Die Verwandlung

Figuren

Figurenkonstellation

Die Verwandlung – Figurenkonstellation
  • Gregor Samsa

    Gregor ist Vertreter für eine Textilwarenhandlung. Seinen Beruf hat er lediglich deswegen angenommen, um die Schulden, die sein Vater beim Eigentümer des Geschäfts hat, zu begleichen. Damit gerät er ohne eigenes Verschulden in eine starke Abhängigkeit, unter der er leidet. Über den Gregor vor der Verwandlung erfährt man nicht sehr viel. Viele Freunde und Bekannte hatte er nicht, an »menschlichem Verkehr« mangelte es (vgl. 116). Insgesamt erscheint Gregor eher schwermütig, gleichzeitig ist er sehr zurückhaltend, selbstlos, freundlich. Diese Eigenschaften stechen natürlich vor dem Hintergrund seiner Verwandlung in ein Ungeheuer noch deutlicher hervor. Selbst gegen Ende, als er stirbt weil sich niemand um ihn kümmert, hat er keinen bösen Gedanken an seine Familie (193).
    Allerdings erfährt man, dass Gregor bei der Armee gedient hat (135) – prinzipiell ist Gregor also in der Lage, zu kämpfen, tut dies aber nicht. Aus Rücksicht seiner Familie gegenüber.

    Obwohl die Erzählung zumindest bis zu dem Punkt, an dem Gregor stirbt, aus seiner Perspektive erzählt wird, Leserinnen und Leser also die ganze Zeit Anteil an seinen Gedanken haben, erfährt man wenig über ihn. Er ist gutgläubig, wie die obige Analyse ergeben hat, aber auch nicht sehr charakterstark. Man kann über Gregor sagen, dass er sich vor allem beeinflussen und von außen lenken lässt. Allerdings brechen manchmal Gefühle aus ihm heraus, die durch ihre Heftigkeit sehr unpassend erscheinen. So möchte er Grete »ins Gesicht springen« (166), an anderer Stelle will er seiner Schwester »den Hals küssen« (186). Wenn man nun noch bedenkt, dass der Autor Kafka in seinem Tagebuch notierte: »Liebe zwischen Bruder und Schwester – die Wiederholung der Liebe zwischen Mutter und Vater« (438), so ergibt sich auch hier ein Bild von einer Beziehung, die nicht frei von Sexualität ist.

  • Grete

    Im Gegensatz zu Gregor hat Grete musikalisches Talent, sie spielt die Violine und zwar anscheinend so gut, dass Gregor sie aufs Konservatorium schicken wollte. Aber Grete ist nicht nur künstlerisch begabt, sie kann auch arbeiten. So geht sie einer Tätigkeit als Verkäuferin nach, lernt eine Fremdsprache und Stenographie, was zu damaliger Zeit eine Kernkompetenz junger Frauen war, die einer Bürotätigkeit nachgehen wollten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist eine Bürotätigkeit für junge Frauen außerordentlich attraktiv gewesen. Hier konnten sie auch finanzielle Unabhängigkeit erlangen, was in der Forschung auch als Grund dafür gesehen wird, dass die feministische Bewegung an Fahrt aufnahm. Grete kann also durchaus als Frau gesehen werden, die den Weg der Emanzipation geht. War sie zuvor noch ein Mädchen, das sich um nichts gekümmert hat, wächst sie nicht zuletzt an der Aufgabe, sich um Gregor zu kümmern.

    Ihr Verhältnis zu Gregor ist zu Anfang noch ungetrübt, nach und nach aber entfremdet sie sich von ihm. Seitdem Gregor ein Käfer ist, ist sie außerdem auch angeekelt von ihm, was in scharfem Kontrast zu Gregors auf Grete gerichteten Fantasien steht.
    Allerdings scheint das emanzipative Potential Gretes letzten Endes nicht ganz eingelöst zu werden. Gegen Ende der Erzählung geht es eben doch nur darum, »einen braven Mann für sie zu suchen« (200). Auch verweist der Schluss auf ihre Körperlichkeit und ihre Jugend. Dies kann so gelesen werden, als ob es sich bei der Emanzipation lediglich um eine Phase gehandelt habe, nach deren Abschluss wieder das bürgerliche Modell bevorzugt wird.

  • Vater

    Der Vater von Gregor ist ein erfolgloser Geschäftsmann, der fünf Jahre vor der Handlung Konkurs anmelden musste. Daraufhin hat Gregor die Familie allein versorgt, was mit einer plötzlichen Alterung des Vaters einherging. Der Vater benimmt sich wie ein Greis, wobei an keiner Stelle gesagt wird, wie alt der Vater nun tatsächlich ist. Gregors Vater ist ein sehr strenger Vater, der auch vor Gewalt nicht zurückschreckt. Jedes der beiden ersten Kapitel endet jeweils mit einer Verletzung Gregors, für die der Vater verantwortlich ist.

    Gleichzeitig erweist sich der Vater als sehr unterwürfig. So wie Gregor ihm gegenüber unterwürfig ist, wie sich an den Stellen zeigt, die der Gewalt vorangehen. Der Vater ist gerade gegen die Zimmerherren übertrieben höflich (184). Außerdem identifiziert er sich so sehr mit seiner Arbeit, dass er die Uniform, die die eines Dieners ist, nicht einmal zum Schlafen ausziehen will. Auch dies ist ein Beispiel dafür, wie unterwürfig er ist. Moralisch betrachtet ist der Vater also eine durch und durch abstoßende Figur. Er ist grausam zu denen, die ihm ausgeliefert sind und unterwürfig gegenüber denen, die ihm vorgesetzt sind. Damit erinnert er durchaus an typische Klischees von Kleinbürgern (zum Beispiel Diederich Heßling im Roman «Der Untertan» von Heinrich Mann).

  • Mutter

    Tatsächlich bleibt die Mutter von allen Familienmitgliedern am blassesten. Allerdings ist sie auch die einzige, die bis zuletzt an Gregor festhält. Sie ist eine gute Seele von fragiler Gesundheit. Dennoch arbeitet sie viel und opfert sich für die Familie auf. Ein wenig Profil gewinnt sie, wenn sie Grete davon abhalten will, die Möbel aus Gregors Zimmer zu schaffen, allerdings kann sie sich gegen ihre Tochter nicht durchsetzen. Auf den Vater kann sie zwar mit Zärtlichkeiten einwirken und lenkt ihn so gewissermaßen aus dem Hintergrund – auch zeigt er ihr gegenüber seine tyrannische Seite nicht. Viel mehr gibt die Mutter allerdings nicht von sich preis. Sie ist eine stille Person und fast schon auffallend unauffällig.

  • Prokurist

    Der Prokurist repräsentiert die Arbeit Gregors und damit den Zwang, dem dieser unterliegt. Er tritt extrem herrisch auf, erweist sich aber als feige, als er Gregor zu Gesicht bekommt. Letzten Endes ist über den Prokuristen nicht viel zu sagen. Er ist ein Stellvertreter, der selbst keine bemerkenswerte Persönlichkeit aufweist. Weil er im Auftrag handelt, ist er ganz von diesem Auftrag erfüllt. Ähnlich ergeht es auch Gregors Vater mit seiner Uniform. Somit hat der Prokurist fast die Rolle einer Karikatur, was freilich nichts daran ändert, dass er Gregor gegenüber grausam ist.

  • Die drei Herren

    Die drei Mieter treten eher als Flat Characters auf, das bedeutet in diesem Zusammenhang, dass sie keiner wirklichen Entwicklung unterliegen und auch keine großartigen Charakteristika aufweisen. Dennoch sind sie nicht unwichtig für den Verlauf der Handlung. Sie repräsentieren, gerade in ihrer Unauffälligkeit, die Anonymität der Gesellschaft und gesellschaftliche Macht. Dies tun sie in zwei Weisen. Einerseits fungieren sie als Stellvertreter des gesellschaftlichen großen Anderen innerhalb der Familie Samsa, führen also die gesellschaftliche Macht, denen die gesamte Familie unterworfen ist, in die Familie ein. Andererseits bilden sie gesellschaftliche Macht auch innerhalb ihrer eigenen Gruppe ab, schließlich sind zwei der Herren dem Dritten hörig. Dabei ist vor allem interessant, dass die Männer sich äußerlich kaum bis gar nicht voneinander unterscheiden. Damit ist eine Doppelgänger-Rolle eingeführt, die hier sogar noch durch die Dreiheit überboten wird. Der Doppelgänger ist eine literarische Figur, die sich vor allem mit der Romantik verbinden lässt. Doppelgänger zeigen immer eine gewisse Unsicherheit des Subjektes an, können aber auch für den Wahnsinn stehen. So unterwandern auch die drei Herren in Kafkas Erzählung die Subjektivität und Individualität der Familienmitglieder.

    Dass die drei Herren gesellschaftliche Macht repräsentieren, erkennt man auch daran, dass sie in dem Moment, in dem Herr Samsa die Überhand gewinnt, diesem hörig werden. Zuvor war das Machtgefälle noch umgekehrt. In diesem Sinne lassen sich die drei Männer als Hinweis darauf verstehen, dass gesellschaftliche Macht immer etwas Unwesentliches hat, auf Positionen, also Machtpositionen im gesellschaftlichen Gefüge verweisen, die nichts mit der Person zu tun haben, die diese Position jeweils einnimmt.

  • Die Bedienerin

    Die Bedienerin wird als rustikale Frau vom Land geschildert. Das Adjektiv rustikal bezieht sich dabei sowohl auf ihr Aussehen als auch auf ihr Verhalten. Sie ist die einzige Person, die keinen Abscheu Gregor gegenüber zu empfinden scheint, ja, sie zeigt sich sogar interessiert an ihm. Gleichzeitig wird klar, dass ihr Interesse keiner Anteilnahme entspringt; Gregor interessiert sie lediglich als Kuriosum. Als Gregor stirbt, sagt sie nur: »Es ist krepiert« (194), womit sie zum Ausdruck bringt, dass sie Gregor nur deswegen nicht fürchtet, weil sie ihn nicht ernst nimmt. Für sie ist Gregor nur ein Es – während er für die anderen Familienmitglieder über weite Strecken Gregor bleibt.

    Nachdem Gregor gestorben ist, übernimmt es die Bedienerin, ihn wegzuschaffen. Dafür hat sie allerdings keine Dankbarkeit zu erwarten, sondern soll entlassen werden. Die Bedienerin ist ebenfalls ein Flat Character, spielt aber auch eine nicht unwesentliche Rolle. Sie zeigt, dass es nicht notwendig ist, sich vor Gregor zu fürchten. Gleichzeitig zeigt sie mit ihrer Emotionslosigkeit aber auch, dass es vielleicht genau dieses Desinteresse ist, das sie davor bewahrt, sich zu fürchten. Somit spiegelt die Bedienerin in gewisser Weise die Reaktion der Familie auf Gregor. Diese fürchten Gregor, gerade weil sie nicht uninteressiert an ihm sind.

Veröffentlicht am 13. Januar 2023. Zuletzt aktualisiert am 13. Januar 2023.