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Das Urteil

Sprache und Stil

Kafkas Sprache ist anders. Darauf weist auch Speirs hin, wobei er sich dabei vor allem auf die merkwürdige Ausdrucksweise Kafkas in dessen Selbstinterpretationen bezieht (Speirs, 2006: 97 f.). Genau das ist aber auch in »Das Urteil« der Fall. Die Sprache erscheint zwar auf den ersten Blick eher unauffällig, geradezu schnörkellos, so einfach ist es aber nicht.

Im Vergleich mit anderen Dichtungen der gleichen Zeit ist Kafkas Sprache eher einfach. Vergleicht man sie etwa mit dem pathetischen Expressionismus, so wirkt sie nüchtern. Vergleicht man sie mit dem lyrischen Symbolismus, etwa Rilke, so wirkt sie unauffällig, wenig dichterisch. Tatsächlich aber würde dies die immense Wirkung, die die Texte Kafkas auf Leserinnen und Leser haben, kaum erklären können.

Die Sprache ist zwar einfach gehalten, sie wirkt aber durch eine gesteigerte Anschaulichkeit und durch die Zusammenstellung von Eindrücken, die eigentlich nicht zueinander passen. Da ist etwa die Schilderung, dass Georg die Treppe hinabläuft »wie auf einer schiefen Ebene« (60). Die Sprache Kafkas gewinnt eine filmische Qualität – Alt nennt Kafkas Erzählen daher auch »kinematografisch« (Alt, 2009). 

Hinzu kommt eine ungeheure Prägnanz des Ausdrucks. Das gilt für spätere Werke vielleicht noch stärker, etwa für den ersten Satz von »Die Verwandlung« oder von »Der Proceß«, doch auch in »Das Urteil« gibt es Sätze vom Format eines »Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett verwandelt in ein ungeheures Ungeziefer«. Etwa der letzte: »In diesem Moment ging über die Brücke ein nahezu unendlicher Verkehr« (61).

Das Besondere solcher Sätze lässt sich in ihrer Spannung zwischen Einfachheit und Komplexität fassen. Sie sind ohne weiteres zu verstehen, verhältnismäßig kurz und schildern mimetisch deutliche Begebenheiten. Ein weiteres Nachdenken allerdings erweist sie als hochgradig komplex, als ambivalent, vielleicht tiefsinnig – vielleicht sogar ironisch. 

Ein Satz wie: »›Ein unschuldiges Kind warst du ja eigentlich, aber noch eigentlicher warst du ein teuflischer Mensch!‹« (60). Erscheint zunächst eine Verballhornung zu sein, schließlich lässt sich »eigentlich« eigentlich nicht komparieren, tatsächlich aber gelingt es doch und es hat sogar eine immense Wirkung. Nur, welche Wirkung das genau ist, lässt sich gar nicht so richtig benennen.

Klarer, weil comic-hafter, sind da schon solche Sätze: »›Nein!‹ rief der Vater, daß die Antwort an die Frage stieß« (58). Wobei auch hier ein zweites Nachdenken erweist, dass es so klar doch nicht ist. Kafkas Sprache verbleibt in genau dieser Spannung. Und genau dies macht auch die Stärke aus. Die Spannung ist der Grund, warum Texte von Kafka auch heute noch funktionieren. Und das sogar in den Übersetzungen. 

Veröffentlicht am 13. Mai 2024. Zuletzt aktualisiert am 13. Mai 2024.