Das Urteil
4. Abschnitt – »Bin ich jetzt gut zugedeckt?« (52–55)
Zusammenfassung
Der Vater macht auf Georg augenscheinlich einen verwirrten Eindruck. Anscheinend meint Georg, dass er sich in Zukunft besser um den Vater zu kümmern habe. Er verspricht ihm, eine ruhigere Lebensweise für ihn durchzusetzen, in Zukunft besser auf ihn zu achten. Georg gibt vor, einen Arzt rufen zu wollen. Dann aber entscheidet er sich doch um, und will den Vater lediglich in sein Zimmer bringen, weil es dort heller sei.
Der Vater aber geht nicht auf das von Georg geäußerte ein und insistiert darauf, dass Georg keinen Freund in Petersburg habe. Georg sei ein Spaßmacher, sagt er. Georg aber versucht, die Erinnerung an den Freund, den der Vater persönlich kennengelernt habe, wieder wachzurufen. Der Vater müsse sich erinnern, er habe den Freund auch nicht sonderlich gemocht. Dann aber hätten sie sich ganz gut unterhalten, namentlich weil der Freund spannende Geschichten aus der Zeit der russischen Revolution von 1905 habe erzählen können.
Unterdessen entkleidet Georg den Vater und macht sich Vorwürfe. Er habe den Vater vernachlässigt, denkt Georg. Deswegen entschließt er sich, den Vater nach der Hochzeit bei sich im neuen Haus aufzunehmen. Dabei trägt er den Vater ins Bett, während der Vater infantil mit der Uhrkette Georgs spielt. Im Bett aber scheint sich der Vater wohlzufühlen. Er deckt sich selbst zu und fragt mehrfach nach, ob er auch richtig zugedeckt sei.
Analyse
Die Frage nach der Existenz des Freundes verunsichert Georg. Er antwortet ausweichend und betont, dass er die Lebensumstände des Vaters unbedingt verbessern wolle. Allerdings formuliert er dies als Vorwurf: »Du schonst dich nicht genug. [...] Du sitzt hier im Dunkel, und im Wohnzimmer hättest du schönes Licht. Du nippst vom Frühstück, statt dich ordentlich zu stärken. Du sitzt bei geschlossenem Fenster, und die Luft würde dir so gut tun. Nein Vater!« (52 f.). Im Anschluss malt er ihm aus, wie er sich um ihn kümmern werde.
Diese Szene könnte im Rahmen einer Dramenhandlung als erregendes Moment innerhalb der steigenden Handlung verstanden werden: Es wäre möglich, dass Georg sich seines Vaters annähme, die beiden ihr Verhältnis authentischer gestalteten und es so zum Happy-End kommt. Natürlich geschieht genau das nicht. Doch der Vater wird nicht nur als planvoll beschrieben, er trägt durchaus Züge, die Georgs Gedanken, es handele sich um ein quasi-dementes Verhalten, zu stützen vermögen.
So sind etwa die »Pupillen in dem müden Gesicht des Vaters übergroß« (53). Pupillenerweiterungen treten unter anderem bei großem Stress oder nach der Einnahme halluzinogener Stoffe wie Tollkirsche auf. Auch Psychosen und Wahnzustände können mit erweiterten Pupillen einhergehen. Gleichwohl ist es im Zimmer des Vaters auch dunkel, sodass es sein kann, dass sich die erweiterten Pupillen schlichtweg diesem Fakt verdanken. Nichtsdestotrotz macht der Vater einen mindestens ambivalenten Eindruck.
Besonders eindrucksvoll wird dieser ambivalente Zustand des Vaters geschildert, wenn Georg ihn ins Bett bringt. Zuvor hieß es noch, der Vater sei »ein Riese« (50). Nun aber heißt es: »Auf seinen Armen trug er den Vater ins Bett. Ein schreckliches Gefühl hatte er, als er während der paar Schritte zum Bett hin merkte, daß an seiner Brust der Vater mit der Uhrkette spielte. Er konnte ihn nicht gleich ins Bett legen, so fest hielt er sich an dieser Uhrkette« (55). Es scheint hier also der Fall zu sein, dass Georg seinen Vater eher als Riesen sieht, als dass dieser ein Riese ist. Speirs schreibt dazu: »Als Georg ins Zimmer seines Vaters tritt, sieht er den ihm entgegenschreitenden Vater in der Optik einer Kindheitserinnerung« (Speirs, 2006: 93 f.). Die wahrgenommene Größe des Vaters erklärt sich so als Wirkung des Effekts, den der Vater auf Georg macht.
Gleichzeitig erscheinen die Rollen hier zur Gänze umgekehrt. Der Vater benimmt sich wie ein Säugling. Nicht nur lässt er sich ins Bett tragen, er spielt auch noch wie ein Baby mit der herabhängenden Kette. Boa geht davon aus, dass »der Vater mit Georgs Uhrkette spielt, wie einst wohl Georg als Baby mit der des Vaters« (Boa, 2010: 470). Die Rollen sind also – kurzzeitig – völlig vertauscht, wenngleich sie, schließlich handelt es sich beim Vater um einen alten Mann, auf eine karikatureske Weise pervertiert erscheinen.
Ferner ist an diesem Abschnitt beachtenswert, wie Georg versucht, dem Vater den Freund in Erinnerung zu rufen. Dabei sagt er: »Wenigstens zweimal habe ich ihn vor dir verleugnet, trotzdem er gerade bei mir im Zimmer saß« (54). Und wenige Sätze später erzählt er von einem Bericht des Freundes: »Wie er z. B. auf einer Geschäftsreise in Kiew bei einem Tumult einen Geistlichem auf einem Balkon gesehen hatte, der sich ein breites Blutkreuz in die flache Hand schnitt, diese Hand erhob und die Menge anrief« (ebd.).
Die religiösen Assoziationen sind hier offensichtlich; das Thema der Verleugnung ruft Erinnerungen an den Apostel Petrus wach, das Blutkreuz nur wenig später verweist auf den gekreuzigten Christus. Gleichwohl erscheinen die religiösen Konnotationen eher als Zitate, die nebenher unterlaufen. Ob damit wirklich eine religiöse oder gar eschatologische Lesart angeregt werden soll, darf mit Speirs bezweifelt werden (vgl. Speirs, 2006: 95 f.).
Zusätzlich sei auf noch eine Parallele zum »Brief an den Vater« hingewiesen. Im Tagebuch und in besagtem Brief spricht Kafka von dem Theatermann Jizchak Löwy, mit dem ihn eine Freundschaft verbunden habe. Im »Brief an den Vater« schreibt Kafka: »Ohne ihn zu kennen, verglichst Du ihn in einer schrecklichen Weise, die ich schon vergessen habe, mit Ungeziefer« (Kafka, 2005: 4). Gar so abweisend ist Georgs Vater zwar nicht, dennoch kultiviert er eine »Abneigung« (54) gegen den Freund – der Grund für die zweimalige Verleugnung.