Oliver Jahraus bezeichnet »Das Urteil« als »Novelle« (Jahraus, 2023:13), Kafka hingegen nannte es lediglich eine »Geschichte« (41). Tatsächlich aber lässt sich »Das Urteil« durchaus als Novelle verstehen. Eine Novelle nach Theodor Storm ist eine Tragödie in Erzählform. Oftmals hat sie ein Leitmotiv und schildert eine besondere Begebenheit. Ein weiteres Kriterium ist, dass sie innerhalb eines Durchganges gelesen werden kann. Alles dies trifft auf »Das Urteil« zu.
So können die ersten beiden Absätze als Exposition verstanden werden. Hier wird auf quasi-idyllische Weise in den Text eingeführt. Georg Bendemann erscheint als zufriedener, erfolgreicher Kaufmann.
Im Anschluss daran gerät die Handlung in Gang. Dies erfolgt über erste Widersprüche zur Exposition. Es ließe sich also durchaus sagen, die Handlung entfaltet sich in einer Negativbewegung. Dies geht einher mit einer veränderten Fokalisierung der Erzählinstanz. Ist die Exposition noch nullfokalisiert geschildert, wechselt der Folgeabschnitt in die interne Fokalisierung. In diesem Abschnitt erfahren Leserinnen und Leser näheres über Georgs Lebensumstände. Als erregendes Moment und Leitmotiv hingegen fungiert der Brief, den Georg an den Freund abschicken will.
Dieser Brief bewegt ihn auch dazu, den Vater zu besuchen. Es macht zunächst den Eindruck, Georg sei ein fürsorglicher Sohn, dann aber kommt es zum dramatischen Höhepunkt: der umschlagenden Handlung. Der Vater erweist sich als Gegenspieler Georgs. Weil er sich gleichzeitig als heimlicher Verbündeter des Freundes herausstellt, kann sogar von einer Anagnorisis gesprochen werden.
Folgerichtig endet »Das Urteil« dann auch in der Katastrophe. Zuvor mag als retardierendes Moment noch der leicht veränderte Tonfall des Vaters vor der Verkündung seines Urteils verstanden werden: Es tritt auf einmal Mitleid hervor (60). Das Urteil als schicksalhaftes aber lässt sich nicht verhindern. Der Vater scheint es aussprechen zu müssen und Gregor muss ihm folgen. »Das Urteil« könnte, so man den Dramenaufbau als das Charakteristikum schlechthin für die Novelle anlegt, als Musterbeispiel einer Novelle gelten. Kafka selbst scheint das indes weniger bewusst gewesen zu sein. Er bleibt auch in späteren Fassungen bei der Bezeichnung »Geschichte«.