieses Zitat verdeutlicht gegen Ende der Erzählung, dass die Familie sich nun vollends von Gregor emanzipiert hat. Die erste, die das erkennt, ist Grete. Allerdings hat sie leichtes Spiel, da auch die Eltern latent dieser Überzeugung sind. Man kann sagen, dass mit diesem Satz die Verwandlung nach der eigentlichen Verwandlung abgeschlossen ist. Vielleicht ist aber auch diese zweite Verwandlung als die eigentliche Verwandlung zu begreifen.

  • »War er ein Tier, da ihn Musik so ergriff?«
    – S. 185. Vom Erzähler geäußert.

    Ein Satz, der die typische Doppeldeutigkeit kafkascher Prosa aufzeigt. Handelt es sich um eine rhetorische Frage, die ausdrücken soll, dass Gregor ja wohl kaum ein Tier sein kann, wenn ihn Musik so ergreifen kann? An anderer Stelle in der Erzählung heißt es aber, dass Gregor als Mensch Musik überhaupt nicht geliebt habe (152). Offensichtlich ergreift die Musik Gregor genau dann, wenn er ein Tier ist. Und das ist ziemlich paradox.

  • »Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.«
    – S. 115. Vom Erzähler geäußert.

    Der erste Satz der Erzählung und eine der komprimiertesten, funktionsfähigen Expositionen überhaupt. Es hat den Anschein, als entfalte sich die komplette Erzählung allein aus diesem ersten Satz – nebenbei ein typisch modernes Erzählverfahren, das auch auf die Surrealisten verweist.

  • »Endlich!«
    – S. 193. Von Grete geäußert.

    Das letzte Wort, das Grete zu Gregors Lebzeiten äußert. Sie sagt es, während sie den Schlüssel zu Gregors Tür umdreht und ihn einschließt. In diesem knappen Wort drückt sich die ganze angestaute Wut Gretes aus.

  • »Sehen Sie nur mal an, es ist krepiert; da liegt es, ganz und gar krepiert.«
    – S. 194. Von der Bedienerin geäußert.

    Die Bedienerin musste sich niemals von Skrupeln plagen lassen. Für sie war Gregor von Anfang an ein Mistkäfer, ein Tier, ein Es. Und so ein Es, das krepiert, das stirbt nicht. Vielleicht ist dieser Satz einer der ehrlichsten in der ganzen Geschichte.

  • »Und es war ihnen eine Bestätigung ihrer neuen Träume und guten Absichten, als am Ziele ihrer Fahrt die Tochter als erste sich erhob und ihren jungen Körper dehnte.«
    – S. 200. Vom Erzähler geäußert.

    Der letzte Satz der Erzählung, der in gewollt kitschiger Manier die bürgerlichen Vorstellungen der Familie Samsa ausdrückt. An diesem Satz merkt man, wie beschädigt die Emotionalität der Familie ist. Wenn der Sohn und Bruder eines Morgens in ein Ungeziefer verwandelt ist – dann hat sich das mit den »Träumen und guten Absichten« erledigt. Zusätzlich wird hier deutlich, worauf es in der bürgerlichen Gesellschaft, unter der nicht zuletzt Kafka zu leiden hatte, ankommt: Sexuelle Ausstrahlung, damit man sich fortpflanzen kann.

  • »Kind, was sollen wir aber tun?«
    – S. 190. Vom Vater geäußert.

    Hier erweist sich, wie schwach und autoritär zugleich der Vater ist. Sein Sohn ist ihm seit dessen Verwandlung nur noch Gewalt wert. Vor Grete aber pariert der Vater, genauso wie er vor seinen Vorgesetzten und den Untermietern pariert.

  • »Ja«
    – S. 119. Von Gregor geäußert.

    Das erste Wort, das Gregor in «Die Verwandlung» sagt, ist ein Ja. Noch ist er der Zukunft gegenüber aufgeschlossen, er hat noch Hoffnung.

  • »Nein«
    – S. 127. Von Gregor geäußert.

    Das letzte Wort, das Gregor in «Die Verwandlung» sagt. Die Hoffnung hat ihn verlassen.

  • »[D]ann sagte der Vater schließlich ein großes „Nein”«
    – S. 151. Vom Vater gesagt, in den Text des Erzählers eingebettet.

    Eines der Beispiele, wie der Vater seine Stimme benutzt, um Macht auszuüben. Selbstverständlich psychoanalytisch hochinteressant, wo das Nein des Vaters das erste Einbrechen der Gesellschaft in die symbiotische Beziehung Mutter-Kind bedeutet.

Veröffentlicht am 13. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 13. Januar 2023.