Das Urteil
Zitate und Textstellen
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»So beschränkte sich Georg darauf, dem Freund immer nur über bedeutungslose Vorfälle zu schreiben, wie sie sich, wenn man an einem ruhigen Sonntag nachdenkt, in der Erinnerung ungeordnet aufhäufen.«– S. 47
Der Sonntag wird hier als bevorzugter Tag für eher unwichtige, nebensächliche und vor allem unverfängliche Tätigkeiten vorgestellt. Das, was sich in der Folge allerdings abspielt, trägt eher den Charakter einer Tragödie, ist also erschütternd, schicksalshaft und letztendlich vernichtend. Der idyllische Sonntag lässt diese tragischen Züge noch deutlicher hervortreten, die Idylle erweist sich als oberflächlich. An den Rändern dieser Idylle brechen ungelöste Konflikte auf.
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»Oft sprach er mit seiner Braut über diesen Freund und das besondere Korrespondenzverhältnis, in welchem er zu ihm stand.«– S. 47
Monika Ritzer versteht das »besondere Korrespondenzverhältnis« als »›Briefwechsel‹ wie unterschwelliger ›Zusammenhang‹« (Ritzer, 2010: 156). Freund und Georg könnten so auch als zwei Seiten derselben Individualität begriffen werden. In diesem Sinne gibt es keinen Freund in Petersburg, sondern lediglich ein Alter Ego Georgs, das den Mut gehabt hätte, Junggeselle und Künstler zu werden. Eine Lesart, die Speirs zurückweist (vgl. Speirs, 2006: 97).
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»›Wenn du solche Freunde hast, Georg, hättest du dich überhaupt nicht verloben sollen.‹«– Frieda - S. 48
Dieser rätselhafte Satz könnte ein Hinweis auf die defizitäre Bindung sein, die Georg zum Freund verspürt. Weil er kein Mitgefühl für den Freund aufbringt, könnte der Satz heißen, ist er auch als Verlobter ungeeignet, da er, wenn er sich schon nicht um seine Freunde kümmern kann, auch für seine Verlobte nur wenig Mitgefühl aufbringen wird.
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»Georg staunte darüber, wie dunkel das Zimmer des Vaters selbst an diesem sonnigen Vormittag war.«– S. 50
Dass Georg überhaupt nicht weiß, unter welchen Umständen der Vater lebt, zeigt, dass er sich eben nicht um ihn gekümmert hat. Auch dies ist Ausweis für die schlechte Bindungsfähigkeit Georgs und für seinen Egoismus.
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»›Aber weil wir gerade bei dieser Sache sind, bei diesem Brief, so bitte ich dich Georg, täusche mich nicht. Es ist eine Kleinigkeit, es ist nicht des Atems wert, also täusche mich nicht. Hast du wirklich diesen Freund in Petersburg?‹«– Vater - S. 52
An dieser Stelle macht der Vater einen verwirrten Eindruck auf Leserinnen und Leser. Unklar bleibt bei nochmaliger Lektüre aber die Reaktion Georgs. Versteht er den Vater ebenfalls als verwirrten alten Mann oder meint er, der Vater bezwecke mit dieser Frage etwas? Georgs Reaktion jedenfalls besteht in einer merkwürdigen Beschwichtigung, die nicht so ganz zu passen scheint: »Lassen wir meine Freunde sein. Tausend Freunde ersetzen mir nicht den Vater« (52).
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»›Ich erinnere mich noch, daß du ihn nicht besonders gern hattest. Wenigstens zweimal habe ich ihn vor dir verleugnet, trotzdem er gerade bei mir im Zimmer saß.‹«– Georg - S. 54
Die zweimalige Verleugnung ist eine Anspielung auf Petrus, der Jesus insgesamt drei Mal verleugnet haben soll. Dass Georg den Freund nun »wenigstens zweimal« verleugnet hat, hält diese Interpretation aber in der Schwebe. Es ist gut möglich, dass er es auch dreimal getan hat, sicher ist er sich dessen nicht. Und so ist es auch nicht klar, welchen Status der Freund eigentlich hat. Ist er eine Erlöser-Figur? Dann würden ihm die drei Petrus’schen Verleugnungen zustehen. Ist er nur eine Folie? So würden zwei Verleugnungen reichen. Die merkwürdige Formulierung bewahrheitet das mittlerweile fast zur Plattitüde gewordene Adorno-Diktum zu Kafka: »Jeder Satz spricht: Deute mich, und keiner will es dulden« (Adorno, 1955: 304).
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»Auf seinen Armen trug er den Vater ins Bett. Ein schreckliches Gefühl hatte er, als er während der paar Schritte zum Bett hin merkte, daß an seiner Brust der Vater mit der Uhrkette spiele.«– S. 55
An dieser Stelle sind die Rolle von Vater und Sohn auf eine groteske Art und Weise vertauscht. Das Bild erscheint durch den grotesken Zug nicht unbedingt lustig, eher hat es verstörendes Potenzial. Genau das korrespondiert auch mit dem »schrecklichen Gefühl« Georgs, der sich nicht überlegen fühlt. Vielmehr hat die Situation etwas unheimliches an sich.
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»›Nein!‹ rief der Vater, daß die Antwort an die Frage stieß«.– Vater - S. 56
Dies ist der Wendepunkt der Erzählung beziehungsweise der Novelle. Gleichzeitig ist es ein gutes Beispiel für Kafkas punktuell bildliche Sprache. Grundsätzlich werden in der gesamten Novelle Redefiguren eher sparsam eingesetzt. Hier aber bricht der Text mit dieser Logik. Die Antwort, die an die Frage stößt, evoziert ein comichaftes Bild, in dem Antwort und Frage zu konkreten Gegenständen geworden sind. Es lässt sich ungefähr so vorstellen wie zwei Sprechblasen im Comic, bei denen die eine die andere zu verdrängen sucht. Intensiviert wird dieses Bild dadurch, dass Frage und Antwort auf der Ebene ihrer Funktion strikt aufeinander bezogen sind. Frage und Antwort evozieren einander, weichen allerdings gleichzeitig radikal voneinander ab. Es handelt sich hier nicht um zwei ephemere Gegenstände, sondern um zwei semantische Entitäten, die durch eine nicht auflösbare Spannung miteinander in Beziehung stehen. Die Spannung konstituiert sich durch die Gleichzeitigkeit einer partiellen Identität – da Frage und Antwort hinsichtlich ihrer Referenz auf einen Sachverhalt, der Gegenstand der Frage und der Antwort ist, übereinstimmen – mit einer radikalen Differenz: Frage und Antwort unterscheiden sich ihrer Funktion nach, bilden konträre Pole eines Spektrums ab.
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»›Ein unschuldiges Kind warst du ja eigentlich, aber noch eigentlicher warst du ein teuflischer Mensch!‹«– Vater - S. 60
Ein scheinbares Paradox. Das Kind war unschuldig, ist aber zu einem teuflischen Menschen geworden. Eine Lesart, die Kafka im »Brief an den Vater« auch seinem Vater unterstellt (vgl. Kafka, 2005: 7). Allerdings hängt diese Lesart an einem Verständnis von »eigentlich«, das dem Adverb eine zeitliche Eigenschaft unterstellt. Die falsche Komparation *eigentlicher setzte in diesem Falle einen Unterschied zwischen dem Kind und dem aus diesem folgenden Menschen. Diese Lesart allerdings wird konterkariert durch die Verwendung des Präteritums, die eine Gleichzeitig zwischen Kind- und Mensch-Sein nahezulegen scheint.
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»In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr«– S. 61
Max Brod berichtet, Kafka hätte ihm berichtet, er habe bei der Schreibung dieses letzten Satzes an eine Ejakulation gedacht (vgl. Anz, 2010: 67). Ritzer hingegen hat eine andere Lesart: »Der berühme Schlusssatz des Urteils […] verbildlicht das Herausfallen des ›Selbstmord‹ begehenden, d. h. identitätslos endenden Protagonisten aus den vielfältigen Kommunikationsprozessen, die das menschliche Leben durchziehen« (Ritzer, 2010: 162). In diesem Sinne ist »Verkehr« also als »Umgang« zu verstehen.