Liebelei

2. Akt

2. Akt (Christines Zimmer):

Zusammenfassung:

Die Nachbarin und Ehefrau eines Strumpfwirkers, Katharina Binder, klopft an, als Christine sich umzieht und im Begriff ist, die Wohnung zu verlassen. Katharina möchte mit Christine eine Musikveranstaltung besuchen, an der auch der finanziell abgesicherte und an Christine interessierte Cousin des Strumpfwirkers teilnehme. Christine lehnt die Einladung jedoch ab, bevor kurze Zeit später Christines Vater Hans Weiring auftritt, der als Violinspieler am Josefstädter Theater tätig ist. Er verabschiedet seine Tochter und bestätigt sie in ihrem Vorhaben, bevor sie daraufhin die Wohnung verlässt.
In Christines Abwesenheit unterhalten sich Weiring und Katharina über die Freundschaft zwischen Mizi und Christine, wobei Katharina Mizi als schlechten Einfluss beschreibt und von einem Umgang der beiden miteinander abrät. Darüber hinaus präsentiert sie den Cousin ihres Mannes erneut als optimalen Lebenspartner für Christine. Hans Weiring hingegen bedauert, seine mittlerweile verstorbene Schwester zu streng behandelt zu haben und beteuert, diesen Fehler nicht bei Christine wiederholen zu wollen. Aufgrund dessen erwidert er, dass seine Tochter eine erfüllte und freie Jugend erleben solle.
Kurze Zeit später betreten Mizi und Christine aufeinander folgend die Szenerie, Katharina und Weiring entfernen sich unterdessen wieder aus der Wohnung. Christine klagt sowohl über Kopfschmerzen als auch über die Tatsache, dass Fritz das vereinbarte Treffen nicht eingehalten habe, worauf Mizi entgegnet, dass Christine Fritz zu lieb behandle. Zu Christines Freude tritt Fritz einige Augenblicke später ebenfalls ein, während Mizi die Szene verlässt. Auch Fritz scheint über das Wiedersehen mit Christine glücklich zu sein. Fritz gibt an, das Gut seiner Eltern für ein paar Tage besuchen zu wollen. Theodor, der anschließend eintritt, fahre angeblich mit ihm. Der tatsächliche Grund für Fritz‘ Abwesenheit ist jedoch das bevorstehende Duell mit dem namenlosen Mann.

Analyse:

Mit dem Vater Hans Weiring und der Nachbarin Katharina Binder werden hier zwei entgegengesetzte Verhaltensmöglichkeiten des Kleinbürgertum gegenübergestellt. Katharina wirkt oberflächlich, berechnend und übergriffig, indem sie Christine den Verwandten aufdrängt, abwertend über Mizi spricht und stets den gesellschaftlichen und finanziellen Nutzen der Männer im Blick behält (»Der Franz ist ein sehr anständiger Mensch – jetzt ist er sogar fix angestellt, das ist doch heutzutag ein Glück für ein…«). Christines Vater hingegen hat in erster Linie das Wohlergehen der Tochter im Blick und gesteht ihr Freiheit und eigenständige Entscheidungen zu. Auch die Bedenken im Hinblick auf die Freundschaft zu Mizi winkt er ab: »Ich bin wirklich froh, daß die Tini eine Ansprach‘ hat und nicht in einem fort zu Hause sitzt. Was hat denn das Mädel eigentlich von ihrem Leben!...« Hans Weiring wirft sich selbst vor, mit der Schwester zu streng gewesen zu sein und nimmt sich vor, dies bei der Tochter anders zu handhaben – ihm haftet dadurch eine Flexibilität der Werte und eine Selbstreflexion an, die Katharina vollständig fehlt.
Fritz‘ im ersten Akt bereits angedeutetes Verhaltensmuster, in Christines Privatsphäre einzutauchen, sich selbst dabei aber nicht zu öffnen, wird im zweiten Akt weiter intensiviert: Hier stellt er nicht nur persönliche Fragen, sondern besucht Christine daheim. Im Unterschied zum ersten Akt sind die beiden größtenteils allein in Christines Zimmer – andere Personen sind nur zu Beginn und am Ende des Aktes anwesend. Auf diese Weise vollzieht sich die Handlung auf einer persönlicheren Ebene als im Vorigen. Verstärkt wird der Eindruck dadurch, dass Fritz Christines Einrichtung genauer betrachtet.
Besonders interessiert schaut er sich ihre Bilder an (»Ah, die möcht‘ ich mir ansehn.« Er nimmt die Lampe und beleuchtet die Bilder). Dabei fällt insbesondere auf, dass er das gegen Christines Willen macht: »Nein, anschaun darfst du dir da nichts«. Er überschreitet also mit dem Besuch nicht nur die Standesgrenzen, sondern auch Christines persönliche Grenzen. Dies führt die emotionale Wehrlosigkeit der naiven Protagonistin vor Augen – ihre Wünsche werden missachtet, selbst wenn sie etwas dagegen zu unternehmen versucht. Des Weiteren wird das ambivalente Verhalten des jungen Fritz weiter betont: Er selbst verteidigt die eigenen Grenzen energisch und übergeht die der Partnerin. Fritz will in Christines Gefühls- und Gedankenwelt eintauchen, ohne jedoch eigene Konsequenzen hinzunehmen oder seine Freiheit einschränken zu müssen. Er will und kann seine Rolle nicht gänzlich aufgeben.
Einer Akzentuierung bedarf die Tatsache, dass Christine Fritz nicht nur, trotz ihres vorangegangenen Verbots, ungestört die Bilder betrachten lässt, sondern dass sie sich darüber hinaus sogar für die Bilder zu schämen scheint und der Meinung ist, sich dafür rechtfertigen zu müssen: »Ich weiß schon, daß die Bilder nicht schön sind. – Beim Vater drin hängt eins, das ist viel besser.« Dadurch wird die schier endlose Liebe Christines zu Fritz und ein damit verbundener Wunsch, ihm zu gefallen und alles recht zu machen, transportiert. Darüber hinaus zeigt es auch die tiefe Verbindung zum Vater Hans Weiring. Christine fühlt sich in diesem Moment unsicher ihrer Selbst und sucht Halt und Stabilität in der Referenz auf den Vater – dieser bietet ihr Schutz und Geborgenheit.
Das angesprochene Bild, das im Zimmer des Vaters hängt, beschreibt Christines eigene Situation: »Das ist ein Mädel, die schaut zum Fenster hinaus, und draußen, weißt, ist der Winter – und das heißt ,Verlassen‘«: Christine, selbst ein Mädel – genauer ein »süßes Mädel« – schaut selbst »zum Fenster hinaus«, womit gemeint ist, dass sie in einer Situation der Abgeschiedenheit und Trennung dem Unerreichbaren (der bedingungslosen, endlosen Liebe des Partners) hinterherschaut. Die Fenstermetapher transportiert Sehnsucht nach Liebe, Distanz zum Geliebten und ein Verlorensein, was durch den Titel »Verlassen« und das Wort »Winter« noch verstärkt wird. Winter kann stellvertretend für Leiden und letzten Endes den Tod gesehen werden, präfiguriert hier also das Ende der Protagonistin. Der Einschub »weißt« wirkt sehr eindringlich und beinahe wie eine Bitte, das Mädel im Bild, und damit Christine, aus dieser Situation zu befreien. Dazu ist einzig der geliebte Fritz in der Lage. Dieser bevormundet sie, als er sich umsieht: »Nein, Kind, das gehört nicht da herein… das sieht verstaubt aus«. Bereits im ersten Akt nennt er Christine ein »Kind« und stilisiert sie so zu einem Kind. Hier geht er noch einen Schritt weiter und erteilt ihr fast väterliche Anweisungen. Auf diese Weise übernimmt er die Rolle des Verantwortlichen, der nach Belieben über sie bestimmen kann und damit ihr Glück und ihr Leiden in den Händen hält.
Um ihr nichts vom anstehenden Duell erzählen zu müssen, gibt Fritz vor, für einige Tage mit Theodor das Gut der Eltern besuchen zu wollen. Damit will er einerseits die Leichtigkeit der Beziehung bewahren, andererseits aber verhindern, dass Christine von der anderen Frau erfährt. Nicht nur würde er Christine damit zutiefst kränken, sondern auch die Beziehung zu ihr gefährden, sodass er allein dastünde. Es ist anzunehmen, dass Fritz damit rechnet, dass das Duell nicht gut ausgehen wird und er die letzten Stunden vor seinem Tod genießen möchte. Dadurch, dass er in Christines Privatsphäre, Gedanken und Seele vorzudringen versucht, will er jene Nähe empfinden – zumindest für seine letzten Stunden –, die ihm Zeit seines Lebens verwehrt blieb. Dass er tatsächlich den Gedanken hegt, im Duell zu sterben, wird dadurch akzentuiert, dass er am Ende des zweiten Akts noch einmal umkehrt, um Christine ein zweites und intensiveres Mal mit den Worten »Leb wohl!« zu verabschieden, es ist ein Abschied für immer.

Veröffentlicht am 31. Mai 2022. Zuletzt aktualisiert am 15. Juli 2022.