Die Erzählung »Sommerhaus, später« von Judith Hermann erschien 1998. Sie ist die Titelgeschichte des gleichnamigen Erzählbands, mit dem die Autorin ihr Debüt gab. Das Werk erfuhr eine außergewöhnliche Resonanz und wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet.

Sommerhaus, später

Inhaltsangabe

»Sommerhaus, später« ist eine Erzählung von Judith Hermann. Sie erschien 1998 als Titelgeschichte des gleichnamigen Erzählbands. Protagonist ist der Taxifahrer Stein. Er plant ein Leben mit der leichtlebigen Ich-Erzählerin. Die Beziehung der beiden verharrt im Vagen und im Warten. Orte der Handlung sind Berlin-Kreuzberg und der fiktive Ort Canitz im Oderbruch. Die erzählte Zeit lässt sich zwischen 1990 und 1996 verorten. Sie umfasst zweieinhalb Jahre, im engeren Sinne den Zeitraum zwischen Dezember und Mai eines Jahres.


Die Beziehung des Taxifahrers Stein zur Ich-Erzählerin, die in einer Künstler-Clique lebt, liegt bereits zwei Jahre zurück, als er sie einlädt, mit ihr ein Haus außerhalb Berlins zu besichtigen, das er endlich gefunden habe.

Es handelt sich um ein großes, verfallenes Gebäude im Oderbruch, das er in der Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft mit ihr gekauft hat. Aber die Erzählerin bleibt distanziert.

Stein renoviert das Haus in der Folgezeit trotzdem und hält die Ich-Erzählerin über seine Fortschritte auf dem Laufenden. Weil seine Bemühungen aber ohne Resonanz bleiben, gibt Stein letztlich alle Hoffnung auf, steckt das Haus in Brand und verschwindet. Die Erzählerin reagiert auf die ihr zugeschickte Zeitungsmeldung von der Zerstörung des Hauses nur mit dem Wort: »Später«.

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Chronologie und Schauplätze

Die Handlung spielt irgendwann zwischen 1990 und 1996, in Berlin-Kreuzberg und in dem fiktiven Ort Canitz im Oderbruch.

Die erzählte Zeit umfasst zweieinhalb Jahre, im engeren Sinn die Zeit von Anfang Dezember bis Mai des folgenden Jahres.

Dies ist ein Auszug aus Königs Erläuterungen zu »Sommerhaus, später«.

Personen

Erzählfigur:

  • Es wird zwar nicht gesagt, ob es sich um einen Erzähler oder eine Erzählerin handelt, die Handlung und das Verhalten der Erzählfigur legen aber eine junge Frau als Erzählerin nahe.
  • Sie ist unsicher und noch auf der Suche nach ihrer eigenen Identität.
  • Deshalb möchte sie sich nie festlegen, weicht allen Entscheidungen aus und verschiebt sie auf später.

Stein:

  • Der Taxifahrer hat sich in die Erzählerin verliebt und möchte mit ihr gemeinsam seine Zukunft gestalten.
  • Ihr zuliebe unterwirft er sich dem Rest der Clique, kauft das Haus im Oderbruch und renoviert es.

Clique:

  • Die Künstler-Clique besteht aus Anna, Christiane und Henriette sowie Falk, Heinze und Toddi sowie einigen ungenannten Mitgliedern.
  • Die Clique unterhält untereinander offene und wechselhafte Intim-Beziehungen.
Dies ist ein Auszug aus Königs Erläuterungen zu »Sommerhaus, später«.

Aufbau des Textes

  • Der Text ist in 23 Erzählabschnitte und zwei erzählerische Sonderformen, also in insgesamt 25 Erzählabschnitte eingeteilt.
  • Die Handlung ist wie ein fünfaktiges Drama aufgebaut.
  • Von der Textsorte her kann die Erzählung als Kurzgeschichte gelten.
Dies ist ein Auszug aus Königs Erläuterungen zu »Sommerhaus, später«.

Stil und Sprache

  • Die Ich-Erzählerin zeichnet sich durch ihre scheinbare Objektivität aus, ein Mittel, um ihre emotionale Beteiligung zu leugnen.
  • Der Raum des Textes besteht aus einem zweigeteilten geografischen Raum (Berlin und Uckermark) sowie einem symbolischen Raum (Moloch Stadt vs. Idylle Land).
  • Die erzählte Zeit umfasst zweieinhalb Jahre, im engeren Sinn die Zeit von Anfang Dezember bis Mai des folgenden Jahres.
  • Der Text verzichtet weitgehend auf Beschreibungen und Reflexionen.
  • Der Text fällt durch seine emotionsarme, lakonisch-einfache Sprache auf. Es dominieren Hauptsätze; Bilder oder Vergleiche fehlen weitgehend. Der schmucklos-lapidare Stil erzeugt eine distanzierte, unterkühlte Erzählweise.
  • Der Text enthält neun Symbole: sechs Dingsymbole (Haus, Schiff, Kirche, Efeu, Schnee, Schlüssel), ein Namenssymbol (Stein), ein Zahlensymbol (dreiundzwanzig) und ein Farbsymbol (Blau).
  • Der Text enthält neben drei kleinen Motivketten (Musik, Drogen, Eigenschaften) zwei große Motivblöcke: den Block der Raummotive und den Block der Kommunikationsmotive.
  • Kennzeichnend für Hermanns Figuren, v. a. die Erzählerin, ist ein Aufschiebeverhalten (Prokrastination); ihr Verhältnis zum Thema Liebe ist generationstypisch problematisch.
Dies ist ein Auszug aus Königs Erläuterungen zu »Sommerhaus, später«.

Zeitgeschichtlicher Hintergrund

Judith Hermann wurde am 15. Mai 1970 in Berlin-Neukölln geboren, brach mehrere Ausbildungsversuche ab und trat als Sängerin und Managerin einer Pop-Band bei, schloss eine Ausbildung als Journalistin mit Diplom ab, lebt und schreibt heute als Journalistin und Autorin in Berlin.

Die Handlung spielt im wiedervereinigten Deutschland nach der Wende. Auf den realpolitischen Hintergrund der Berliner Republik wird jedoch kaum eingegangen. Hermanns Erzählungen konzentrieren sich auf generations-spezifische Probleme in privatmenschlichen Beziehungen.

Dies ist ein Auszug aus Königs Erläuterungen zu »Sommerhaus, später«.

Entstehung und Quellen

Judith Hermann verfasste im Rahmen eines Autorenstipendiums 1997 ihren ersten Erzählband »Sommerhaus, später«, der ein Jahr später erschien.

Inspirieren ließ sich die Autorin dabei vor allem von persönlichen Gesprächen, Erlebnissen und Eindrücken.

Mit dem US-Erzähler Raymond Carver, mit dem sie Kritiker oft vergleichen, hat sich Hermann nach eigener Aussage erst nach Erscheinen ihres Debütbandes beschäftigt.

Dies ist ein Auszug aus Königs Erläuterungen zu »Sommerhaus, später«.

Interpretationsansätze

Man kann den Text unter folgenden zehn Aspekten interpretieren:

  • dem biografischen Ansatz, der der Autorin die fiktionalisierte Überprüfung und Erprobung eigener und alternativer Lebensentwürfe unterstellt,
  • dem ästhetischen Ansatz, der die Kurzgeschichte als eine skeletthafte Erzählung des Verschweigens und Verbergens auffasst,
  • dem textsortentheoretischen Ansatz, der überprüft, inwieweit die Einordnung des Textes als Kurzgeschichte berechtigt ist,
  • dem kommunikationstheoretischen Ansatz, der die Beziehungsunmöglichkeit der beiden Protagonisten auf kommunikatives Fehlverhalten zurückführt,
  • dem sozio-historischen Ansatz, der den Text als Darstellung der Boheme-Atmosphäre der Nachwendezeit in Berlin-Kreuzberg versteht,
  • dem Gender-Ansatz, der das Verhältnis der Geschlechter zueinander beleuchtet, das sich von den traditionellen Rollenbildern zu lösen versucht,
  • dem psychologischen Ansatz, der den Text liest als Psychogramm einer Identitätskrise,
  • dem philosophischen Ansatz, der hinter dieser Identitätskrise eine Krise in der Entwicklung des Individuums erkennt,
  • dem rezeptionsästhetischen Ansatz, der die Erzählung als anspruchsvollen generationsstiftenden Text wertet,
  • dem rezeptionssoziologischen Ansatz, der erwägt, welche Lebenseinstellung die Erzählung dem Rezipienten nahelegt.
Dies ist ein Auszug aus Königs Erläuterungen zu »Sommerhaus, später«.

Rezeptionsgeschichte

  • Der Erzählband fand kurz nach Erscheinen 1998 zunächst nur geringe Resonanz.
  • Er wurde jedoch bald schon von den Feuilletons aller großen deutschsprachigen Zeitungen anerkennend besprochen.
  • Er wurde vor allem von der literaturkritischen TV-Sendung »Das Literarische Quartett« im Fernsehen hoch gelobt, gerade auch vom damaligen »Literaturpapst« Marcel Reich-Ranicki.
  • Judith Hermann gewann in der Folge mehrere Literaturpreise (u. a. Kleist-Preis 2001) und wurde als eine der wichtigsten jungen deutschen Autorinnen der Gegenwart gefeiert.
  • Hermanns Erfolg neben dem von Autorinnen wie Jenny Erpenbeck oder Julia Franck führte mit dazu, dass die Kritik von einem »Fräuleinwunder« in der deutschen Gegenwartsliteratur sprach.
  • Der Band hat mittlerweile eine Auflage von mehr als 500.000 verkauften Exemplaren.
Dies ist ein Auszug aus Königs Erläuterungen zu »Sommerhaus, später«.
Veröffentlicht am 16. April 2018, zuletzt aktualisiert am 24. April 2018.