Die Verwandlung

Kapitel III

Zusammenfassung

Die Wunde entzündet sich und Gregors körperliche Leistungsfähigkeit nimmt rapide ab. Allerdings scheint sich die Familie nun einigermaßen mit der Situation arrangiert zu haben und stellt ihm, solange er in seinem Zimmer bleibt, nicht weiter nach.

Herr Samsa, der Vater, ist so stolz auf seine neue Arbeit, dass er auch Zuhause die Uniform nicht abnimmt. Dadurch verdreckt sie zunehmend. Alle Familienmitglieder, außer Gregor, haben extrem viel zu tun und arbeiten hart. Dadurch sind die Abende still und monoton. Gleichzeitig wird eine neue Bedienerin eingestellt. Die Wohnung aber erscheint der Familie mittlerweile unerschwinglich, weswegen die Entscheidung getroffen wird, einen Teil der Wohnung unterzuvermieten.

Auch aufgrund ihrer eigenen Verpflichtungen, sie lernt Französisch, Stenographie und arbeitet als Verkäuferin, vernachlässigt Grete Gregors Zimmer und seine Ernährung. Gleichzeitig verbietet sie der Mutter, sich Gregors anzunehmen. Das meiste Interesse an Gregor zeigt aber die neue Bedienerin, die überhaupt keinen Ekel ihm gegenüber zu empfinden scheint und die er auch nicht einschüchtern kann.

Gregor leidet unter der zunehmenden Isolation. Die physischen und psychischen Beschwerden äußern sich in Appetit- und Antriebslosigkeit, sein Ende zeichnet sich ab.

Als Untermieter ziehen drei Herren ein, die nichts von Gregor wissen. Den Männern gegenüber ist die Familie sehr unterwürfig und bedient sie auf Kommando. Eines Abends spielt Grete Geige, woraufhin die Herren verlangen, dass Grete auch für sie spiele. Durch einen Zufall bekommt Gregor das mit und hört zu. Als die Herren Desinteresse zeigen, stellt Gregor sich vor, wie er die Schwester vor diesen Banausen beschützen und ihr seine Liebe und körperliche Zuneigung zeigen könne. Dabei tritt er aber aus seinem Zimmer und die Herren werden auf ihn aufmerksam.

Es kommt zum Skandal. Die Herren fordern Entschädigung und verlassen das Zimmer. Daraufhin berät sich die Familie, was zu tun sei, und Grete kommt zu dem Schluss, dass das Ungeziefer nicht mehr als Gregor anzusehen sei. Diesmal muss niemand Gregor zurück in sein Zimmer jagen, er geht von allein. In seinem Zimmer stirbt Gregor.

Die Bedienerin findet Gregors Leichnam und verspricht, sich darum zu kümmern. Den Mietern wird gekündigt und auch die Bedienerin soll entlassen werden. Zur Feier des Tages macht die Familie Samsa einen Ausflug ins Grüne. Dabei stellen die Eltern erfreut fest, dass ihre Tochter Grete unversehens zu einer jungen Frau geworden ist.

Analyse

Das dritte Kapitel nimmt ein wenig Dynamik aus der Handlung. Nachdem das Apfelbombardement durchaus als Höhe- oder Wendepunkt bezeichnet werden konnte, tritt nun, wenn schon nicht Entspannung, so doch zumindest eine Art Waffenstillstand ein. Sogar die Zimmertür wird hin und wieder geöffnet, damit Gregor am familiären Leben – wenngleich passiv und ausschließlich rezeptiv – teilnehmen kann. Die Einblicke ins familiäre Leben häufen sich nun.

Dabei fällt auf, dass der Vater sich weigert, seine neue Uniform auszuziehen. »Mit einer Art Eigensinn weigerte sich der Vater auch, zu Hause die Dieneruniform abzulegen; und während der Schlafrock nutzlos am Kleiderhaken hing, schlummerte der Vater vollständig angezogen auf seinem Platz, als sei er immer zu seinem Dienste bereit und warte auch hier auf die Stimme des Vorgesetzten« (173). An dieser Stelle wird deutlich, wie ungemein wichtig die Stimme ist, wenn es um Machtbeziehungen geht. Im ersten Kapitel erhebt der Prokurist die Stimme, woraufhin Gregor sich bemüht, sofort die Tür aufzumachen (128). Gegen Ende des ersten Kapitels heißt es über den Vater: »Vielmehr trieb er, als gäbe es kein Hindernis, Gregor jetzt unter besonderem Lärm vorwärts; es klang schon hinter Gregor gar nicht mehr wie die Stimme bloß eines einzigen Vaters; nun gab es wirklich keinen Spaß mehr« (142). Die Stimme befiehlt, sie ruft zur Ordnung. Dazu passt, dass Gregor, der aller Macht, die er als Ernährer der Familie ja wenigstens teilweise gehabt hatte, verlustig gegangen ist, auch seine Stimme verloren hat. Gregor ist nur noch als Befehlsempfänger geeignet. Der Vater kann wenigstens noch Befehle nach unten weiterreichen.

Zum Themenfeld der Macht passen auch die drei Untermieter, die die Familie aufnimmt, um sich etwas Geld dazuzuverdienen (180). Die drei treten recht herrisch auf: »Diese ernsten Herren – alle drei hatten Vollbärte, wie Gregor einmal durch eine Türspalte feststellte – waren peinlich auf Ordnung, nicht nur in ihrem Zimmer, sondern, da sie sich nun einmal hier eingemietet hatten, in der ganzen Wirtschaft, also insbesondere in der Küche, bedacht. Unnützen oder gar schmutzigen Kram ertrugen sie nicht« (181). Weil die Herren ihre eigenen Möbel mitgebracht haben, wandern viele der ursprünglich im Haushalt aufgestellten Möbel kurzerhand zu Gregor. Es findet also eine Umkehr statt. Während im vorherigen Kapitel noch der Wille erkennbar war, Gregors Zimmer freizuräumen, wird es nun vollgestellt. Vielleicht ein Zeichen, dass Gregor schlussendlich aufgegeben wurde.

Als die Zimmerherren eines Abends Grete auf der Geige spielen hören, bitten sie sie zu sich, verlieren jedoch bald das Interesse an der Musik. Gregor aber ist tief gerührt. Aus dieser Rührung entspannt sich eine latent erotische Fantasie: »War er ein Tier, da ihn Musik so ergriff? Ihm war, als zeige sich ihm der Weg zu der ersehnten unbekannten Nahrung. Er war entschlossen, bis zur Schwester vorzudringen, sie am Rock zu zupfen und ihr dadurch anzudeuten, sie möge doch mit ihrer Violine in sein Zimmer kommen« (185 f.). Und dann: »Er wollte sie nicht mehr aus seinem Zimmer lassen, wenigstens nicht solange er lebte« (186), und schließlich: »Gregor würde sich bis zu ihrer Achsel erheben und ihren Hals küssen, den sie, seitdem sie ins Geschäft ging, frei ohne Band oder Kragen trug« (186).

Grete reagiert jedoch anders als Gregor es sich ausgemalt hat. Sie ist es, die das Todesurteil über Gregor spricht: »Weg muss es« (191). Und weil der Vater nicht vollständig überzeugt ist, beschwichtigt sie ihn: »Du mußt bloß den Gedanken loszuwerden versuchen, daß es Gregor ist. Daß wir es solange geglaubt haben, das ist ja unser eigentliches Unglück« (191).

Sie spricht das Todesurteil über Gregor aus, indem sie dem Ungeziefer abspricht Gregor zu sein. Das Urteil wird nicht ausgeführt und wird, das ist die typisch kafkaeske Paradoxie, doch ausgeführt. Im dritten Kapitel wird Gregor nicht physisch angegriffen, aber er stirbt und zwar stirbt er – und auch das ist wieder ein Hinweis auf die Macht der Sprache – durch das Urteil allein. Letzten Endes kann man sagen, dass «Die Verwandlung» eine Erzählung über die Sprache ist.

Veröffentlicht am 13. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 13. Januar 2023.