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Das Urteil

1. Abschnitt – Exposition, 1. und 2. Absatz (43–44)

Zusammenfassung

Georg Bendemann sitzt an einem Sonntagvormittag in seinem Zimmer am Schreibtisch und hat soeben einen Brief fertig geschrieben. Er spielt noch mit dem Verschluss des Briefes und betrachtet die Aussicht: Es ist Frühjahr, aus seinem Zimmer im ersten Stock hat Georg einen Blick auf einen Fluss, eine Brücke und das gegenüberliegende Ufer.

Der Brief ist an einen Freund von Georg adressiert, der sich seit einigen Jahren im Ausland, genauer: in Russland, befindet. Nach anfänglichen Erfolgen häufen sich bei dem Freund die geschäftlichen Misserfolge. Der Freund kommt auch immer seltener zu Besuch, hat sich äußerlich verändert und scheint sich im Anfangsstadium einer Krankheit zu befinden. In der neuen Gesellschaft hat er keine Kontakte. Er trifft sich weder mit exilierten Landsleuten noch mit Einheimischen. Er ist isoliert.

Analyse

»Das Urteil« beginnt als Idylle. Die Handlung setzt an einem »Sonntagvormittag im schönsten Frühjahr« (43). Georg Bendemann wird als Kaufmann vorgestellt, es handelt sich bei diesem Sonntag also nicht nur um einen schönen, sondern vor allem auch um einen arbeitsfreien Tag. Gleichzeitig zeigen die Häuser in ihrer »langen Reihe, fast nur in der Höhe und Färbung unterschieden« (ebd.), bereits eine gewisse Künstlichkeit der Idylle an. Es handelt sich um ein fabriziertes und sehr bürgerliches Glück – ein Reihenhausglück.

Im Gegensatz zu diesem Glück arrivierter Bürgerlichkeit ist von Anfang an Georgs Freund konzipiert. Dieser ist in der Fremde und gehört dort weder »der dortigen Kolonie seiner Landsleute« (44) noch den einheimischen Gruppen an. Ohne soziale Zugehörigkeit ist der Freund ein typischer Fremder und damit weist er einen besonders prekären Status auf. Aus Sicht Gregors jedoch ist der Freund noch nicht ganz entfremdet, denn »der fremdartige Vollbart verdeck[t] nur schlecht das seit den Kinderjahren wohlbekannte Gesicht« (43). Ein Rest Verbundenheit ist scheinbar noch vorhanden. Gleichwohl kann man Georg in den Folgeabschnitten dabei beobachten, wie er die Entfremdung argumentativ immer weitertreibt.

Dass der Freund ausgerechnet nach Russland ausgewandert ist, kann mit den Assoziationen zu tun haben, die Kafka mit diesem Land verbindet (vgl. Ritzer, 2010: 156). In einem kurzen Text im Tagebuch schreibt Kafka von einem »Erlebnis, das man wegen seiner für Europa äußersten Einsamkeit nur russisch nennen kann« (Kafka, 2002: 348). Erlangen kann man dieses Erlebnis nur dann, wenn man völlig unvorbereitet seine Familie und seine gewohnten Strukturen verlässt (vgl. ebd.). Russland ist für Kafka also potenzierte Einsamkeit.

Veröffentlicht am 13. Mai 2024. Zuletzt aktualisiert am 13. Mai 2024.