Die Verwandlung

Kapitel II

Zusammenfassung

Aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht, bemerkt Gregor eine tiefgreifende Veränderung in der Wohnung. Alles ist sehr still und bedrückt. Dazu kommt, dass Gregor Hunger hat.

Jemand hat etwas Milch in sein Zimmer gestellt, allerdings ist das eine Nahrung, die der Käfer Gregor nicht mehr verdauen kann. Aus den anderen Räumen dringt kein Geräusch, später aber wird Gregor klar, dass der Rest der Familie die ganze Zeit anwesend war. Gregor versucht, Pläne für die Zukunft zu fassen. Dabei wird ihm bewusst, dass das freie Zimmer ihn ängstigt, weswegen er sich, nach Art eines Ungeziefers, unter einem Möbelstück versteckt, um dort schließlich zu schlafen.

Früh am Morgen des nächsten Tages kommt Grete und schaut nach, wo Gregor ist. Als sie ihn unter dem Kanapee sieht, schlägt sie die Tür schnell zu. Dann aber schaut sie nochmals herein, um sich davon zu überzeugen, ob Gregor die Milch getrunken hat oder nicht. Als sie sieht, dass dem nicht so ist, bringt sie ihm eine Auswahl unterschiedlicher Nahrungsmittel. Darunter befinden sich sowohl Mahlzeiten, die Menschen essen würden als auch solche, die Nahrungsabfälle sind. Es sind genau diese Abfälle, die Gregor am besten schmecken, ja, die er überhaupt verdauen kann.

In der Folge wird Grete das Familienmitglied, das für Gregors Ernährung zuständig ist. Allerdings kommt es nicht wirklich zu einer Interaktion zwischen Gregor und Grete. Sie bringt das Essen nur dann herein, wenn Gregor sich bereits versteckt hat. Als unverabredetes Zeichen dient dabei das Umdrehen des Schlüssels durch Grete. Die Geschwister sprechen auch nicht miteinander, nur manchmal kommentiert die Schwester, was mit dem Essen geschehen ist.

Durch ihre neuen Aufgaben wird Grete zusehends selbstständiger. War sie zuvor noch ein junges Mädchen, das sich um nichts ernsthaft gekümmert hat, hilft sie nun der Mutter im Haushalt und nimmt schließlich sogar eine Stelle an. Es wird zudem auch klarer, dass die finanziellen Verhältnisse der Familie gar nicht so hoffnungslos sind.

Gregor leidet unter der Einsamkeit. Er versteht, dass seine Schwester nicht mit ihm sprechen und ihn nicht sehen will und sehnt sich daher nach seiner Mutter. Diese aber wird von der Schwester, vielleicht aus Schonung, ferngehalten.

Eines Tages braucht Grete die Mutter doch als Hilfe dabei, Möbel aus Gregors Zimmer zu entfernen. Wahrscheinlich, damit Gregor besser im Zimmer herumkriechen kann. Die Mutter äußert allerdings Vorbehalte. So würde man ja zum Ausdruck bringen, dass man die Hoffnung auf Besserung ganz aufgegeben habe. Grete redet ihr diese Bedenken aus. Auf Gregor jedoch macht das Argument Eindruck und er versucht ein Bild, das noch in seinem Zimmer hängt, mit seinem Körper vor der Entfernung zu schützen. Genau dabei sieht ihn aber die Mutter und fällt in Ohnmacht.

Daraufhin bricht Chaos aus. Die Mutter fällt in Ohnmacht, Grete und Gregor sind überfordert und genau da kommt der Vater von seiner neuen Anstellung als Bankdiener nach Hause, ergreift die Initiative und greift Gregor an, indem er mit Äpfeln nach ihm wirft. Ein Apfel verletzt Gregor dabei schwer und er flieht in sein Zimmer. Nur dem Flehen der Mutter ist es zu verdanken, dass der Vater nicht nachsetzt und ihn umbringt.

Analyse

In der Familie macht sich eine extreme Kommunikationsarmut breit. Nicht nur, dass Gregor nicht verstanden werden kann, auch die Familie ist auffallend still (144). Allerdings ist unklar, ob die Ruhe bereits vor oder erst nach Gregors Verwandlung eingetreten ist. Jedenfalls irritiert Gregor die Stille scheinbar nicht, er nimmt sie als Zeichen dafür, dass die Familie aufgrund der von ihm abgelieferten Geldbeträge ein Leben in Ruhe und Behaglichkeit führen könne (144). Gleichzeitig scheint ihn die Stille aber doch zu irritieren, denn weil es so still ist und die Gedanken an seine Verwandlung aufkommen, muss er sich ablenken, muss er etwas tun: »Um sich nicht in solche Gedanken zu verlieren, setzte sich Gregor lieber in Bewegung und kroch im Zimmer auf und ab« (144). Hiermit wird gezeigt, dass der neue Körper Gregors auch Vorteile hat. Den fruchtlosen und destruktiven inneren Monolog kann dieser Körper durch Bewegung zum Verstummen bringen. Sein Körper ist für Menschen abstoßend, dafür aber ist der Körper funktional. Er hat einen harten Panzer, kann an der Decke krabbeln – Gregors Verwandlung hat nicht nur Nachteile.

Allerdings melden sich auch die Bedürfnisse dieses Körpers (144). Gregor bekommt Hunger – ein Motiv, das bei Kafka immer wieder vorkommt, so etwa in der Erzählung »Ein Hungerkünstler«. Doch hat sich mit dem Körper auch Gregors Geschmack verändert. Da er nun ein Ungeziefer ist, isst er das, was Menschen als Abfall bezeichnen würden (147). Genau das muss aber erstmal herausgefunden werden. Es ist ein Zeichen für die einsetzende Entwicklung Gretes, dass sie eine regelrechte Versuchsanordnung praktiziert, um herauszufinden, welche Nahrungsmittel für Gregor genießbar sind (147). Nach und nach entwickelt Grete so Verantwortung für den Bruder bzw. das »Untier«, wie sie ihn an anderer Stelle nennt (189). Zu Beginn des zweiten Kapitels tritt Grete das erste Mal als selbstständig handelnde Person auf.

Im zweiten Kapitel wird auch klar, dass die Familie Samsa gar nicht so arm ist, wie Gregor dachte (151). Aus dem Bankrott, den der Vater fünf Jahre zuvor hatte erleiden müssen, konnte offensichtlich »ein allerdings ganz kleines Vermögen« (153) gerettet werden. So klein aber kann dieses Vermögen nicht sein, da es immerhin ausreichend ist, die ganze Familie ein oder sogar zwei Jahre lang zu ernähren und in der Wohnung leben zu lassen. Dass Gregor fünf Jahre lang einen Beruf ausgeübt hat, unter dem er litt, der – auch dies ist ein Interpretationsansatz – vielleicht sogar für seine Verwandlung verantwortlich zu machen ist, dass Gregor von seiner Familie gar ausgenutzt wurde, sieht Gregor nicht, denn »jetzt war es zweifellos besser so, wie es der Vater eingerichtet hatte« (154).

Das zweite Kapitel kann insgesamt als Weiterführung des Spannungsbogens verstanden werden. Überhaupt sind in «Die Verwandlung» keine wirklichen Plot-Twists zu erkennen. Dadurch gewinnt die Erzählung insgesamt den Eindruck eines Experimentes. Es ist ja auch eine hochgradig realistische Welt, die hier geschildert wird. Das einzige Phänomen, das mit diesem Realismus bricht, ist die Verwandlung selbst. Dennoch ist auch der Eindruck, es handele sich um eine Welt, die voll und ganz der Realität gehorcht, in sich gebrochen, weil die Reaktionen der anderen auf Gregor so unplausibel erscheinen, gleichzeitig aber von erschreckender Banalität sind. Dadurch wirkt die ganze Erzählung so real und gleichzeitig irreal wie ein Traum. Alles ist irgendwie vernünftig und irgendwie wahnsinnig – genau das macht die große Bedeutung dieser Erzählung aus.

Gegen Ende des zweiten Kapitels wird die Handlung dann wieder gedrängter, die Ereignisse überschlagen sich. Zunächst will Grete nur ein paar Möbel aus Gregors Zimmer entfernen, weil sie, so jedenfalls erklärt es sich der gutgläubige Gregor, ihn nicht am Herumkrabbeln hindern will (160). Weil niemand anderes als Hilfe zur Verfügung steht, greift Grete auf die Mutter zurück. Diese aber ist nicht wirklich einverstanden mit Gretes Vorhaben: »[U]nd ist es nicht so, als ob wir durch die Entfernung der Möbel zeigten, daß wir jede Hoffnung auf Besserung aufgeben und ihn rücksichtslos sich selbst überlassen?« (161). Nachdem Gregor zuvor die Absicht der Schwester für eine überaus gute Idee gehalten hatte, überzeugt ihn nun der Einwand der Mutter sofort. »Beim Anhören dieser Worte der Mutter erkannte Gregor, daß der Mangel jeder unmittelbaren Ansprache, verbunden mit dem einförmigen Leben inmitten der Familie, im Laufe dieser zwei Monate seinen Verstand hatte verwirren müssen« (162). Gregor reagiert, indem er die Möbel retten will. In der Eile fällt ihm nichts besseres ein, als sich auf das Bild, das die Dame im Pelz darstellt, zu setzen, damit man es nicht wegnehmen kann (166).

An dieser Stelle sei nochmal darauf hingewiesen, dass zu Beginn der Erzählung rätselhafte weiße Tropfen auf Gregors Bauch klebten, die vielleicht auf sexuelle Erregung während des Schlafes schließen lassen. Auch in der vorliegenden Szene spielt der Bauch, der als Verlängerung des Unterleibs verstanden werden kann, eine wesentliche Rolle: »[D]a sah er an der im übrigen schon ganz leeren Wand auffallend das Bild der in lauter Pelzwerk gekleideten Dame hängen, kroch eilends hinauf und preßte sich an das Glas, das ihn festhielt und seinem heißen Bauch wohltat« (165). Eine nicht unplausible Erklärung liefert die Psychoanalyse. Gregors Verwandlung ist eine Metapher für seine Entmannung. Er hat kein Geschlechtsteil mehr, ist kastriert, hat aber trotzdem weiterhin seinen Sexualtrieb. Deswegen ist immer nur die Rede von seinem Bauch, denn unterhalb des Bauches ist eben nichts mehr zu finden. Allerdings sind Interpretationsansätze der Psychoanalyse recht voraussetzungsreich. Tatsächlich verbleibt das Geschehen ja in Andeutungen. Diese aber bestehen auf jeden Fall.

Dass Kafka sich mit der Psychoanalyse auseinandergesetzt hat, ist erwiesen. In seinem Tagebuch schreibt er, dass er beim Verfassen der Erzählung »Das Urteil« Gedanken an Freud gehabt habe und unterstreicht dies mit dem Zusatz »natürlich« (T 461). Freud war dem Schriftsteller Kafka also durchaus bekannt. Das spricht durchaus für die Berechtigung psychoanalytischer Interpretationen.

Auch die folgende Szene – die Mutter ist ohnmächtig, der Vater bombardiert Gregor mit Äpfeln – ist ein ergiebiges Feld für die Psychoanalyse. Zunächst ist da eine Formulierung, die aufhorchen lässt: »Gregor staunte über die Riesengröße seiner Stiefelsohlen« (170). Einerseits zeigt das, dass Gregor bereits so sehr Insekt ist, dass er die spezifischen Ängste eines Insektes (wie Menschen sie sich vorstellen würden) kennt: Insekten werden von Stiefeln zertreten, folglich haben Stiefel für sie eine besondere – besonders schreckliche – Bedeutung. Psychoanalytisch hingegen sind die beiden Begriffe Riesengröße und Vater allerdings ein wenig expliziter zu verstehen. Im psychoanalytischen Diskurs ist es ja vor allem der Phallus, der die Machtstellung des Vaters begründet. Der riesengroße Phallus des Vaters – so würde eine entsprechende Deutung lauten – verblüfft und verängstigt Gregor. Auch diese Interpretation ist allerdings als hochgradig voraussetzungsreich zu bezeichnen.

Zum Abschluss des Kapitels findet sich wieder eine Andeutung, die durchaus als sexuell zu verstehen ist. Die in Ohnmacht gefallene Mutter erwacht im Nebenzimmer und rettet Gregor das Leben. Diese Szene ist aus der Sicht Gregors geschildert, was dem ganzen eine infantile und damit der Psychoanalyse gegenüber aufgeschlossene Perspektive verleiht: »Nur mit dem letzten Blick sah er noch, wie die Tür seines Zimmers aufgerissen wurde, und vor der schreienden Schwester die Mutter hervoreilte, im Hemd, denn die Schwester hatte sie entkleidet, um ihr in der Ohnmacht Atemfreiheit zu verschaffen, wie dann die Mutter auf den Vater zulief und ihr auf dem Weg die aufgebundenen Röcke einer nach dem anderen zu Boden glitten, und wie sie stolpernd über die Röcke auf den Vater eindrang und ihn umarmend, in gänzlicher Vereinigung mit ihm – nun aber versagte Gregors Sehkraft schon – die Hände an des Vaters Hinterkopf um Schonung für Gregors Leben bat« (171). Die Mutter ist »entkleidet«, die »aufgebundenen Röcke« fallen zu Boden, sie »dringt auf den Vater ein«, umarmt ihn, ist »in gänzlicher Vereinigung mit ihm« und hat, was bei einer bloßen Umarmung nicht ganz stimmig ist, eher an Geschlechtsverkehr denken lässt, »die Hände an des Vaters Hinterkopf«, was nebenbei auch bedeuten könne, dass sie an das dort lokalisierte Kleinhirn, also den Part, der für die eher primitiven Regungen zuständig ist, plädiert. «Die Verwandlung» ist definitiv ein Glücksfall für die psychoanalytische Literaturtheorie.

Veröffentlicht am 13. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 13. Januar 2023.